Wall Street

J.P. Morgan ist vorerst der Gewinner der Finanzkrise

Nach der Krise stehen die US-Banken auf soliden Beinen, nur die miese Konjunktur bremst das Geschäft. Goldman Sachs verliert an Glanz.

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Es sind zwei kurze Wörter mit einem dicken Fragezeichen, die von der amerikanischen Presse auf Fotos quer über seine hohe Stirn geschrieben werden: "Who next?" Seit Monaten spekulieren die Medien über einen Abgang von Lloyd Blankfein, dem Chef der US-Bank Goldman Sachs. Er steht im Kreuzfeuer der Kritik. Schließlich bröckelt das Hochglanz-Image des Branchenprimus unter seiner Führung immer weiter.

Monatelang wurde die unschöne Rolle der Bank in der Immobilienkrise thematisiert, die letztendlich in einem teuren Vergleich mit der Börsenaufsicht SEC endete. 550 Millionen US-Dollar musste Goldman auf den Tisch legen, um das Thema zu beerdigen. Das wäre vielleicht alles schon vergessen, wenn Goldman jetzt die gewohnt glänzenden Zahlen vorgelegt hätte.

Doch auch hier patzte die Bank: Das Quartalsergebnis fiel so enttäuschend aus, wie schon lange nicht mehr. „Ich will das nicht schönfärben. Wir waren schlechter als erwartet“, gab sogar David Viniar, der Finanzchef der Bank, gegenüber Analysten bei der Vorstellung der Zahlen offen zu. Was nun folgt, ist ein Kostensenkungsprogramm und die Entlassung von rund 1000 der insgesamt 35.500 Mitarbeiter.

Vieles sieht danach aus, als müsste der stolze Branchenprimus seine Führungsrolle abgeben. Stets galt Goldman als die Bank mit dem glücklichsten Händchen. Doch nun ist es nicht mehr der Goldman-Chef, dem die Analysten an den Lippen hängen. Ihre größte Bewunderung gilt inzwischen einem anderen: Jamie Dimon. Der Chef von J.P. Morgan ist der neue Star an der Wall Street.

Er legt ein gutes Ergebnis nach dem anderen vor – und auch in diesem Quartal überraschte der Banker mit sensationellen Zahlen: „Da kann man nur noch ‚Wow!’ sagen“, kommentierten Analysten.

Statt Entlassungen trumpft die Bank mit der Nachricht auf, gerade 10.000 neue Stellen zu besetzen. Immer smart, immer charmant – Dimon beherrscht die Kunst der Inszenierung. So überreichte er als Geste für die Rückzahlung der Staatshilfe vor den Augen eines erstaunten Publikums dem US-Finanzminister Tim Geithner einen 25-Milliarden-Dollar-Scheck.

Die Machtverhältnisse an der Wall Street werden neu sortiert. Seit der Finanzkrise ist bei den Investmentbanken kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Merrill Lynch wurde von der Bank of America übernommen, Bear Stearns wurde von J.P. Morgan geschluckt und Lehman Brothers schloss bekanntermaßen seine Pforten gänzlich.

Goldman Sachs und Morgan Stanley haben ihren Sonderstatus einer Investmentbank aufgegeben. Dadurch konnten sie in der Krise Staatsgeld in Empfang nehmen – im Gegenzug mussten sie sich der gleichen Regulierung unterwerfen, wie andere Großbanken auch.

Dass noch weitere Veränderungen in der amerikanischen Bankenlandschaft anstehen, darin sind sich die Experten einig. Klar im Vorteil sehen sie dabei Geschäftsmodelle wie jenes von J.P. Morgan – einer Universalbank. Im Gegensatz zu Banken wie Goldman Sachs, die zwar stark im Wertpapierhandel und in der Beratung bei Unternehmensübernahmen sind, haben Universalbanken auch ein starkes Standbein im Endkundengeschäft.

Dort sind zwar nur kleine Gewinne zu holen – aber über die Masse ist der Beitrag zum Erfolg nicht zu vernachlässigen. Genau auf diesen Effekt spielt Carsten Baumgärntner, Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting Group an, wenn er vom Erfolg der so genannten „Flow-Monster“ spricht. Die Bedeutung von Größe, Vertriebskanälen und einer günstigen Refinanzierungsstruktur nehme zu, so der Experte.

J.P. Morgan ist ein solches Flow-Monster. Die zweitgrößte Bank der USA hat eines der größten Filial- und Geldautomatennetzwerke des Landes, ist aber auch in allen anderen Bereichen des Bankgeschäfts erfolgreich: „J.P. kann mit der vollen Palette an Finanzdienstleistungen punkten.

