Inflation

Auch Sparer zahlen für die Japan-Katastrophe

Eigentlich hätte die EZB schon längst die Zinsen anheben müssen. Doch nach dem Reaktor-GAU wird dies wieder fraglicher. Für Sparer ist das ein Desaster.

Foto: picture-alliance / KPA/Theissen / picture-alliance / KPA/Theissen/KPA

Als ob die Geldpolitiker nicht ohnehin in einem furchtbaren Dilemma wären. Jetzt macht ihnen die Katastrophe in Japan das Leben zusätzlich schwer. Wegen der beunruhigenden Inflationsentwicklung hätte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen längst anheben müssen. Zugleich hat die Angst vor dem ökonomischen GAU offenbart, wie anfällig die globalen Kapitalmärkte selbst zweieinhalb Jahre nach der Lehman-Pleite noch sind. Steigende Zinsen belasten Börse und Konjunktur.

Immer mehr Ökonomen zweifeln nun daran, dass die EZB die Zinsen wie geplant anheben wird. Anfang März wollte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet Stärke demonstrieren und kündigte an, dass die Institution schon nächsten Monat einen Zinsschritt beschließen könnte. Das war jedoch vor der Zuspitzung der Krise in Nordafrika und vor dem Reaktorunglück in Japan. „Die EZB hatte die Investoren zuletzt auf eine Zinsnormalisierung eingestimmt. Doch ob sie den Schritt nun im April vollzieht, ist fraglicher denn je“, sagt Claudia Windt, Volkswirtin bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba).

Die Situation im Kernkraftwerk Fukushima führe nicht nur zu einer längeren Phase der Unsicherheit an den Kapitalmärkten, sie habe auch „negative realwirtschaftliche Effekte“. Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert deutet die jüngsten Hinweise von EZB-Ratsmitgliedern wie folgt: „Die EZB scheint eine vergleichsweise hohe Neigung zu haben, einen frühzeitigen Warnschuss in Form einer Zinserhöhung abzugeben, aber für die anschließenden Sitzungen ist sie weit weniger festgelegt.“ Sprich: Selbst wenn die Notenbank den Zins im April anheben sollte, wird der gesamte Zyklus wohl nicht so kräftig ausfallen wie zuletzt angenommen.

Seit Anfang 2009 steht der Euroland-Leitzins bei historisch niedrigen 1,0 Prozent. Vor den Ereignissen in Libyen und Japan prognostizierten manche Analysten bereits einen Anstieg auf 2,25 Prozent Mitte 2012. Das ist nach Einschätzung von erfahrenen Beobachtern mehr als fraglich. „Jean-Claude Trichet würde die Zinsen vielleicht sogar ganz gern stärker anheben“, sagt auch der Vermögensverwalter und Buchautor Roland Leuschel. Aber die Verschuldungssituation in der Euro-Peripherie lege dem EZB-Chef Fesseln an.

Denn wuchtet die Notenbank den Zins zu schnell nach oben, könnte dies die Konjunktur in angeschlagenen Schuldenstaaten wie Griechenland, Irland oder Portugal endgültig abwürgen. Hinzu kommt, dass zu schnelle Zinsschritte der EZB den Euro-Kurs hochtreiben würden – zum Leidwesen der hiesigen Exporteure. Am Freitag stieg der Kurs der Einheitswährung bereits auf ein Viermonatshoch bei 1,4146 Dollar.

Für Sparer bedeutet das, dass ihr Darben weitergeht. Während Aktien- und Rohstoffinvestoren in den vergangenen zwei Jahren formidable Gewinne erzielen konnten, blieb konservativen Anlegern unter dem Strich nicht viel übrig. Denn während vor allem die kurzfristigen Zinsen (die am Leitzins hängen) auf der Stelle treten, zieht die Geldentwertung spürbar an. Für sicher angelegtes Tagesgeld gibt es im Durchschnitt lediglich 1,04 Prozent Zinsen, wie das Verbraucherportal Biallo.de ermittelt hat. Selbst Sparbriefe mit vierjähriger Laufzeit werfen gerade mal 2,56 Prozent ab.

Kürzlich ist die Inflation in Deutschland auf 2,1 Prozent geklettert. Verharrt die Teuerungsrate auf diesem Niveau, erleiden Tagesgeldbesitzer also schon jetzt einen realen Vermögensverlust von mehr als einem Prozent im Jahr. Kaum ein Beobachter rechnet jedoch damit, dass die Inflation so niedrig bleibt. Stattdessen dürfte sie im weiteren Jahresverlauf Richtung 2,5 Prozent oder mehr steigen. Ein Grund für das Anziehen der Inflation sind die nachhaltig hohen Rohstoffpreise.

Die Konflikte in der arabischen Welt werden den Ölpreis weiter hoch halten, und sogar die Verwüstungen in Japan könnten den Preisauftrieb beschleunigen. Kurzfristig fallen dort viele Firmen zwar als Käufer aus, weil die Fabriken stillstehen, doch sobald der Wiederaufbau in Gang kommt, wird es einen Nachfrageschub geben. „Die Ereignisse in Japan werden einen inflationären Impuls auslösen“, sagt Folker Hellmeyer, Chefstratege bei der Bremer Landesbank. Bereits ohne den Japan-Effekt zeigt der Goldman Sachs Commodity Index deutlich nach oben, worin sich vor allem der starke Verbrauch Chinas ausdrückt.

Während sicherheitsorientierte Sparer zu den Leidtragenden einer fortgesetzten Niedrigzinspolitik gehören, können Bauherren durchatmen. Der Aufwärtstrend der Hypothekenzinsen dürfte erst mal vorüber sein. Zehnjähriges Baugeld mit fester Zinsbindung hat sich seit September von 3,18 auf über vier Prozent verteuert. Damit ist jetzt erst mal Schluss. „Es ist durchaus denkbar, dass der starke Konkurrenzkampf eine Reihe von Banken veranlasst, die Konditionen für Immobilienkredite wieder um ein paar Basispunkte zu verbilligen“, sagt Peter Lindemann von Biallo.de.

Der Experte warnt Bauherren jedoch davor, auf allzu stark fallende Zinsen zu spekulieren. Dafür sei die Wirtschaft dann doch zu robust. Konservativen Sparern bleibt nichts anderes übrig, als in der Zinswüste nach Oasen Ausschau zu halten. Gute Tagesgeldkonditionen über zwei Prozent bieten ohne Neukundenklauseln die Bank of Scotland und GE Capital Direkt.