Sorgerecht

Todesfall – Eltern sollten für Kinder vorsorgen

Wenn ein Kind seine Eltern verliert, ist das Sorgerecht häufig nicht klar geregelt. Auch wenn jeder diese Möglichkeit am liebsten ausblenden würde – Vorsorge ist sinnvoll.

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"Wir sind immer für dich da!“ – die meisten Eltern haben diesen Satz wohl schon zu ihren Kindern gesagt. Dabei schieben sie einen Gedanken ganz weit von sich. Denn wer denkt schon gern daran, was passiert, wenn etwa ein tragischer Autounfall die eigenen Kinder von einem Tag auf den anderen als Vollwaisen zurücklässt?

Wer sicherstellen möchte, dass der Nachwuchs in einem solchen Fall in gute Hände kommt, muss sich aber damit auseinandersetzen. Denn das Sorgerecht für minderjährige Vollwaisen geht nicht automatisch auf nahe Verwandte wie Geschwister oder Großeltern über und schon gar nicht auf die Taufpaten. Wenn Eltern vermeiden wollen, dass Gerichte oder das Jugendamt im Todesfall nach eigenem Gutdünken über die Zukunft ihrer Kinder entscheiden, müssen sie schriftlich hinterlassen, was geschehen soll. Das Mittel dazu ist eine sogenannte Sorgerechtsverfügung.

Ein Unfall oder eine schwere Krankheit können jeden treffen. Jedes Jahr werden hierzulande laut Angaben der Deutschen Rentenversicherung etwa 1000 Kinder und Jugendliche zu Vollwaisen. Dabei ist es zwar extrem selten, dass beide Eltern gleichzeitig etwa bei einem Verkehrsunfall, Feuer oder Flugzeugabsturz ums Leben kommen. Häufiger kommt es jedoch vor, dass Vater und Mutter innerhalb weniger Jahre versterben. Besonders, wenn ein Elternteil oder beide schwer erkranken, ist es wichtig, sich rechtzeitig Gedanken zu machen.

Fragen der Vormundschaft

„Wenn ein Kind seine Eltern beziehungsweise denjenigen verliert, der das Sorgerecht besaß, dann entscheidet das Familiengericht darüber, wer sich künftig um das Kind kümmert“, beschreibt Anne Kronzucker, Juristin der D.A.S. Rechtsschutzversicherung, den Normalfall ohne schriftliche Willenserklärung der Eltern, der im Bürgerlichen Gesetzbuch in den Paragrafen 1773 und 1774 geregelt ist. Dann bestimmt das Gericht mit Unterstützung des Jugendamtes einen geeigneten Vormund. Übten Mutter und Vater das gemeinsame Sorgerecht aus, so bleibt beim Tod eines Elternteils das Sorgerecht beim überlebenden Partner. Das betrifft auch getrennt lebende oder geschiedene Paare.

Sind beide Eltern verstorben, werden – wenn möglich – Verwandte mit der Vormundschaft beauftragt, so Juristin Kronzucker. Ohne nahe Verwandtschaft kann auch die Unterbringung in einem Heim oder einer Pflegefamilie verfügt werden. Die weitverbreitete Annahme, dass die Taufpaten im Todesfall der Eltern automatisch das Sorgerecht für das Kind erhalten, ist falsch. Das Patenamt hat lediglich eine kirchliche, keine rechtliche Funktion. Aufgabe der Paten ist es, die menschliche und vor allem religiöse Entwicklung des Patenkindes zu begleiten und die Eltern in Erziehungsfragen zu unterstützen. In früheren Zeiten – noch bis ins 19. Jahrhundert – gehörte dazu auch die Fürsorgepflicht im Fall des frühen Todes der Eltern. Das ist jedoch längst nicht mehr so. Ist das der Wunsch der Eltern, müssen sie diesen in ihrer Sorgerechtsverfügung festhalten.