In vielen Bereichen sind sie unter den Top drei der Welt angekommen“, begründet etwa Christopher Wolfe, Spezialist für US-Banken bei der Ratingagentur Fitch, den Erfolg des Hauses. Während J.P. Morgan seit 2007 an der Börse seinen Wert steigern konnte, musste Goldman Sachs Einbußen hinnehmen (siehe Tabelle).

Insgesamt waren es durchwachsene Ergebnisse, die US-Banken in diesem Quartal ablieferten: Morgan Stanley steigerte die Erträge um 17 Prozent auf 9,3 Milliarden US-Dollar, die Citigroup schnitt besser ab als erwartet. Dass die Bank of America einen Rekordverlust hinlegte, ist vor allem einem milliardenschweren Vergleich geschuldet, den die Bank aufgrund von Rechtsstreitigkeiten aus der Immobilienkrise eingehen musste.

Insgesamt stehen die US-Banken heute deutlich solider da als vor der Krise. Sie haben eine festere Kapitalbasis und verlassen sich weniger auf kurzfristige Finanzierung. Doch dass die Konjunktur des Landes immer noch schleppend verläuft, macht auch den Finanzhäusern zu schaffen. Zwar sieht es auf den ersten Blick so aus, als würde das Privatkundengeschäft wieder gut laufen, doch beim genaueren hinsehen sind die guten Zahlen in diesem Bereich lediglich einer rückläufigen Risikovorsorge geschuldet.

Die Banken vertrauen wieder verstärkt darauf, dass die Kunden ihre Kredite zurückzahlen können. Schlechte Kredite aus den Vorkrisenzeiten fallen nach und nach aus den Büchern, jene, die erst nach der Krise abgeschlossen wurden weisen bessere Qualität auf, weil sie nach strengeren Kriterien vergeben wurden.

Doch Neugeschäft zu machen ist eine ganz andere Herausforderung: Das Geld sitzt bei den Kunden nicht mehr so locker. Zu lebhaft ist die Erinnerung an die Zwangsräumungen bei säumigen Zahlern, in Sachen Kreditaufnahme sind die Konsumenten heute vorsichtiger.

Schlechte US-Konjunktur belastet die Banken

Und auch von anderer Seite droht den Banken ein Dämpfer für ihre Gewinnererwartung. Die neue Finanzmarktregulierung schränkt den Eigenhandel und Investitionen in Beteiligungsfonds erheblich ein. „Teile des Geschäfts werden daher weg von den USA hin zu den Investmentbanken in Europa oder Asien wandern“, sagt BCG-Berater Baumgärtner.

Zudem müssen die Banken mehr Eigenkapital vorhalten. Insgesamt betrachtet müssten sich die Institute daher auf niedrigere Margen in einer Größenordung von 12 bis 15 Prozent des eingesetzten Kapitals einsetzen. Bislang waren 25 Prozent keine Seltenheit.

„Project Compass“ nennt Wells Fargo sein neues Kostensparprogramm. Auch andere Institute werden dem Beispiel folgen. Dass auch Goldman Sachs den Sparstift ansetzt, sehen Analysten als Warnsignal. Und dennoch sind sie keineswegs der Meinung, dass das schlechte Quartal Vorbote eines dauerhaften Einbruchs bei Goldman ist.

Dass die Einkünfte aus dem Investmentbanking im Vergleich zur Konkurrenz sogar besser waren, werten sie als Zeichen für ein gesundes Beraternetzwerk. Das Problem Goldmans in diesem Quartal lag im Handel mit festverzinslichen Wertpapieren, die anderen Bereiche liefen hingegen gut. Man sei angesichts der großen makro-ökonomischen Risiken vorsichtiger gewesen als in den Vorjahren, kommentierte Llyod Blankfein die Ergebnisse.

Und in der Tat hatte die Bank seit Ausbruch der Finanzkrise nie weniger Risiko auf die Bücher genommen als in diesen Jahr. Doch wer in diesem Geschäft wenig Risiko eingeht, macht auch wenig Gewinn. Was Goldman ängstigt, ist die ungelöste Schuldenproblematik, die wie ein Damoklesschwert über den Banken schwebt. Der Zahlungsausfall eines europäischen Landes würde die ganze Branche ins Wanken bringen.

Zwar haben die Europäer in dieser Woche eine unmittelbare Zahlungsunfähigkeit Griechenlands abermals abgewendet, gelöst ist das zugrundeliegende Schuldenproblem damit aber noch nicht. Und auch die USA kämpfen noch immer mit ihrer eigenen Schuldenproblematik.

„Angesichts der enormen Unsicherheiten in den Märkten kann es durchaus vernünftig sein, dass Goldman weniger Risiken eingegangen ist“, meinen die Analysten der Ratingagentur Fitch. Am Ende könnte Goldman abermals zeigen, dass sie das beste Gespür haben.