Ferienimmobilien

Weil Sylt zu teuer ist, setzen Käufer auf B-Standorte

Viele Käufer von Ferienimmobilien suchen Häuser abseits der Top-Standorte. Das treibt nun die Preise an Orten wie Föhr, Usedom oder Prien.

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Stress und Hektik in der Arbeitswelt belasten immer mehr Menschen. Die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland sei deshalb in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen, ermittelte die Techniker Krankenkasse (TK). Der hohe Druck im Arbeitsalltag hat inzwischen auch eine Trendwende am Ferienimmobilienmarkt eingeleitet. Immer mehr Käufer von Zweitwohnsitzen suchen ihr Domizil für die schönsten Tage des Jahres gezielt in Orten, an denen sie Ruhe und Behaglichkeit finden und die nicht ganz so teuer. Föhr statt Sylt, Prien statt Garmisch-Partenkirchen lautet die Devise.

Ein Beispiel dafür ist die Nordseeinsel Föhr. In den vergangenen Jahren hätten sich Käufer auf der Suche nach Ruhe gezielt dort gemeldet, sagt Hans-Werner Dickel, Partner der Maklerkette Engel & Völkers im Inselhauptort Wyk. Große Hotelanlagen und protzige Diskotheken wie auf dem mondänen Nachbareiland Sylt sind auf der zweitgrößten deutschen Insel nicht zu finden. "Jubel, Trubel und Schickimicki gibt es nicht bei uns", sagt Dickel. "Hier genießen die Menschen Ruhe und Geborgenheit."

Das bestätigen die Zahlen der Tourismusverbände beider Inseln. 867.955 Übernachtungsgäste und rund 580.000 Tagesgäste zählte Sylt Marketing auf der nördlichsten deutschen Insel im Jahr 2009. Mit 83 Quadratkilometern ist Föhr zwar nur 16 Prozent kleiner als das 99 Quadratkilometer große Nachbareiland. Aber weit weniger überlaufen. "Knapp 200.000 Gäste verbrachten 2009 ihren Urlaub bei uns", sagt Sandra Lessau von der Föhr Tourismus Gesellschaft.

Dass die Besucherzahlen 77 Prozent niedriger sind als auf Sylt, beschert Föhr seit geraumer Zeit einen Boom ganz anderer Art: "Immer mehr Menschen wollen sich eine Ferienimmobilie oder einen Altersruhesitz auf unserer Insel zulegen", berichtet Dickel. Unter den Käufern seien nicht wenige, die zuvor auf Sylt ein Domizil besessen hatten. "Das haben sie verkauft, um dem dortigen Trubel zu entgehen", erzählt der Makler.

Die Unterschiede zwischen den Eilanden werden bereits bei der Anreise deutlich: Auf Sylt spucken die über den 1927 errichteten Hindenburgdamm rollenden Autozüge in der Hauptsaison beinahe im Viertelstundentakt neue Besucher aus, die dann durch die Straßen Westerlands und über die Insel rollen. Föhr hingegen ist nur über die mehrmals am Tagen verkehrenden Fähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei erreichbar. Dickel: "Geht keine Fähre, kommt niemand auf die Insel rauf oder von ihr runter." Föhr sei dann "eine Welt ganz für sich".

Zwar ist nirgendwo in Deutschland das Angebot an gehobener Gastronomie größer als auf Sylt. Vier Restaurants tragen Michelin-Sterne an ihren Türen, fünf weitere sind im zweiten internationalen Haut-Cuisine-Führer, dem Gault Millau, verzeichnet. Dafür wartet Föhr mit einer Reihe kleiner, aber ebenfalls feiner Küchen und romantischen friesischen Teestuben auf. "Zudem sind alle Strände und Promenaden frei zugänglich", sagt Dickel. Ein Seitenhieb gegen die Nachbarinsel, deren 40 Kilometer langer Sandstrand mit seinen 13.000 Strandkörben in weiten Teilen nur jenen offen steht, die die teure Kurtaxe zahlen.

Nicht nur wegen der Ruhe hat sich der Inseltausch für die ehemaligen Syltbewohner gelohnt. Sie haben dabei auch kräftig verdient. Denn die Immobilienpreise auf der Insel mit den Renomeeorten Kampen, Westerland und Wennigstedt sind rasant gestiegen und übertreffen deutlich jene auf Föhr. "Die Verkäufer haben die Wertsteigerungen auf Sylt eingestrichen und hier ein ebenso luxuriöses Ambiente zu einem deutlich geringeren Preis erstanden", sagt der Makler. Um welche Beträge es dabei geht, macht das Engel & Völkers-Ranking der teuersten Standorte Deutschlands deutlich. Kampen auf Sylt führt die Liste an: "In direkter Lage am Wattenmeer werden Eigenheime für 25.000 bis 35.000 Euro pro Quadratmeter gehandelt", sagt Vorstand Kai Enders. Deutlich günstiger sind Häuser und Eigentumswohnungen auf Föhr. "Bei Objekten mit Seeblick müssen Käufer mit Preisen von 5500 bis 6500 Euro pro Quadratmeter rechnen", sagt Dickel. "In Orten im Inselinneren wie Oevenum gibt es noch Immobilien für 3500 Euro pro Quadratmeter."

