Fusion mit Wall Street

Deutsche Aktionäre machen Weg für Megabörse frei

Die Mehrheit der Deutsche-Börse-Aktionäre hat sich für eine Fusion mit der New Yorker Nyse ausgesprochen. Doch eine Hürde wartet noch.

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Lange ließen sich die Juristen der Deutschen Börse Zeit. Sie wollten erst ganz sicher sein, bevor sie zumindest das vorläufige Abstimmungsergebnis bekanntgaben. Um 16.48 Uhr war es dann soweit. Per Ad-hoc-Mitteilung informierte der Dax-Konzern die Öffentlichkeit: "Vorläufige Annahmequote des Umtauschangebots der Alpha Beta Netherlands Holding N.V. an die Aktionäre der Deutsche Börse AG steigt über Mindestannahmeschwelle", war da zu lesen.

Die Annahmequote liege bei über 80 Prozent. Geschafft. Nach den Anteilseignern der New Yorker Börse stimmten auch die Anteilseigner der Deutschen Börse dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen zum weltweit größten Handelshaus zu. Eine Umtauschquote von mindestens 75 Prozent musste erreicht werden, sonst wäre die Transaktion geplatzt.

Damit ist fünf Monate nach Ankündigung der Fusion die nächste Hürde auf dem Weg zur Megabörse genommen.Börsenchef Reto Francioni ist seinem Ziel ein Stück näher gekommen, ein transatlantisches Unternehmen zu schaffen, das sich vor allem den rasant wachsenden Börsen in Asien als künftiger Partner aufdrängen will. Gleichzeitig gilt es für Frankfurt und New York, ihre Marktposition gegen die aufstrebenden alternativen Handelsplattformen zu verteidigen. Organisationen wie Bats und Chi-X haben den etablierten Börsenorganisationen in den vergangenen Jahren kontinuierlich Marktanteile abgejagt.

Sie können dank ihrer schlanken Strukturen niedrigere Preise bieten. Der Gewinn der Deutschen Börse ging zurück. Francioni verwies stets darauf, dass das Börsengeschäft ein Skalengeschäft sei. Je mehr Kauf- und Verkausaufträge über das Computersystem laufen, desto geringer sind die Kosten pro Order, desto niedriger die Preise. Mit New York zusammen will man hier auf Dauer wettbewerbsfähig sein.

Auf 400 Millionen Euro sollen sich die jährlichen Einsparungen belaufen. In den vergangenen Jahren unternahm die Deutsche Börse bereits mehrere Anläufe, um durch Übernahmen und Fusionen zu wachsen. Gleich zwei Mal scheiterte die Übernahme der Londoner Börse. Auch die Pläne mit Zürich, Mailand und letztlich auch Paris gingen nicht auf.

2006 war es, als Francioni die in Frankreichs Hauptstadt beheimatete Vierländerbörse Euronext übernehmen wollte, aber an der Nyse scheiterte. Nun könnte er auf dem Umweg über New York doch noch zu den Handelsplätzen in Amsterdam, Brüssel, Lissabon und eben Paris kommen. Vor allem hatte er es aber schon damals auf die lukrative Derivatebörse Liffe in London abgesehen. Diese würde mit der Deutsche-Börse-Tochter Eurex eine dominierende Position auf den Terminmärkten einnehmen.

Höchste Hürde wartet noch

Genau deshalb wartet die wohl höchste Hürde trotz des grünen Lichts durch die eigenen Aktionäre noch auf Deutsche-Börse-Chef Francioni und Nyse-Chef Niederauer. Derzeit prüft die Wettbewerbskommission in Brüssel die Transaktion und vor allem die starke Position des Gemeinschaftsunternehmens auf dem Derivatemarkt in Europa mit Eurex und könnte auf Vorbehalte stoßen.

Noch sind sich die Experten uneins, wie hoch die Auflagen ausfallen könnten. Skeptische Stimmen warnen bereits davor, dass unter Umständen die ganze Logik des Deals noch einmal in Frage gestellt werden könnte, wenn sich die beiden Partner beispielsweise von großen Geschäftseinheiten trennen müssten. Es wird erwartet, dass sich die vertiefte Prüfung bis in den November hinein zieht.

Ganz am Schluss muss dann auch noch das hessische Wirtschaftsministerium den Zusammenschluss freigeben. Laut Börsengesetz muss die Landesregierung als Aufsicht über die Frankfurter Wertpapierbörse feststellen, ob durch die Fusion die Fortentwicklung des heimischen Börsenplatzes gesichert ist. Das Ministerium will mit seiner Prüfung warten, bis die EU-Kommission ihre Stellungsnahme abgegeben hat. Dabei wird auch eine Rolle spielen, inwieweit der Abbau von Arbeitsplätzen am Finanzplatz in Frankfurt droht.

Dass es zu Streichungen kommen wird, steht außer Frage, auch wenn der Großteil der Einsparungen durch die Zusammenlegung von IT-Systemen zusammenkommen soll. Die Arbeitnehmervertreter der Deutschen Börse hatten sich bereits im Vorfeld gegen die Fusion ausgesprochen. Der Betriebsrat warnte davor, dass letztlich New York das Kommando über den neuen Konzern gewinnen könnte.

Denn mit Duncan Niederauer wird ein Amerikaner das Tagesgeschäft des künftigen Konzerns verantworten. Reto Francioni soll den Vorsitz im Verwaltungsrat einnehmen, der im US-Modell allerdings mehr Mitsprache als ein deutscher Aufsichtsrat hat. Zudem wird in Frankfurt gerne darauf verwiesen, dass künftig rund 70 Prozent des Geschäfts von Frankfurt aus gesteuert wird.

Das Unternehmen mit zusammen rund 6000 Mitarbeitern hat mit New York und Frankfurt zwei Zentralen. Der mit Abstand höheren Börsenbewertung der Deutschen Börse wird dadurch Rechnung getragen, dass sie 60 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen halten wird, Nyse Euronext 40 Prozent. Im Verwaltungsrat werden zudem neun Direktoren von der Deutschen Börse kommen, sechs von der New Yorker. Allerdings ist dies lediglich bis zum Jahr 2015 festgeschrieben.

Noch offen ist der Name des neuen Gebildes. 1300 Vorschläge sollen in den vergangenen Wochen von den eigenen Mitarbeitern gekommen sein. Eine erste Auswahl ist getroffen, doch bis alle Namensrechte geklärt sind, können noch Monate vergehen. Wohl erst, wenn die Transaktion wirklich in trockenen Tüchern ist, wird das neue Logo präsentiert werden – das soll Ende des Jahres sein, vielleicht wird es aber auch 2012.