Börsen-Bericht

Leitindex trotzt der Atomkatastrophe in Japan

Der Dax hält sich im Plus. Aktien der Energieversorger legen sogar leicht zu. Die Schweiz lässt den Leitzins unverändert.

Die europäischen Aktienbörsen bleiben im Bann der Atomkatastrophe in Japan. Meldungen über eine zeitweilige Unterbrechung der Bemühungen um eine Kühlung der beschädigten Atomanlage ließen anfängliche Gewinne zusammenschrumpfen. „Das alles beherrschende Thema ist die Atomkatastrophe in Japan“, sagte ein Händler. Die Lage in der schwerbeschädigten Atomanlage in Fukushima bleibe äußerst angespannt. „Die Investoren bringen es nicht übers Herz, Aktien zu kaufen, und diskutieren schon die schlimmstmöglichen Szenarien“, fassten die Analysten von Close Brothers Seydler zusammen.

Der Dax lag am Mittag mit 6571 Punkten 0,9 Prozent im Plus. Auch die Indizes in London und Paris zogen leicht an, während in Zürich die Minus-Zeichen überwogen. An der Tokioter Börse hatte der Nikkei-Index 1,4 Prozent im Minus geschlossen – deutlich weniger als am Mittwoch die Wall Street und die Börsen in Europa einbüßten, deren Verluste sich wie beim Dax auf rund zwei Prozent belaufen hatten. Allerdings zogen japanische Anleger in Scharen ihre Yen aus dem Dollar-Raum ab und trieben damit ihre Landeswährung zum Dollar zeitweise auf ein Rekordhoch.

Um einen Super-GAU abzuwenden, müssten die Brennstäbe gekühlt werden. Wegen hoher Radioaktivität stellten die Rettungskräfte dem japanischen Fernsehen zufolge am Vormittag zeitweise aber ihre erneut Bemühungen ein, mit Wasserwerfern eine Kernschmelze der Plutonium-Brennstäbe in Reaktor 3 zu verhindern. Ranghohe US-Atomaufseher hatten in der Nacht schon erklärt, im Abklingbecken für Brennstäbe im Reaktor 4 gebe es kein Wasser mehr und die Verstrahlung sei extrem hoch.

Japans Wirtschaftsminister Kaoru Yosano rief die Investoren auf, Ruhe zu bewahren. Er erwarte, dass die Finanzminister der sieben führenden westlichen Industrienationen (G7) Japan helfen würden. Noch an diesem Donnerstag wollten G7-Minister in einer Telefonkonferenz beraten. Japans Notenbank pumpte erneut weitere 45 Milliarden Euro in die Märkte, um Engpässe bei der Liquiditätsversorgung der Unternehmen und Banken zu verhindern. Bei den Bewohner in Tokio, die sich für den Notfall mit allem nötigen auszustatten versuchen, kamen die Gelder wegen kaputter Geldautomaten allerdings nicht an.

Schließung der japanischen Börse erwogen

Der Präsident des japanischen Unterhauses forderte nach einem Bericht der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo eine einwöchige Schließung der Börse und des Devisenhandels, um Turbulenzen zu vermeiden. Nach dem Bericht gaben viele Aktien schon wieder nach.

Einzelwerte spielten dagegen kaum eine Rolle. „Es gab zwar viele Nachrichten von Unternehmen, aber das Hauptaugenmerk gilt dem Gesamtmarkt“, erklärte ein Händler. Im Dax zählten die Aktien von Index-Schwergewicht Siemens mit einem Plus von 2,5 Prozent zu den größten Gewinnern. „Siemens wird als Anbieter von Gas-Turbinen zu den Profiteuren einer Abschaltung von Kernkraftwerken gehören“, erklärten die Analysten der Unicredit. Die Papiere der Siemens-Konkurrenten ABB und Alstom notierten 1,5 beziehungsweise 2,7 Prozent im Plus. Gefragt waren auch die Aktien von HeidelbergCement, die 2,5 Prozent zulegten. Der Baustoffkonzern verspricht sich vom Wiederaufbau in Japan zusätzliche Geschäftschancen.

Die Aktien von E.on und RWE notierten mit 0,2 Prozent nur knapp im Plus. Bundeskanzlerin Angela Merkel wies Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Moratoriums zur Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken und der Abschaltung alter Atomanlagen als unbegründet zurück.

Nach anfänglichen Gewinnmitnahmen zogen die Solarwerte wieder an. Händler erklärten, viele Anleger setzten angesichts der Katastrophe in Japan auf alternative Energieanbieter. Conergy stiegen um 15 Prozent, Windkraftanbieter Nordex um 8,4 Prozent und Solarworld um zwei Prozent.

Schweiz lässt Leitzins unverändert

Nach der Erdbeben-Katastrophe in Japan hält die Schweizerische Nationalbank (SNB) an ihrer lockeren Geldpolitik fest. Die Schuldenkrise in Europa und der hohe Ölpreis stellten weiterhin beträchtliche Abwärtsrisiken für die Konjunktur in der Schweiz dar, erklärte die SNB. Hinzu komme die Unsicherheit über die Entwicklung in Japan, deren Folgen derzeit kaum abzuschätzen seien, heißt es in der vierteljährlichen geldpolitischen Lagebeurteilung. Die SNB ließ den seit rund zwei Jahren geltenden Leitzins unverändert und strebt weiterhin einen Dreimonats-Libor von rund 0,25 Prozent an. An den Finanzmärkten wird nicht ausgeschlossen, dass die Notenbank die Geldpolitik erst im Dezember strafft.