So wie Föhr zur beschaulichen Perle geworden ist, hat sich an der Ostseeküste Usedom zum kleinen, aber feinen Ferienimmobilienstandort neben der großen Insel Rügen und der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst entwickelt. "Die meisten Käufer kommen, weil es hier beschaulicher zugeht als an den beiden Haupttourismusdestinationen", sagt der Heringsdorfer Makler Dominik Dobrew. Während der Sommerferien sei zwar auch Usedom sehr gut besucht. "In der Nebensaison wird es hier aber sehr ruhig", sagt Dobrew. Und dabei keineswegs ungemütlich. Im Gegenteil: "Mit durchschnittlich 1906 Sonnenstunden pro Jahr ist Usedom die sonnenscheinreichste Gegend Deutschlands", zitiert Robert Schmidt, Geschäftsführer der Usedom Tourismus Gesellschaft, eine Studie des Deutschen Wetterdienstes.

Mit ihren Binnenseen, Hügeln und Wäldern locke die Insel vor allem Naturliebhaber. "Die drei Kaiserbäder Ahlbeck, Bansin und Heringsdorf mit ihrer historischen Bäderarchitektur begeistern zudem Hobbyhistoriker", weiß Dobrew. Das Interesse an Natur und Kultur spiegele sich auch im Alter der Erwerber wieder. "Die meisten Käufer stehen im fünften Lebensjahrzehnt", sagt der Makler. "Sie suchen meist ein Haus oder eine Eigentumswohnung, die sie später als Altersruhesitz nutzen können." Auch Investoren werden angelockt. Das Berliner Ingenieursbüro Scholz & Minde und der Finanzier Gert Langgut wollen für 9,5 Millionen Euro ein Ärztehaus mit Gesundheits- und Seniorenzentrum in Heringsdorf errichten, um die Infrastruktur für ältere Menschen zu verbessern.

Durch die steigende Nachfrage und die geringe Neubautätigkeit hätten sich Immobilien auf der Insel in den vergangenen Jahren bereits merklich verteuert. "Im Schnitt sind die Preise pro Jahr um rund fünf Prozent gestiegen", sagt Dobrew. Für Häuser und Wohnungen mit Ostseeblick müssten Käufer 4000 bis 6000 Euro pro Quadratmeter kalkulieren. Wer auf den Anblick der Wellen verzichten kann, kommt deutlich günstiger zum Zug: "Objekte in der zweiten und dritten Reihe gibt es bereits für 2800 bis 4000 Euro pro Quadratmeter", ergänzt der Immobilienvermittler.

Noch weniger Geld müssen Ferienimmobilienerwerber im bayerischen Alpenraum zahlen, die auf den Trubel der dortigen Tourismushochburgen Berchtesgaden und Garmisch-Partenkirchen verzichten wollen. "In Prien am Chiemsee gibt es Neubauten zu Preisen zwischen 2900 und 3200 Euro pro Quadratmeter, in Grassau im Achental sogar für nur 2800 Euro pro Quadratmeter", sagt der Priener Makler Jörg Kaller. In beiden Orten sei die Nachfrage nach Zweitwohn- und Altersruhesitzen stark gestiegen. Allerdings würden die Gemeinden mit der Ausweisung neuer Baugebiete gegenhalten. "Wir werden auch in diesem Jahr wieder günstiges Bauland für Einheimische ausweisen", sagt Jürgen Seifert, Bürgermeister der Marktgemeinde Prien am Chiemsee. Damit solle sichergestellt werden, dass Familien vor Ort sich den Traum vom eigenen Heim erfüllen können. Von diesem Schritt profitieren auch auswärtige Interessenten. Denn das zusätzliche Angebot sorge dafür, dass "die Preise nicht so stark in die Höhe schießen wie in anderen Urlaubsregionen", sagt Kaller. Deshalb müssten Käufer auch nicht lange warten, bis sie eine Immobilie finden. "Wer keine speziellen Sonderwünsche hegt, findet meist nach kurzer Suche bereits ein Objekt."

Der Chiemgau locke ältere, aber sportliche Käufer aus ganz Deutschland, weil sie hier das ganze Jahr über aktiv sein können, sagt die pensionierte Lehrerin Margot Ossadnik aus Übersee am Chiemsee, die zahlreiche Neubürger zu ihren Bekannten zählt. "Im Sommer können wir im See schwimmen, auf die Berge steigen oder lange Radtouren unternehmen." Im Winter seien die Alpinskigebiete und Langlaufloipen bei Reit im Winkl und im österreichischen Achenkirch mit dem Auto in kurzer Zeit zu erreichen. Die Gemeinden haben ihre Infrastruktur auf die Neubürger abgestimmt, sagt Kaller. "In Prien und Grassau gibt es viele Einkaufsmöglichkeiten und etliche Fachärzte." Die B-Standorte entwickeln sich also weiter - und werden möglicherweise nicht mehr lange so günstig sein wie sie heute noch sind.