Bildungssparen

Bausparkassen steigen in Studienfinanzierung ein

Das Bildungssparen soll den Instituten ein lukratives Neugeschäft bescheren. Kunden profitieren dabei von festen Zinssätzen.

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Deutschlands führende Bausparkassen haben ein neues Geschäftsfeld entdeckt: das sogenannte Bildungssparen. Nach dem Vorbild von Bausparverträgen sollen Eltern und Großeltern bereits früh Sparverträge für Kinder und Enkel abschließen – zweckgebunden mit dem Ziel, später ein Studium zu ermöglichen.

"Wie bei einem Bausparvertrag soll bereits zum Abschlusszeitpunkt der Zinssatz für zusätzliches Darlehen in der Auszahlungsphase garantiert werden", heißt es bei der LBS Baden-Württemberg. Familien würden damit Sicherheit bei der Finanzierung der noch weit in der Zukunft liegenden Ausbildung ihrer Kinder gewinnen. Die Idee basiert auf einem Vorstoß der in Baden-Württemberg beheimateten Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Bausparen zeige, dass auch einkommensschwache Haushalte mit kleinen Sparleistungen über die Zeit beachtliche Beträge aufbringen können.

Neben der öffentlich-rechtlichen Landesbausparkasse im südwestlichsten Bundesland wird die Initiative vom deutschen Marktführer Schwäbisch-Hall und der ebenfalls im Lande ansässigen Bausparkasse Wüstenrot-Württembergische vorangetrieben. "Wir wurden von den Koalitionsparteien gefragt, ob wir uns Bildungssparen vorstellen können, und wir haben unsere Bereitschaft dazu bekundet", sagt Matthias Metz, Vorsitzender des Gesamtvorstands von Schwäbisch-Hall. Und weiter: "Wir sehen es als unsere gesellschaftliche Aufgabe an, an der Finanzierung der Bildung und Ausbildung und damit an der Chancengleichheit junger Menschen mitzuwirken."

Bausparer werden immer älter

Allerdings treiben die Branche auch weniger altruistische Motive: Zwar haben die Bausparkassen vergangenes Jahr 3,2 Millionen neue Verträge über eine Bausparsumme von insgesamt 93,3 Milliarden Euro abgeschlossen. Doch einen erheblichen Teil der Kunden stellen inzwischen Angehörige der Babyboomer-Generation, die jetzt Polster für den altersgerechten Umbau und die Modernisierung ihrer Eigenheime bilden wollen. 2010 wurden bereits 33,8 Prozent aller neuen Bausparverträge von Kunden abgeschlossen, die 50 Jahre und älter waren. Seit 2001 ist der Anteil dieser Altersgruppe im Bausparneugeschäft um 25,6 Prozent gestiegen.

Kurzfristig wird dieser Trend weiter anhalten. "Auch 2011 wird es ein robustes Bauspargeschäft geben", sagt Andreas Zehnder, Vorstandschef des Verbands der Privaten Bausparkassen. Langfristig allerdings wird das Neugeschäft der Bausparkassen durch die schrumpfenden Einwohnerzahlen kontinuierlich zurückgehen.

Zweites Standbein für die Bausparkassen

Die Institute wollen sich deshalb mit dem Bildungssparen ein zweites Standbein erschließen. Banken und Versicherungen bieten bereits heute Sparverträge an, mit denen Eltern und Großeltern ein finanzielles Polster zur Finanzierung von Studium und Ausbildung von Kindern und Enkel schaffen können. Sollte die Bundesregierung, wie von Schavan geplant, das Bildungssparen mit staatlichen Zuschüssen fördern, will die Branche dabei sein. "Wir wollen verhindern, dass die Bausparkassen außen vor bleiben, wenn das Bildungssparen kommt", sagt Metz.

Die Konzepte seien bereits vollständig ausgearbeitet und Modellrechnungen erstellt. Bildungssparverträge könnten deshalb in kürzester Zeit an den Markt gebracht werden, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen würden. Metz: "Wenn die Politik es will, stehen wir Gewehr bei Fuß."

