Wall-Street-Übernahme

Auf die Börsenriesen warten viele Stolperfallen

Deutsche Börse und Wall Street wollen ihre Megafusion so schnell wie möglich absegnen. Ärger droht von Betriebsräten und Kartellbehörden.

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Drei Wochen später klingt es wie ein Ablenkungsmanöver, was Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni auf dem Neujahrsempfang seines Hauses Mitte Januar versuchte: „Auch im neuen Jahr wird Asien im Fokus unserer Wachstumsstrategie stehen“, sagte er vor den 700 geladenen Gästen, darunter Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Nun wissen alle, dass die ganze Aufmerksamkeit des 55-Jährigen schon seit Ende des vergangenen Jahres nicht dem Osten, sondern dem Westen galt, dem Zusammenschluss mit dem transatlantischen Börsenbetreiber Nyse Euronext, dem Projekt mit dem Codenamen „Gamma“.

Geht es nach dem Schweizer, werden die Aufsichtsgremien der beiden Unternehmen heute Nachmittag in New York und Frankfurt die Pläne zur Schaffung der größten und wertvollsten Börse absegnen. Doch damit ist für ihn die Arbeit längst noch nicht getan. Einen Vorgeschmack auf die anstehende öffentliche Diskussion gab bereits US-Senator Charles Schumer. Er forderte, dass beim Namen der neuen Gesellschaft „Nyse“ an erster Stelle stehen müsse. Die amerikanische Börse sei schließlich ein Symbol nationalen Prestiges. Die bislang kursierende Kreation „DB Nyse Group“ gehe daher nicht.

Bei den beiden Unternehmen will man sich dem Vernehmen nach vorerst lieber auf keine Konzernbezeichnung festlegen. Klarheit herrscht mittlerweile offenbar über die Rechtsform des künftigen Unternehmens mit dem rechtlichen Sitz in Amsterdam. Es läuft auf eine niederländische NV hinaus. Eine ebenfalls mögliche Societas Europaea, kurz SE, sei den Amerikanern nicht zu vermitteln gewesen, heißt es aus Verhandlungskreisen. In jedem Fall werden die Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat dieser Gesellschaft anders als im deutschen Aufsichtsrat nicht vertreten sein.

Was die Skepsis der Betriebsräte gegenüber der Fusion noch erhöhen dürfte. Der Verwaltungsrat wird nach Informationen von Morgenpost Online aus 17 Mitgliedern bestehen, zehn kommen von Seiten der Deutschen Börse, sieben von Nyse Euronext – inklusive Francioni als Verwaltungsratschef und Duncan Niederauer als operativer Chef der neuen Gruppe mit knapp 7000 Mitarbeitern.

Die neue Megabörse läge in der Rangliste nach Marktkapitalisierung derzeit vor Hongkong und der Chicagoer Terminbörse CME. Ein Drittel aller weltweit gelisteten Unternehmen würde auf der gemeinsamen Plattform notieren. Doch der klassische Handel mit Aktien oder Anleihen steht gar nicht mal im Mittelpunkt. Analysten finden vor allem am Zusammenschluss der Derivatemärkte Eurex (Deutsche Börse) und Liffe (Nyse Euronext) Gefallen. „Die Transaktion würde ein weltweites Derivatehaus schaffen, das den europäischen Futures und Optionsscheinmarkt dominieren würde“, so Börsenexperte Martin Price von Bank of America Merrill Lynch.

Dieses Geschäft mit Finanzwetten auf den Ausgang künftiger Ereignisse ist in den vergangenen Jahren weltweit am stärksten gewachsen und verspricht höhere Margen als der zuletzt durch elektronische Handelsplattformen stark unter Druck geratene Aktienhandel. Auch in den beiden Wachstumsbereichen Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren und der Bereitstellung von Marktdaten versprechen sich die Verantwortlichen einen Schub. Noch ist aber längst nicht sicher, dass die Megabörse tatsächlich kommt.

Vor allem gilt es die Kartellbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks davon zu überzeugen, dass kein Unternehmen mit einer absolut marktbeherrschenden Stellung entsteht – auch nicht im Derivatebereich. Bei der Argumentation sollten neben dem starken außerbörslichen Handel, der abseits der regulierten Börsen zwischen Banken erfolgt, auch die Fusionspläne anderer Gesellschaften helfen. So will die Börse Singapur die Börse in Australien übernehmen, London mit Toronto zusammengehen. Die Kartellprüfung wird den gesamten Prozess in jedem Fall in die Länge ziehen, heißt es aus Verhandlungskreisen. „Mit einem endgültigen Abschluss der Transaktion rechne ich erst im vierten Quartal“, sagt ein Kenner der Gespräche.