Japan-Katastrophe

Versicherern droht Rekordlast nach Erdbeben

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Das Beben in Japan könnte zu einer der teuersten Naturkatastrophen werden. An der Börse brachen die Aktien der Rückversicherer stark ein.

Das verheerende Erdbeben in Japan kann nach ersten Schätzungen den Versicherern nie dagewesene Kosten aufbürden. Auf bis zu 35 Milliarden Dollar prognostiziert AIR Worldwide, ein Spezialist für Risikomodelle, allein die Belastungen für die Branche aus dem Erdstoß mit einer Stärke von 9,0 am vergangenen Freitag. Es gab allerdings noch mehrere starke Nachbeben. Und auch der zehn Meter hohe Tsunami ist in dieser Kalkulation noch nicht drin. Die Unfälle in mehreren Atomkraftwerken dagegen dürften die großen Assekuranzen der Welt nur bedingt treffen – hier sind primär der japanische Staat und viele lokale Anbieter in der Pflicht.

AIR teilte am Wochenende mit, die versicherten Schäden auf 14,5 bis 34,6 Milliarden Dollar zu schätzen. Damit wäre es auch ohne den anschließenden Tsunami, der unzählige Häuser, Autos und Boote mitriss, eine der teuersten Naturkatastrophen in der Geschichte. In Originalwerten ist nach Daten des weltgrößten Rückversicherers Münchener Rück das Erdbeben in Kalifornien 1994 mit gut 15 Milliarden Dollar das bisher teuerste für die Branche der vergangenen Jahrzehnte gewesen. Inflationsbereinigt wäre nur eine Naturkatastrophe in den letzten 40 Jahren für die Branche fataler gewesen: der Hurrikan Katrina, der 2005 die US-Südstaatenmetropole New Orleans zerstörte.

Für Versicherer bedeutet ein solch heftiges Erdbeben aber nicht nur hohe Belastungen. Es könnte Experten zufolge auch dazu führen, dass Preissteigerungen durchsetzbar sind und damit mittel- und langfristig das Gewinnpotenzial steigt. Nach einigen relativ ruhigen Jahren brachte 2010 wieder deutlich höhere Belastungen durch Naturkatastrophen. 2011 hatte bereits mit Überschwemmungen und Wirbelstürmen in Australien sowie dem Erdbeben in Neuseeland begonnen.

An der Börse setzte sich die zu Wochenschluss begonnene Talfahrt der Aktienkurse fort: Die drei größten Rückversicherer – neben der Münchener Rück die Swiss Re und Hannover Rück – verloren zwischen drei und fünf Prozent. Die Allianz lag zwei Prozent im Minus. In Tokio stürzten die lokalen Anbieter MS&AD Insurance, Tokio Marine und NKSJ Holdings zwischen neun und zwölf Prozent ab. Schätzungen zu den einzelnen Belastungen der Firmen liegen noch nicht vor, das wird Experten zufolge noch Wochen dauern.

DZ-Bank-Analyst Thorsten Wenzel schrieb in einem Kommentar, als Arbeitsthese könne man zunächst von einem Schadenfall ausgehen, der nur ein Mal in 200 Jahren vorkomme. „Das würde bedeuten, dass große Teile des erwarteten Gewinns für dieses Jahr weg wären.“ Die Münchener Rück peilt für 2011 beispielsweise 2,4 Milliarden Euro an, die Hannover Rück rund 650 Millionen. Allerdings haben die großen Versicherer riesige Puffer für solche Katastrophen. Einen Kollaps prognostiziert daher kein Analyst.

Die massiven Probleme in mehreren japanischen Atomkraftwerken bringen aus Sicht der Münchener Rück keine signifikanten Belastungen für ausländische Versicherer. Die Betreiber der Meiler seien bei einem Atom-Pool aus zahlreichen Anbietern versichert, dessen Haftung limitiert sei, sagte eine Sprecherin. Oberhalb der Limits hafte der Staat wie in anderen Ländern auch. Von Erdbeben und Tsunami verursachte Schäden, wie in diesem Fall also, seien zudem ausgenommen. In Japan, wo sich sehr regelmäßig schwere Erdstöße ereignen, gebe es aber für Erdbeben einen staatlichen Hilfsfonds, dem auch viele Erstversicherer angehören.

Aus aufsichtsrechtlichen Gründen rückversichere sich dieser Fonds aber nicht im Ausland. In Japan rechnen Analysten mit begrenzten Folgen für die Versicherer, weil auch dort große Reserven vorhanden sind. Zudem springt der Staat immer wieder ein. Beispiel Kobe 1995: Bei dem verheerenden Beben entstanden volkswirtschaftliche Schäden von 100 Milliarden Dollar, die weltweiten Versicherer mussten aber nur drei Milliarden davon tragen. Die wirtschaftlichen Schäden der aktuellen Katastrophe veranschlagt der Chefvolkswirt von Credit Suisse Japan, Hiromichi Shirakawa, insgesamt auf rund 170 bis 180 Milliarden Dollar.