Auch Alleinerziehende, die das alleinige Sorgerecht haben, sollten ihren Willen schriftlich niederlegen. „Wenn der Mutter das Sorgerecht allein zustand und diese stirbt, dann hat das Familiengericht die elterliche Sorge dem Vater zu übertragen, wenn dies dem Wohl des Kindes dient“, erläutert Gudrun Doering-Striening, Fachanwältin für Familienrecht aus Essen. Das kann problematisch sein – etwa wenn der leibliche Vater gleich nach der Geburt seines Kindes aus dem Leben der Familie verschwunden ist. „Eine allein sorgeberechtigte Mutter hat aber zum Beispiel die Möglichkeit, im Rahmen einer Sorgerechtsverfügung einer Übertragung des Sorgerechts auf den nicht ehelichen Vater zu widersprechen“, so die Anwältin. Das Familiengericht muss dies dann bei seiner Entscheidung berücksichtigen. Liegt eine Verfügung vor, erleichtert sie dem Richter die Entscheidung und zeigt Alternativen auf, wem das Sorgerecht zugesprochen werden kann.

Nutzen einer Sorgerechtsverfügung

„Mit einer Sorgerechtsverfügung können Eltern im Voraus regeln, wer sich nach ihrem Tod um ihre Kinder kümmern soll“, erläutert D.A.S.-Juristin-Kronzucker. „Rein rechtlich handelt es sich dabei um eine spezielle Art des Testaments.“ Damit das Dokument auch gültig ist, muss man sich an entsprechende Formalien halten: Die Verfügung muss persönlich und handschriftlich verfasst, mit Vor- und Nachnamen unterschrieben und mit Datum versehen werden. Damit die Sorgerechtsverfügung nach dem Tod auch sofort wirksam ist, sollten die Papiere bei einem Notar, dem Nachlassgericht oder dem benannten möglichen Vormund hinterlegt werden. Formal gelten die gleichen Regeln wie beim Testament.

Eine Sorgerechtsverfügung kann bestimmte Personen sogar explizit von der Vormundschaft ausschließen. Manchmal jedoch laufen die Sonderwünsche ins Leere. Denn das zuständige Gericht darf von den Vorgaben der Eltern abweichen, wenn es berechtigte Zweifel hat, ob die als Vormund vorgeschlagene Person geeignet ist. Geprüft wird unter anderem die Volljährigkeit – der 17-jährige Bruder kann also nicht als Vormund für die kleine Schwester angegeben werden. Auch sehr alte, gebrechliche Großeltern müssen unter Umständen mit Widerstand des Richters rechnen: Fehlen die entsprechenden Voraussetzungen für eine Vormundschaft, darf das Gericht zum Wohle des Kindes von den Vorgaben der Verstorbenen abweichen.

Um sicherzugehen, dass die Anordnungen auch in die Tat umgesetzt werden, sollte man im Vorfeld mit allen Beteiligten sprechen – insbesondere mit dem gewünschten Vormund. Denn häufig werden einfach Verwandte oder auch Freunde als Vormünder benannt, die gar nichts davon wissen. Sie müssen sich jedoch auf so einen Ernstfall einstellen können und zustimmen. Auch die Interessen der Kinder sollten berücksichtigt werden. Kinder, die älter als 14 Jahre sind, dürfen sich ohnehin der von den Eltern angeordneten Regelung widersetzen. Will der Nachwuchs dann partout nicht zur Oma aufs Land, muss er das auch nicht.

Zudem sollte immer auch ein Ersatzvormund benannt werden, falls die vorgesehene Person zum fraglichen Zeitpunkt selbst nicht in der Lage ist, die zugesagten Pflichten zu erfüllen. Generell sollte daher eine solche Verfügung immer wieder aktualisiert werden – Juristen empfehlen sogar, sie alle zwei bis drei Jahre zu überarbeiten.

Manchmal kann es auch sinnvoll sein, die Sorge für die hinterbliebenen Kinder und die für das geerbte Vermögen voneinander zu trennen. Rechtlich gesehen werden dann in der Sorgerechtsverfügung gleich zwei Vormünder benannt – einer für die Personensorge und einer für die Vermögenssorge. Dann kann sich die rüstige Großmutter um die Erziehung der Kinder kümmern, während der in Finanzdingen erfahrene Onkel bis zur Volljährigkeit der Kinder die Verwaltung des Hauses, des geerbten Vermögens und des Geldes aus der Risikolebensversicherung übernimmt.