Wall-Street-Übernahme

Mehrere Rivalen könnten Megafusion verhindern

Deutsche Börse und Wall Street haben die Fusion beschlossen. Rivale Chicago hat offenbar etwas dagegen – und andere womöglich auch.

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Zur feierlichen Verkündung hat sich die Deutsche Börse an ihre Wurzeln erinnert. Im Plenarsaal der Alten Börse in der Frankfurter Innenstadt trat ihr Chef Reto Francioni vor die Presse, um die Fusion von Deutscher Börse und Nyse Euronext zu erläutern. „Der Zusammenschluss bringt zwei der erfolgreichsten Börsenbetreiber der Welt zusammen“, sagte er. Die neue Megabörse werde den Standard in Sachen Wachstum, Qualität und Marktverbreitung setzen. Davon profitierten Kunden und eigene Aktionäre gleichermaßen.

Zuvor hatten die Aufsichtsgremien beider Gesellschaften wie erwartet den Plänen zugestimmt, die Francioni und Nyse-Chef Duncan Niederauer in den vergangenen Wochen ausgehandelt hatten. Die Eckpunkte: Die Deutsche Börse wird an der neuen Gesellschaft 60 Prozent halten, die transatlantische Nyse Euronext 40 Prozent. Es gibt zwei Hauptquartiere, eines in Eschborn, dem Neubau, den die Frankfurter erst im Vorjahr bezogen, und eines an der altehrwürdigen Wall Street, dem Säulengebäude mit der Nummer 11, dort wo auch der berühmte Handelssaal zu finden ist. Chef des neuen Gebildes wird, wie in der Vorwoche angekündigt, Nyse-Chef Duncan Niederauer.

Francioni übernimmt den Vorsitz im 17-köpfigen, von der deutschen Seite beherrschten Verwaltungsrat. Jährliche Einsparungen von 300 Millionen Euro sollen durch den Wegfall von Doppelfunktionen und ein einheitliches Handelssystem möglich sein, hinzu komm zusätzliches Geschäft von mindestens 100 Millionen Euro – wie es hieß. Vor allem aber soll der weltweit größte Handelsplatz für Aktien und Derivate entstehen. Gemeinsam bringen sie es auf einen Börsenwert von knapp 20 Milliarden Euro – womit sie vor der Hongkong Exchange und der Chicago Mercantile Exchange liegen würden.

Der Wert der gelisteten Unternehmen würde gar bei 15 Billionen Euro liegen, ein Drittel aller weltweiten Börsengesellschaften wären von Anfang an auf den neuen Plattformen notiert. Es geht neben den Handelsplätzen in New York und Frankfurt unter anderem auch um die in Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon. Wobei der klassische Aktienhandel, den viele Menschen mit dem Wort Börse verbinden, gar nicht mehr so wichtig ist. Mehr Wachstum und höhere Gewinnmargen verspricht längst das Geschäft mit Derivaten.

Dort würde, wenn die Transaktion gelingt, in Zukunft tatsächlich kein Weg mehr an Frankfurt und New York vorbeigehen. Die Deutsche Börse bringt ihre Terminmarkttochter Eurex ein, die New Yorker die in London sitzende Liffe, zusammen hätten sie vor allem in Europa mit einem Marktanteil von 93 Prozent eine beherrschende Stellung. Dieser Bereich soll allein knapp 40 Prozent zum Umsatz der neuen Gesellschaft beitragen. Knapp 30 Prozent kommen aus dem klassischen Handel von Wertpapieren, 20 Prozent aus Abwicklung und Verwahrung, den Rest werde das Geschäft mit Marktdaten und Indizes beitragen, so die künftigen Partner.

Aktionäre feierten schon in der Vorwoche, kaum war die erstmals Fusionsabsicht offiziell, diesen Schritt. „Ein attraktiver Deal, der auch strategisch sinnvoll ist“, so Analyst Arnaud Giblat von der Schweizer Großbank UBS in einer ersten Reaktion. Auch Andreas Lipkow von der Wertpapierhandelsbank MWB Fairtrade begrüßt das Geschäft. Es sei notwendig, um der wachsenden Konkurrenz aus Asien die Stirn bieten zu können. Dort explodieren die Börsenumsätze, dort wird auch in den nächsten Jahren das entscheidende Wachstum erwartet – und alle bereiten sich darauf vor.

Gescheiterte Zusammenschlüsse der Deutschen Börse

„Die zusammengelegte Gruppe wird ein höchstattraktiver Partner für alle Kapitalmärkte im asiatisch-pazifischen Raum und anderen Teilen der Welt sein“, sagte denn auch Francioni. Natürlich nur, wenn es nicht noch größere und bessere Bündnisse gibt. Es ist in den vergangenen Wochen eine Menge Bewegung in die Börsenlandschaft gekommen. Der Handelsbetreiber in Singapur will den australischen Konkurrenten ASX übernehmen. Noch stoßen die Asiaten hierbei auf Vorbehalte, doch mehr Mitsprache im künftigen Verwaltungsrat soll die Australier nun gnädig stimmen.

