Aktienmärkte

Nach dem Beben zittern jetzt weltweit die Anleger

Das japanische Atomdesaster könnte auch an den Finanzmärkten Verwüstungen nach sich ziehen. Nun sind sichere Anlagen gefragt.

Foto: Welt Online Infografik

Am Freitag waren die Börsen noch in einer Art Schockstarre gefangen. Der amerikanische Dow Jones Index legte sogar leicht zu. In der neuen Woche jedoch werden die Kapitalmärkte nach und nach beginnen, die Japan-Katastrophe zu verarbeiten. Und das verheißt nichts Gutes für die angeschlagenen Weltbörsen.

Spätestens mit der sich gefährlichen zuspitzenden Lage im Atomkraftwerk Fukushima ist klar, dass die Folgen nicht auf die Inselnation begrenzt bleiben. Japan ist ein neuralgischer Punkt der Finanzwelt. Ein nuklearer Super-GAU könnte einen Kurseinbruch nach sich ziehen. Doch selbst wenn es nicht zum Äußersten kommt: Aktien, Anleihen, Öl und Gold – keine Anlageklasse wird von den Ereignissen im Pazifischen Ozean ungerührt bleiben.

„Für den Aktienmarkt sind die Folgen des Erdbebens klar negativ“, sagt Takuji Okubo von der französischen Großbank Société Générale. Damit meint er zwar vorwiegend die Tokioter Börse, doch auch andernorts auf der Welt dürften die Märkte am Montag äußerst verunsichert zeigen. Die seit März 2009 laufende Rallye war wegen der Unruhen und Kämpfe in der Arabischen Welt, die den Ölpreis nach oben katapultierten, zuletzt ohnehin ins Stocken geraten. Hinzu kommt die um sich greifende Inflationsfurcht. Der Dax hat seit Mitte Februar 445 Punkte verloren.

Nun kommt ein weiterer schwerer Unsicherheitsfaktor hinzu: die Nukleargefahr. Erinnerungen drängen sich auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986. Die damalige „Havarie“ (wie es im offiziellen sowjetischen Sprachgebrauch hieß) passierte zwar weitaus näher an Deutschland. Doch das betroffene ukrainische Umland rund um den Unglücksreaktor war im Vergleich mit Japan relativ spärlich besiedelt und als Industriestandort unbedeutend. Ökonomisch bildete der Ostblock eine abgeschottete Sphäre. Dennoch verloren hiesige Aktien in den drei Monaten nach dem Super-GAU 12,4 Prozent an Wert.

Nikkei wird verlieren

Nahezu sicher wird der japanische Nikkei-Index zu Beginn der neuen Handelswoche deutlich ins Minus rutschen. Am Freitag hatte das Börsenbarometer bereits 1,7 Prozent verloren. Doch damals waren die Schäden nicht annähernd abzuschätzen. Das Beben war kurz vor Handelsende über die 128-Millionen-Einwohner-Nation hereingebrochen. Eine mögliche Kernschmelze war noch nicht absehbar. Terminkontrakte deuten für Montag auf einen Anfangsverlust in Tokio von mindestens zwei Prozent hin. Nach dem schweren Beben in Kobe, das Japan zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung kostete, büßte der Nikkei in drei Tagen acht Prozent ein. Damals stand Japan ökonomisch auf gesünderen Füßen.

Renten dürften hingegen zulegen, allen voran deutsche Bundesanleihen, die nach wie vor als Fluchtburg für ängstliches Kapital dienen. Auch der sichere Hafen Gold könnte einmal mehr gefragt sein, wobei die Preisentwicklung des Edelmetalls nicht so leicht vorhersehbar ist. Erst am 7. März hatte der Preis bei 1445 Dollar je Feinunze ein Rekordhoch erreicht. Der Energieträger Öl dürfte sich kurzfristig hingegen verbilligen: Viele japanische Raffinerien sind zerstört und können erstmal kein Brent oder WTI abnehmen. Nachgeben könnten auch die Preise für Industriemetalle. Die globalen Lebensmittelpreise werden hingegen wohl weiter steigen, da der Tsunami große Ernteflächen vernichtet hat.

