Japan-Krise

Weltmächte der G7 helfen dem Yen gemeinsam

Die G7-Notenbanken konnten mit ihrer Aktion den Yen-Kurs drücken. Das Zeichen der Solidarität ließ die Aktienkurse in Asien steigen.

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Die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben wichtigsten Industrienationen intervenieren gemeinsam zugunsten Japans am internationalen Devisenmarkt. Es ist die erste konzertierte Aktion dieser Art seit zehn Jahren – und zumindest kurzfristig war sie erfolgreich: Der Kurs des Yen sank bereits kurz nach dem Beschluss und die Kurse an den Börsen der Welt stiegen.

Für Wolfgang Schäuble war der Donnerstag ein langer Arbeitstag. Um 23 Uhr nachts hatten sich die Finanzminister der sieben größten Industrienationen (G7) sowie die Notenbankchefs zu einer Telefonkonferenz verabredet. Zu den G7 gehören neben Japan noch Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, USA und Kanada. Japans Finanzminister Yoshihiko Noda hatte darum gebeten.

Denn seit dem Erdbeben, dem Tsunami und der Atom-Katastrophe steht Japan auch vor gewaltigen Problemen an den Finanzmärkten. Japanische Unternehmen und Versicherungen ziehen ihr Geld aus dem Ausland ab: Die Versicherungen bauen ein Polster auf, um die Schäden aus der Natur- und Nuklearkatastrophe auszugleichen und viele Unternehmen brauchen das Geld, um die Schäden, die ihnen durch die Katastrophe entstanden sind, zu beheben.

Yen-Kurs steigt unaufhaltsam

Die Investoren verkaufen dafür Anleihen und andere Geldanlagen in Dollar, Euro oder anderen Währungen und tauschen den Erlös in Yen. Durch die stärkere Nachfrage steigt der Kurs des Yen seit Tagen unaufhaltsam. Zudem verschärften Anleger die Lage mit hochspekulativen Währungsgeschäften, sogenannten Carry Trades, noch weiter.

Doch die starke Währung schwächt die japanische Wirtschaft zusätzlich, denn dadurch werden in Japan hergestellte Güter für die Käufer im Ausland teurer. Die Folge: Die Kunden weichen auf andere günstigere Produkte aus. Der gestiegene Yen-Kurs trifft selbst japanische Unternehmen, die vor Ort bei ihren Kunden produzieren, denn für jeden Euro oder Dollar, den diese Firmen verdienen, erhalten sie weniger Yen.

Die japanische Regierung bat deshalb die Elite der Weltwirtschaft um Hilfe – und die erklärte sich solidarisch mit dem geschundenen Land und beschloss in der Nacht zum Freitag den Verkauf der japanischen Währung in globalem Stil. Von 23 Uhr bis nach Mitternacht dauerte die Telefonkonferenz; geplant war eigentlich nur eine halbstündige Besprechung.

„Wir werden die Devisenmärkte aufmerksam beobachten und gegebenenfalls kooperieren“, teilten die Finanzminister nach ihrer Telefonschalte am Donnerstagabend mit. Zudem kündigten sie eine „konzertierte Intervention am Devisenmarkt“ an. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nannte die gemeinsame Aktion ein „Signal der Solidarität“ mit den krisengeplagten Japanern.

EZB interveniert

Die Regierung in Tokio und die Bank of Japan begannen unmittelbar nach der Telefonkonferenz damit, Yen zu verkaufen und Dollar zu kaufen. Weitere Zentralbanken zogen im Laufe des Tages nach: Die Notenbanker in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Kanada bestätigten, dass ihre Institute ähnliche Geschäfte getätigt hatten; die italienische Zentralbank offenbar auch.

Die Europäische Zentralbank (EZB) war mit von der Partie; Finanzanalysten schätzen, dass die EZB sich mit rund fünf Milliarden Euro daran beteiligt hat, den Yen zu schwächen. Ein Sprecher der EZB wollte diese Summe nicht bestätigen. „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Gertrude Tumpel Gugerell.

Das gemeinsame Eingreifen der G7-Staaten ist die erste konzertierte Aktion seit zehn Jahren. Zuletzt entschlossen sich die führenden Wirtschaftsnationen zu solch einem Schritt im Jahr 2000. Danals kauften die EZB, die US-Notenbank Fed und die Bank von Japan gemeinsam Euro, um die erst im Jahr zuvor aus der Taufe gehobene Gemeinschaftswährung zu stützen.

Die ungewöhnliche Maßnahme zeigte sofort Wirkung: Schon nachdem die Finanzminister und Notenbanker ihren Entschluss bekannt gegeben hatten, fiel der Yen gegenüber dem Dollar. Am Vortag war die US-Währung auf ein Rekordtief von nur noch 77,16 Yen gerutscht. Auch der Euro erholte sich gegenüber dem Yen, nachdem er am Donnerstag auf ein Zwei-Monatstief gefallen war. Auch die Aktienkurse an der Börse in Tokio und an anderen asiatischen Börsen stiegen und die Handelsplätze in der Region beendeten den Handelstag im Plus.

Erste Hilfsmaßnahmen laufen an

Weitere Maßnahmen seien vorerst nicht beschlossen worden, hieß es aus dem Teilnehmerumfeld. Die Finanzminister versicherten ihrem japanischen Kollegen Unterstützung. Es sei darum gegangen, den Dialog dazu aufzunehmen, hieß. Über konkrete Schritte soll später gesprochen werden. „Dieses Gespräch gestern war ja ein erstes Gespräch im Kreis der Finanzminister und Notenbankgouverneure zu diesem Thema. Der Dialog wird sicher fortgesetzt werden.“

Die Maßnahmen der Zentralbanken sind eine erste Hilfsmaßnahme, um das drängende Problem des teuren Yen zu lindern. Langfristig könnte es vor allem um die Frage gehen, wie Japan den Wiederaufbau finanzieren will. Das Land ist bereits extrem hoch verschuldet. Denkbar wäre die Verpflichtung der Partner, Staatsanleihen zu kaufen.

Auch Hilfe durch den Internationalen Währungsfonds IWF wäre eine Möglichkeit. Vermutlich werden japanische Investoren auch in den kommenden Wochen und Monaten Geld aus Dollar- und Euro-Anlagen abziehen, um es in den Wiederaufbau zu investieren. Der US-Ökonom und Asien-Experte Marcus Noland rechnet damit, dass die japanische Regierung heimische Anleger auffordern wird, ihr Geld in Staatsanleihen für den Wiederaufbau zu investieren.

„Ich erwarte, dass der Premierminister irgendwann aufsteht und an Banken und Versicherungen appellieren wird, japanische Staatsschulden zu kaufen, um den Wiederaufbau zu finanzieren. Die Regierung wird die Investoren dazu auffordern, die Staatsschulden zu kaufen – und sie werden es tun,“ sagte Noland.

Ende März treffen sich die Finanzminister der G20-Gruppe im chinesischen Nanjing. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte bereits am Mittwoch, er erwarte, dass man sich dann ausführlich mit der Lage in Japan beschäftigen werde. Auch der Frühjahrstagung des IWF Mitte April könnte ein guter Rahmen sein, um weitere Hilfe für Japan zu beschließen, hieß es in Berlin.