Die London Stock Exchange will gemeinsam mit der kanadischen Börse TMX in Toronto zumindest die Rohstoffmärkte beherrschen. Auch Hongkong denkt nach eigenen Angaben über Fusionen nach, wie der Chef nach Bekanntgabe der Pläne von Frankfurt, New York und London sagte. Entsprechende Gespräche mit der Börse Shanghai scheiterten schon einmal vor einigen Jahren, was vor allem Shanghai zugeschrieben wurde. Mit gescheiterten Zusammenschlüssen machte auch die Deutsche Börse in der Vergangenheit immer wieder von sich Reden.

„Uns gefällt die Deutsche Börse wegen ihres Geschäftsmodells und der Fähigkeit aus eigener Kraft zu wachsen – aber nicht so sehr wegen ihrer Übernahmehistorie“, sagt Börsenexperte Bernd Müller-Gerberding von der italienischen Großbank Unicredit. Lange Zeit hatten die Frankfurter, noch unter dem damaligen Chef Werner Seifert, London als ihren Lieblingspartner auserkoren. Doch sowohl im Jahr 2000 als auch im Jahr 2005 scheiterten die Projekte an unterschiedlichen Preisvorstellungen und vielen Animositäten zwischen den Finanzplätzen und zwischen den handelnden Personen.

Seifert musste dann auf Druck der oppositionellen Aktionäre rund um den Hedgefonds TCI gehen. Sein Nachfolger Francioni versuchte sich kurz nach seinem Amtsantritt im November 2005 dann zunächst an den Mehrländerbörse Euronext. Doch die Nyse, damals noch unter John Thain, schnappte ihm den Konkurrenten dann weg. Doch Francioni verlor das Ziel, das vor allem Liffe hieß, nicht aus dem Auge. Es sollte nicht lange dauern und er klopfte direkt in New York an.

2008 und 2009 kam man noch nicht zusammen. Zu weit lagen die Bewertungen der Aktien auseinander: Die Deutsche Börse war damals doppelt so viel Wert wie Nyse Euronext – und die New Yorker zu stolz, um einzuräumen, dass sich dies auch im künftigen Machtgefüge der beiden Häuser niedergeschlagen musste. Außerdem soll Francioni auch in den eigenen Reihen auf Widerstand gestoßen sein. Francioni blieb dennoch dran. Und ausgerechnet der Vorwurf, er sei nur dafür gut, den Status Quo zu verwalten und die Kosten niedrig zu halten mögen ihn angespornt haben. Letztlich war es aber wohl auch die Erkenntnis, dass es ohne einen starken Partner an Wachstumsperspektiven an den Märkten mangelt.

Unruhe unter Betreibern ist gewaltig

Im Börsengeschäft ist nun einmal Größe ganz entscheidend. Je mehr Transaktionen durch die Computer laufen, desto geringer sind die Kosten pro Order, desto höher der Gewinn. Und der Druck von außen auf die Gebühren ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Von Banken ins Leben gerufene elektronische Handelsplattformen zogen mit Kampfpreisen mehr und mehr Geschäft an. Mittlerweile werden die meisten europäischen Aktien nicht mehr an den Börsen in Paris, London oder Frankfurt gehandelt, sondern auf Chi-X.

Der Chef des europäischen Marktführers unter den alternativen Plattformen Alasdair Haynes, der gerade mit der zweiten großen Handelsplattform Bats ebenfalls Fusionsgespräche führt, ließ bereits durchblicken, dass er auch im lukrativen Derivategeschäft mitmachen will. Die Unruhe unter den traditionellen Börsenbetreibern ist gewaltig. Längst schließen Experten nicht mehr aus, dass es in einigen Jahren nur noch zwei oder drei große Spieler geben wird. Da will keiner zu den Verlierern gehören.

So verwundert es denn auch nicht, dass zeitgleich mit dem Treffen der Aufsichtsgremien von Deutscher Börse und Nyse Euronext sich Gerüchte mehrten, dass die Fusionsverhandlungen durch ein Gegengebot des Derivatebörsen-Giganten Chicago Mercantile Exchange (CME) für die New Yorker Börse torpediert werden könnten. Möglicherweise wolle die CME sogar gemeinsam mit der transatlantischen Börse Nasdaq OMX bieten. „Das kann für die Deutsche Börse noch ganz schön teuer werden“, so ein Händler.

Doch nicht nur ein Bieterwettstreit könnte Francioni auf dem Weg zur Megabörse noch stoppen. So werden auch die Kartellwächter in Brüssel einen kritischen Blick insbesondere auf den Derivatehandel werfen. Die Verschmelzung der Plattformen Eurex und Liffe würde den europäischen Handel dominieren. Zudem plant Nyse Euronext in den USA im März die Eröffnung einer Terminbörse und einer Clearingstelle, um der CME Konkurrenz zu machen.

Scheitern könnte das ganze auch nach am Veto eines Ministeriums in Hessen. Die Frankfurter Wertpapierbörse unterliegt der staatlichen Aufsicht aus Wiesbaden. Francioni weiß, dass er noch nicht am Ziel ist. Der Abschluss der Transaktion werde erst für Ende 2011 erwartet, ließ er schon einmal vorsorglich mitteilen. Zweifel, dass er noch scheitern könnte, ließ er am gestrigen Tag aber nicht zu.