Nervöse Anleger

Die Angst vor dem nuklearen Börsen-Winter steigt

Das Atomdesaster in Fukushima, die Unruhen ums Öl, die Dollar-Schuldenkrise: All das belastet die Aktienmärkte. Manche Optimisten schreckt selbst das nicht.

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Trotz der Erholung von Donnerstag geht bei Anlegern die Furcht vor einem nuklearen Börsen-Winter um. Manche Pessimisten fürchten gar, dass einer Kernschmelze der Fukushima-Reaktoren eine Kernschmelze des globalen Finanzsystems folgen könnte. „Die Aktienmärkte stehen jetzt an einem kritischen Punkt“, sagt Thorsten Weinelt, Chefstratege bei der UniCredit Bank in München. Die Sorge ist, dass die Weltwirtschaft nicht gesund genug ist, um einen weiteren Schock zu verkraften.

Diese Woche hielten Anleger bereits den Atem an. Kurzfristig sackte der Deutsche Aktienindex (Dax) unter die 200-Tage-Linie. Dieser gleitende Durchschnitt gilt als wichtige Unterstützung. Selbst für Beobachter, die von Charttechnik nicht viel halten, ist die Verletzung dieser Linie ein Alarmsignal. Ein solch rapider Abfall des Index-Standes könnte darauf hindeuten, dass der seit März 2009 anhaltende Aufwärtstrend an den Börsen vorbei ist. Sinkt die Börse weiter, drohen negative Rückkopplungseffekte: Kursverluste vermindern Bereitschaft zu investieren und zu konsumieren. Die Baisse nährt die Baisse.

Vermögensverwalter Roland Leuschel glaubt, dass sich die meisten Investoren die Lage schönreden: „Wir haben gar keinen Bullenmarkt, sondern eine Rallye in einem langen Bärenmarkt, der im Jahr 2000 begonnen hat“, sagt der Investor, der als Skeptiker gilt und den Börsencrash von 1987 rechtzeitig vorhersagt. Eine Börsenrallye dauert laut Leuschel im Durchschnitt zwei Jahre – „und die sind nun rum“. Für den Abschwung bedürfe es lediglich eines Auslösers, und das könnte Fukushima gewesen sein. Leuschel rechnet damit, dass der Dax auf 5000 oder sogar 4500 Punkte zurückfallen könnte.

Schon vor Beben, Tsunami und Reaktor-Explosion in Japan war der Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten im Februar erkennbar ins Stocken geraten. Schnell steigende Preise für Rohstoffe, vor allem für Öl, begannen die Gewinnmargen der Firmen zu unterminieren. Eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in den USA und hochschnellende Inflationsraten in den Schwellenländern verstärkten die Bedenken, dass die Weltwirtschaft aus der Balance geraten könnte. Hinzu kommt, dass die globale Schuldenkrise ungelöst ist und der Finanzsektor anfällig bleibt.

Gleichwohl hofft die Mehrzahl der professionellen Anlagestrategen noch, dass die Märkte sich relativ schnell erholen können. Sie vergleichen die jetzige Korrektur mit den moderaten Rückschlägen der Jahre 1989, 1997 oder 2006. Damals hielten sich die Dax-Verluste in Grenzen, der Index brauchte nur relativ kurze Zeit, um seine vorherigen Höchststände einzustellen.

Gemessen an seinem Jahreshoch vom 18. Februar hat der Dax maximal zwölf Prozent an Wert verloren. Frühere Pausen in Aufwärtsbewegungen lagen einer ähnlichen Größenordnung. Allerdings waren Dividendenpapiere zu Beginn der jetzigen Korrektur niedriger bewertet als damals. Die Fallhöhe ist also mutmaßlich niedriger.

Nichtmal die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren lassen die Auguren als Vergleichsmaßstab gelten. „Damals knickte der Dax insgesamt um 26 Prozent ein, doch vergessen wir nicht: 1986 rangierten die US-Zinsen auch bei sieben Prozent“, sagt Andreas Hürkamp, Chefstratege bei der Commerzbank. Heute liegt der Leitzins in den USA bei nahe null und in Europa bei einem Prozent. Das Umfeld für Aktien ist also insgesamt viel günstiger.

Auch Alexander Daniels, Chef des Hamburger Family Office Knapp Voith, bleibt Optimist: „Nein, ein Ende des globalen Bullenmarktes sehen wir noch nicht“, ist er überzeugt. Die Produktionsstopps in Japan könnten internationale Lieferketten zwar vorübergehend zerreißen und es sei in der Tat unsicher, wann diese Löcher vollständig überwunden werden. Und natürlich gebe es den hemmenden psychologischen Effekt des Japan-Desasters. „Ein zweites Lehman ist die Katastrophe von Fukushima dafür noch nicht.“

Manche Experten gehen sogar so weit, in der momentanen Krise eine Kaufchance zu erkennen. „Wir sehen jetzt eher Kurse, die sich als günstige Einstiegskurse erweisen könnten“, sagt Antwort Rocco Damm, Chef der Vermögensverwaltung Damm Rumpf Hering in Dresden. Die globalen ökonomischen Rahmendaten hätten sich durch das Erdbeben kaum verändert. Wie Damm verweisen auch anderen Experten auf die niedrigen Kurs/Gewinn-Verhältnisse und die hohen Dividenden internationaler Aktien.

Für Japan gibt es keinen Präzedenzfall

Doch noch ist die Börse nicht über den Berg. Denn für die Situation in Japan gibt es keinen Präzedenzfall. Die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl fand in einer auf globaler Ebene unbedeutenden Erdgegend statt während der Großraum Tokio die kaufkraftstärkste Region auf dem Planeten ist. „Wenn es zum Super-GAU mit dauerhaften Strahlenschäden kommt, würden sich die Auswirkungen auf den Welthandel verstärken“, gibt Christian Mallek von der Sigavest Vermögensverwaltung in Berlin zu bedenken, der die Lage jedoch erst dann als kritisch einschätzen würde, wenn der Dax zum Monatsende unter 6150 Stellen fallen würde.

Andere Experten weisen darauf hin, dass ein atomarer Super-GAU Fukushita nicht die einzige Gefahrenquelle für die Finanzmärkte ist. „Schon vorher gab es durch die Ereignisse im Nahen Osten einen Nachfrageschock beim Öl“, gibt Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Rentenfondsmanagers Pimco gegenüber Bloomberg zu bedenken. Mit der Neudefinition einer Energiepolitik ohne Uran dürften die Strom- und Spritpreise kurzfristig weiter steigen. Die wiederum könnte die Inflation treiben und weitere Zinserhöhungen erforderlich machen.

Auch den Devisenmärkten steht möglicherweise ein großer Schock bevor, der auf die Aktienmärkte zurückwirken könnten. Denn indem japanische Investoren ihr Geld ins Vaterland heimholen, verstärken sie die bedenkliche Schwäche des Dollar. Wie das historische Tief des Greenback zum Yen anzeigt, wächst auch im Weltwährungssystems die Gefahr eines GAUs.