Gegenüber Banken und Versicherungen hätten die Bausparkassen einen Vorteil: Wie beim Bausparen könnten sie nicht nur Verträge zur Kapitalansparung bieten. Über das Kollektivsystem könnten sie auch bereits bei Vertragsabschluss einen festen Zinssatz für ein späteres Darlehen garantieren. "Das Bausparen ist ein über Jahrhunderte bewährtes Modell, das sich auch auf das Bildungssparen übertragen lässt", heißt es bei der LBS Baden-Württemberg.

Ursprung in China

Erfunden haben das Bausparen nicht die Schwaben. Es basiert auf dem bereits vor 2200 Jahren in China entwickelten kollektiven Sparprinzip. Zehn Familien, die einzeln jeweils zehn Jahre sparen müssten, um ein Haus zu erwerben, zahlen zehn Jahre lang ihr Geld in einen Topf ein. Die erste Familie kann aus den gemeinsamen Beiträgen bereits nach einem Jahr ihre Immobilie erwerben, jede weitere in einem der folgenden Jahre. Niemand wird benachteiligt, neun der zehn Teilnehmer kommen aber früher zu ihrem Haus, als wenn jeder auf eigene Faust agieren würde.

Der Bausparvertrag wird dabei über eine feste Summe abgeschlossen und ist in eine Anspar- und eine Tilgungsphase unterteilt. In der Ansparphase wird das eingezahlte Kapital zu einem festen Satz verzinst. Steht nach einigen Jahren aus den Einzahlungen des Kollektivs aller Sparer genügend Geld bereit, wird die gesamte vereinbarte Bausparsumme ausgezahlt. Der noch nicht angesparte Betrag wird als Darlehen zu dem zuvor fest vereinbarten Zinssatz gewährt.

Förderung der Bildungsfinanzierung umstritten

Bundesbildungsministerin Schavan wollte ursprünglich Bildungssparverträge mit einem staatlichen Erstzuschuss von 150 Euro fördern. Dagegen gibt es allerdings Widerstände aus den Bundesländern, die sich an der Finanzierung beteiligen sollten. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) lehne staatliche Zuschüsse ab, heißt es aus seinem Umfeld. Es gebe im Ministerium jedoch keine Bedenken, das Bausparkassengesetz um Bildungssparangebote zu erweitern, um Familien die Finanzierung des Studiums ihrer Kinder zu erleichtern.

Nach dem Bausparkassengesetz dürfen Bausparkassen nur Verträge zur Wohneigentumsfinanzierung anbieten. Bis zur Gründung der Bundesrepublik waren in Deutschland auch andere Formen des Zwecksparens erlaubt. Mit der Einschränkung auf die Wohneigentumsförderung zog die erste Bundesregierung unter Konrad Adenauer Konsequenzen aus den enormen Verlusten, die Familien bei dem vom Dritten Reich staatlich geförderten Zwecksparen für den VW-Käfer, damals Kraft-durch-Freude-Wagen genannt, erlitten hatten. Die bis zur Kapitulation im Mai 1945 angesparten Beträge von gesamt 280 Mio. Reichsmark waren wertlos verfallen.

Politisch ist das Bildungssparen umstritten. Vertreter der SPD und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rügten die Idee bereits in Vergangenheit als "sozial ungerecht". "Geringqualifizierte und Niedriglöhner bleiben außen vor", kritisierte GEW-Vorsitzender Ulrich Thöne bereits, als Schavan erstmals ihre Pläne ankündigte. Auch bei einer geringen staatlichen Anschubförderung würden ihnen die finanziellen Möglichkeiten fehlen, um die Sparleistungen für ihre Kinder zu erbringen. "Sie müssen ihre ohnehin geringen Ersparnisse für die Altersvorsorge einsetzen", sagte Thöne. "Das Programm eignet sich nur für die gehobene Mittelschicht."