Insgesamt ist Japan ist durch das Mega-Beben und die atomare Katastrophe hart getroffen. In vieler Weise ist die Inselnation das schwache Glied der Weltwirtschaft. Von außen betrachtet ist das Land ein ökonomischer Kraftprotz: Japan stellt mit einer Wirtschaftsleistung von 5,1 Billionen Dollar die drittgrößte Wirtschaftsnation der Erde da. Das entspricht 8,7 Prozent der weltweiten Wertschöpfung. Zum Vergleich: Deutschlands Wirtschaftskraft entspricht nur knapp sechs Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Außerdem ist es die Heimat höchst erfolgreicher Weltkonzerne wie Toyota, Sony oder Canon.

Doch seit zwei Dekaden befindet sich die einst gefürchtete Hightechnation im relativen Niedergang. Vergangenes Jahr ist Japan von seinem Nachbarn und Rivalen China als zweitgrößte Wirtschaftsmacht abgelöst worden. Die Bevölkerung schrumpft und altert wie keine andere auf der Welt. Seit 2007 geht die Einwohnerzahl zurück. Schon jetzt liegt der Altersmedian bei 44 Jahren. Damit ist Japan das am stärksten vergreiste Land auf dem Globus.

Nötige Investitionen beieindrucken Händler wenig

Nicht einmal ein möglicher bevorstehender Investitionsboom zum Wiederaufbau der zerstörten Landesteile wird die Börsianer milde stimmen. Denn um Brücken, Krankenhäuser und Schulen wieder zu errichten, sind Kredite nötig.

Schulden hat Japan aber schon jetzt mehr als genug. Nach Berechnungen von Analysten wird die Quote 2012 auf 210 Prozent des Bruttonlandsprodukts schnellen – die Kosten für den Wiederaufbau nicht eingerechnet. Griechenland kam bereits bei einer Schuldenquote von 120 Prozent in Bredouille. Allerdings ist Tokio anders als Athen vorwiegend bei den eigenen Bürgern verschuldet. Gleichwohl scheint Japan durch die Natur- und Atomkatastrophe auch einer Finanzkatastrophe ein gutes Stück näher gerückt.

Selbst wenn der Super-Gau ausbleibt, ist die Energieversorgung kritisch. Aktuell sind elf der 54 Kernkraftwerke des Landes außer Betrieb. Dadurch ist die Elektrizitätsversorgung des Landes stark eingeschränkt. Das bedeutet, dass sich Private wie Unternehmen auf wochenlange Stromausfälle gefasst machen müssen. Mehrere japanische Unternehmen haben die Produktion bereits eingestellt. 2,5 Millionen Bürger sind ohne Strom.

Yen-Kurs könnte steigen

Auch die Währungsentwicklung bereitet Sorge: Paradoxerweise könnte das Desaster dazu führen, dass der Yen-Kurs steigt. Das liegt zum einen daran, dass die Japaner dazu neigen, in Krisenzeiten ihr im Ausland investiertes Geld zurückzuholen. Dabei werden fremde Währungen verkauft und die heimische Valuta gekauft. Hinzu kommen mögliche Schadenzahlungen durch ausländische Versicherer, die den gleichen Effekt haben. Eine Yen-Stärke würde die ohnehin kämpfende Export-Industrie belasten.

Doch die Folgen reichen weit über die Grenzen Japans hinaus: Die schockierenden Bilder von dem explodierenden Block 1 des Atomkraftwerks Fukushima könnte weltweit die gesamte Debatte um sichere Energie wieder anheizenden. In den vergangenen Jahren war von einer weltweiten „Renaissance der Kernkraft“ die Rede. Tatsächlich sind allein in Japan zwei Atommeiler in Bau und zwölf in Planung. Weltweit sollen in den nächsten Jahren nicht weniger als 62 Kernkraftwerke an Netz gehen.

Chancen für Solartechnik

„Die Ereignisse in Japan werden einen psychologischen Knacks hinterlassen“, sagt Thiemo Lang, Manager des Investmentfonds SAM Smart Energy. Der Energieexperte befindet sich gerade auf Rundreise in Asien und ist sicher, dass eine Bewegung weg von der Atomkraft einsetzen wird. „Nach der Beinahekatastrophe von Three Mile Island 1979 sind 14 geplante Kernkraftwerke nicht mehr fertiggestellt worden“, erinnert sich Lang. Ebenso haben nach Tschernobyl 1986 viele Länder, darunter Deutschland, ganz auf den Bau neuer Meiler verzichtet. Eine ähnliche Entwicklung erwartet er auch jetzt. Nach einem anfänglichen Schock könnten also die Hersteller von Windkraftanlagen, Solarzellen und anderen alternativen Energien profitieren. Für die Atomindustrie und ihrer Zulieferer dürfte hingegen eine schwere Zeit anbrechen.