Geschäftsimmobilien

Die Wall Street ist bei Mietern nicht mehr gefragt

Viele Investmenthäuser sind nach dem Terroranschlag 2001 nach Midtown gezogen. Daher sacken die Mieten im Finanzdistrikt ab. Der Bezirk wandelt sich.

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An sonnigen Frühlingstagen wie diesen sieht man an der Wall Street mehr Touristen herumspazieren als Banker auf dem Weg zur Arbeit. Zwar hängt die US-Flagge an den Säulen der New York Stock Exchange (Nyse) und schmückt auf diese Weise eines der stolzesten Symbole der US-Wirtschaftskraft.

Doch die Musik spielt mittlerweile woanders. Seit den Terroranschlägen des 11. September, bei denen die Südspitze Manhattans in Schutt und Asche gelegt wurde, haben viele Banken und Investmentfirmen ihre Büros weiter nördlich nach Midtown verlagert. Das hat die Mieten an der Wall Street spürbar nach unten sacken lassen. Die Straße zählt inzwischen zu den billigsten in Manhattan - verlangt wird 18 Prozent unter dem Schnitt, der sonst in der Stadt üblich ist.

Die Wall Street wird jetzt von Wohnungen, Lofts sowie von den Büros von Architekten, Ingenieuren und Medienfirmen dominiert. Nur einige wenige Wertpapierfirmen bleiben präsent – sie schätzen offenbar traditionell die Nähe zur New Yorker Börse. Doch mit dem geplanten Kauf des Aktienmarktbetreibers durch die Deutsche Börse kommt womöglich auch noch das Flaggschiff des US-Kapitalismus in ausländischen Besitz. Sollte der Zusammenschluss gelingen, wäre dies ein weiteres Zeichen für den Untergang der Wall Street als Zentrum der Hochfinanz in New York. Zu dieser Einschätzung kommt jedenfalls der Finanz-Historiker Richard Sylla von der New York University.

Denn die Deutsche Börse will den Mutterkonzern Nyse Euronext für mehr als neun Mrd. Dollar übernehmen. Ob es dazu kommt, hängt nicht nur von den Kartellwächtern und Aktionären ab. Angeblich erwägt nun die Technologiebörse Nasdaq OMX ein Gegengebot zu der Offerte aus Deutschland. Dies dürfte denjenigen Amerikanern, denen ein Zusammenschluss der Nyse mit den Deutschen ohnehin nicht behagt, nur recht sein.

Doch auch das kann nichts daran ändern, dass die Wall Street ihren ehemaligen Glanz verloren hat. "Was das Prestige der Wall Street anbelangt, so ist das alles schon ganz nett. Aber es ist eben nicht mehr das, was es noch vor 20 bis 25 Jahren war", sagt Marc Shapses, Executive-Managing-Director beim Broker Studley: "Denn zwischen den ganzen Technologiefirmen und anderen Unternehmen gibt es inzwischen keinen Grund mehr, nahe an der Börse zu sein."

Ihren Namen verdankt die Wall Street jener Wand, die hier einst stand und die nördliche Seite der niederländischen Kolonie New Amsterdam schützte. Am östlichen Ende der Wand trafen sich im 18. Jahrhundert viele Händler an den Docks, um ihren Geschäften nachzugehen. 1792 sollen 24 Kaufleute in Frack und Zylinder dort im Schatten einer Platane zusammengekommen sein, um die ersten Wertpapiere auszutauschen. Dies gilt als die Geburtsstunde der New Yorker Börse. Im darauffolgenden Jahrhundert wurde an der Südspitze Manhattans die Finanzierung für Eisenbahnstrecken und Fabriken bewerkstelligt. Dadurch wurden erst all die Projekte möglich, die Amerika als Wirtschaftsnation groß machten.

Dort spielten sich aber auch die Dramen der Wirtschaftsgeschichte ab. Beim Aktiencrash von 1929 zerrissen Geschäftsleute an der Wall Street ihre wertlos gewordenen Papiere auf offener Straße. Auch bei der jüngsten Finanzkrise blickte die Welt wieder gebannt in Richtung Wall Street. Dabei gibt es dort für Finanzleute eigentlich nicht mehr viel zu sehen. Außer sie sind auf der Suche nach einem Schnäppchen auf dem Immobilienmarkt. In nur vier der 20 Bezirke von Manhattan werden heute geringere Mieten für Büros verlangt als an der Wall Street. "Sehr selten höre ich von Unternehmen, dass sie eine Adresse an der Wall Street haben wollen", sagt Ruth Colp-Haber, einer der Gründer von Wharton Property Advisors. Das Unternehmen repräsentiert Firmen, die in Manhattan Büros mieten.

Die Nachfrage nach Büros in ganz Downtown Manhattan war mit der Finanzkrise unter Druck geraten. Bei der Wall Street kamen aber noch zwei weitere Negativ-Faktoren hinzu. Die Investmentbank Goldman Sachs hatte laut Shapses in der Gegend zwar Büroflächen angemietet, diese aber nicht genutzt und deshalb untervermietet. Dabei seien von der Bank Mieten verlangt worden, die unter dem Durchschnitt gelegen und andere Vermieter zu Mietreduzierungen gezwungen hätten. Zudem zog sich mit American Express ein sehr prominenter Mieter aus einem Hochhaus an der Wall Street Nummer 40 zurück. Der Wolkenkratzer ist nicht nur das sechsthöchste Gebäude in ganz Manhattan, sondern beherbergt auch ein Sechstel aller Büroflächen in der Wall Street.

Im vergangenen Monat stand das Gebäude zu einem Drittel leer. James Craig, Gründer von Direct Access, bezeichnete die von ihm in den vergangenen 30 Jahren beobachteten Veränderungen an der Wall Street als "irgendwie verblüffend". Viele Leute aus der Gegend seien direkt in die Straße gezogen. Zwischen 1997 und 2008 sind insgesamt neun Bürogebäude der Wall Street in Wohnhäuser oder Hotels umgewandelt worden, wie Daten der Alliance for Downtown New York zeigen. Den Angaben zufolge wurden dadurch über 2900 neue zusätzliche Unterkünfte in der Gegend geschaffen. "Aus meiner Sicht war die Wall Street vor ein paar Jahren ein bevorzugtes Ziel", sagte Craig: "Heutzutage steigen die Leute von dort in die U-Bahn und fahren in andere Teile der Stadt".