Agrarrohstoffe

Weizenhändler unter Verdacht der Preistreiberei

Spekulanten sollen am Preisanstieg beim Weizen schuld sein. Doch auch die Hitzewelle in Osteuropa macht Getreide teurer.

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In den vergangenen Tagen sah es schon so aus, als sei der Zenit überschritten. Doch dann kletterte der Weizenpreis an den Warenterminbörsen erneut über sieben Dollar je Scheffel (27,2155 Kilo). Damit ist der Preis innerhalb von fünf Wochen um über 50 Prozent gestiegen. In Euro gerechnet fiel der Anstieg etwas geringer aus, aufgrund des höheren Euro-Kurses. Es bleibt aber eine Preisrallye wie sie auch für die Rohstoffmärkte, die immer für Übertreibungen gut sind, ungewöhnlich ist. An der Terminbörse in Chicago erlebte der Weizenpreis im Juli sogar den stärksten Monatsanstieg seit 60 Jahren.

Der offensichtliche Grund für die Verteuerung des Getreides liegt in Osteuropa: Aufgrund der lange anhaltenden Hitze in weiten Teilen Russlands, Kasachstans und der Ukraine fällt dort die Ernte in diesem Jahr deutlich geringer aus als in den Vorjahren. Der International Grains Council, eine zwischenstaatliche Organisation, die den Getreidehandel beobachtet, hat daher seine Ernteprognose für diese Saison um 13 auf 651 Millionen Tonnen gekürzt. Andere Stellen, wie das US-Landwirtschaftsministerium (USDA) kommen auf ähnliche Zahlen. Damit läge die weltweite Ernte fast vier Prozent unter dem Vorjahr.

Der Großteil der Einbußen geht dabei auf Osteuropa zurück. Alleine in Russland dürften neun Millionen Tonnen fehlen, in der Ukraine und Kasachstan weitere vier Millionen. Russland versuchte zwar die Weltmärkte zu beruhigen, indem die Regierung alle Befürchtungen von Exportbeschränkungen zurück wies. Trotz der geringeren Ernte seien die Läger voll, die Exporte liefen wie gewohnt weiter. Dies führte auch zu einem kurzfristigen Rückgang der Preise an den Terminmärkten. Doch dann ging es wieder aufwärts. Viele Marktteilnehmer zweifeln an der Verlässlichkeit der russischen Beteuerungen. Hinzu kommen weitere Unsicherheiten. „Wie die Ernte in Australien ausfallen wird, ist beispielsweise derzeit noch völlig unklar“, sagt Torsten Dennin, Rohstoffexperte bei der Altira Group. „2008, als die Preise schon einmal explodiert waren, waren die schlechten Erntezahlen von dort ebenfalls ein Argument für den Auftrieb.“

Spekulative Investoren stehen in der Kritik

Von den damaligen Preisniveaus sind die Märkte glücklicherweise noch weit entfernt. Damals stieg der Weizenpreis in der Spitze bis über zwölf US-Dollar je Scheffel. In der Folge kam es in vielen Ländern sogar zu Hungeraufständen. Damals wie heute werden für die steigenden Preise jedoch nicht nur die Widrigkeiten des Wetters verantwortlich gemacht. In der Kritik stehen auch spekulative Investoren, die den Preis angeblich beeinflussen. Spekulanten sind einerseits unabdingbar, damit eine Warenterminbörse funktionieren kann. Denn hier sichern sich die Produzenten gegen Preisschwankungen ab, und dies geschieht, indem ihnen Investoren das Risiko abnehmen. Nimmt andererseits die Zahl der spekulativen Anleger jedoch überhand, so kann sich ein Preismarkt bilden, der kaum noch etwas mit dem realen Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu tun hat.

Tatsächlich liegt für Frank Schallenberger, Rohstoff-Experte bei der Landesbank Baden-Württemberg, der aktuelle Weizenpreis auch bereits ein gutes Stück über dem Niveau, der aufgrund des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage angemessen wäre. Dennoch: „Die Spekulanten springen hier lediglich auf einen vorhandenen Trend auf“, sagt er. Sie machen ihn also nicht. Dazu sei der Markt auch schlicht zu groß. Zwar ist der Wert der Weltjahresproduktion von Weizen (rund 175 Milliarden US-Dollar) schon deutlich geringer als bei Rohöl (ca. 2400 Milliarden US-Dollar). Dennoch handelt es sich noch um eine Größenordnung, bei der einzelne Spekulanten, oder auch mehrere, schlicht nicht genug Geld aufbringen können, um den Markt wirklich auf den Kopf zu stellen.

Anders mag das schon bei kleineren Märkten aussehen. „Je enger der Markt, desto größer der Einfluss der Spekulanten“, sagt Schallenberger. Bestes Beispiel hierfür ist Kakao. Hier ist die Weltjahresproduktion gerade mal noch etwa zehn Milliarden US-Dollar wert. Und hier war es in den vergangenen Wochen auch zu einer Einflussnahme durch Spekulanten gekommen, die als Marktmanipulation bezeichnet werden kann. Denn der britische Geschäftsmann und Hedgefonds-Manager Anthony Ward kaufte zuletzt rund sieben Prozent des Kakaomarktes auf und trieb so den Preis für die Bohne auf ein neues 33-Jahres-Hoch.

Laxe Regeln an den Terminbörsen

Ward nutzte dafür die Londoner Warenterminbörse Liffe, die recht laxe Regeln hat und daher auch von anderen Marktteilnehmern heftig kritisiert wurde. Denn andere Terminbörsen versuchen genau das zu verhindern, was Ward machte, das so genannte „Corning“, also die Kontrolle des Rohstoffhandels durch einzelne Akteure, die den Markt leer kaufen. In London ist man sich jedoch keiner Schuld bewusst und lässt die Kritik bislang an sich abprallen.

Dabei setzt die dortige Börse wohl auch auf die Vergesslichkeit der Investoren. Denn ganz ähnlich waren die US-Terminbörsen in den vergangenen zwei Jahren verfahren. Nach der Ölpreishausse von 2008, als der Preis je Barrel bis fast auf 150 Dollar gestiegen war, hatten Aufsichtsbehörden und Politiker eine Einschränkung der Spekulation an den Warenterminbörsen in New York und Chicago gefordert. Inzwischen wurden die entsprechenden Pläne jedoch deutlich abgeschwächt oder sind völlig in der Versenkung verschwunden.

Daher müssen Anleger und Verbraucher wohl weiterhin damit leben, dass es bei den Preisen für Öl, Metalle oder auch Agrarrohstoffe immer wieder zu Übertreibungen in der Art kommt, wie sie derzeit beim Weizenpreis zu beobachten sind. Immerhin sagt Frank Schallenberger voraus, dass diese Hausse von kurzer Dauer sein wird. „Da ist viel heiße Luft drin“, glaubt er. Der Preis werde bald schon wieder runterkommen.