Höhere Kosten

Zahnbehandlungen werden deutlich teurer

Gesundheitsminister Philipp Rösler möchte den Zahnärzten mehr Geld geben. Daher sollen die Versicherten mehr für die Behandlungen berappen.

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Nahezu alle Bundesbürger müssen sich auf höhere Kosten für Zahnbehandlungen einstellen. Grund dafür sind die Pläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), die Gebührenordnung für Zahnärzte zu überarbeiten. Diese Gebührenordnung (GOZ) gilt zwar in erster Linie für private Krankenversicherungen und für die staatliche Beihilfe für Beamte. Doch auch gesetzlich Versicherte sind betroffen, wenn sie mehr als nur die Standardversorgung bekommen. Dies ist immer häufiger der Fall, denn Zahnärzte generieren einen immer kleineren Teil ihres Einkommens aus Kassenleistungen. Dagegen steigt der Teil der Leistungen, für die sie Kassenpatienten eine Rechnung schreiben – auf Basis der Gebührenordnung.

Rösler hatte in einem Interview mit der „Ärztezeitung“ angekündigt, dass die Zahnärzte aus der Reform der Gebührenordnung ein Honorarplus von sechs Prozent erwarten könnten. Wie sich diese Steigerung zusammensetzt, erläuterte der Minister nicht. Sein Ministerium war am Donnerstag auch nicht in der Lage, dies zu präzisieren. In Koalitionskreisen hieß es, Privatversicherte und Kassenpatienten müssten sich alle auf steigende Kosten gefasst machen.

Ein Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichern Krankenversicherungen sagte: „Es wird nicht nur für die wenigen Privatversicherten teurer, sondern auch für die vielen Millionen gesetzlich Versicherten, die zum Beispiel einen Zahnersatz benötigen oder eine Kunststofffüllung erhalten.“ Ein Sprecher der Techniker Krankenkasse präzisierte: „Teurer wird es für diejenigen, die aufwändigeren Zahnersatz oder Implantate möchten.“ Der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) prognostizierte Ausgabensteigerungen allein für die privaten Versicherungen von 180 Millionen Euro. Vor diesem Hintergrund seien Beitragssteigerungen zwingend notwendig. Diese träfen sowohl Privatpatienten, die eine Vollversicherung haben, als auch gesetzlich Versicherte, die eine Zahnzusatzversicherung besitzen.

Wie viel gesetzlich Versicherte mehr zahlen müssen, ist unklar, denn „diese Kosten werden ausschließlich im Verhältnis von Patient zu seinem Zahnarzt abgewickelt“, sagte ein Sprecher der Krankenkasse Barmer GEK. Modellrechnungen der AOK in Sachsen und Thüringen zeigen, dass Kassenversicherte für einzelne Behandlungen zwischen 17 und 133 Euro mehr zuzahlen müssen als heute. Aus Sicht der Krankenkassen ist das ein Problem: „Niemand überprüft routinemäßig, ob der abgerechnete Honorarsatz für den privatärztlichen Anteil auch angemessen ist“, sagt der Sprecher des Kassenverbands.

Nach Angaben der Bundeszahnärztekammer stammt inzwischen mehr als die Hälfte der Einnahmen einer westdeutschen Zahnarztpraxis aus Privatrechnungen. In Ostdeutschland sind es etwa 40 Prozent. Dementsprechend zahlen gesetzliche Krankenkassen nur noch rund die Hälfte der Ausgaben der Bundesbürger für zahnärztliche Leistungen. Sichtbar wird das daran, dass es inzwischen mehr als zwölf Millionen private Zahnzusatzversicherungen gibt. Sie werden benötigt, um Leistungen zu bezahlen, die über die Standardversorgung hinausgehen. So muss schon eine einfache Füllung, die nicht aus Amalgam ist, vom Kassenpatienten selbst finanziert werden. Auch bei Kronen, Brücken, Implantaten und Prothesen wird oft eine Zuzahlung fällig.

Ob nun alle diese Leistungen um exakt sechs Prozent teurer werden, darüber herrscht Unklarheit. Weder gibt es einen Entwurf für die neue Gebührenordnung, noch hat sich Rösler mit den Gesundheitspolitikern von FDP und Union abgesprochen. Wahrscheinlich ist, dass nicht alle zahnmedizinischen Leistungen teurer werden, sondern dass die Gebührenordnung um einzelne Positionen ergänzt wird, die es bisher nicht gab. Grund dafür ist, dass das Verzeichnis vor 23 Jahren das letzte Mal aktualisiert wurde. Der CDU-Politiker Jens Spahn lobte die Ankündigung des Ministers deshalb. Er habe sich „auch ein paar Prozent Steigerung mehr vorstellen können.“

Die Koalition will den Zahnärzten nicht nur über die Gebührenordnung mehr Einnahmen verschaffen. Auch die gesetzlichen Kassen sollen mehr zahlen. Fachleute rechnen hier mit Mehrausgaben von mindestens 100 Millionen Euro. Die Dentisten können sich also 2012, wenn alle Neuerungen in Kraft treten sollen, über mindestens 300 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen freuen – andere Schätzungen erwarten eine halbe Milliarde Euro Mehreinnahmen.

Die privaten Versicherungen wollen sich mit dem von Rösler angekündigten Veränderungen noch nicht zufrieden geben. Sie sind der Meinung, dass sechs Prozent Steigerung zu viel sind: „Es gibt beim Honorar keinerlei Nachholbedarf – im Gegenteil“, sagt der Direktor des PKV-Verbands, Volker Leienbach. Außerdem dringt die PKV darauf, dass das Gebührenverzeichnis der Zahnärzte flexibler wird. Die PKV will über Preis, Menge und Qualität der Leistungen verhandeln, was die Zahnärzte ablehnen.

Unterdessen haben die Gesundheitspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion eigene Vorstellungen entwickelt, wie die medizinische Versorgung insgesamt verbessert werden kann. Minister Rösler und die Koalition wollen vor allem den Beruf des Landarztes attraktiver machen. In diesem Zusammenhang wollen die FDP-Politiker die Residenzpflicht von Ärzten lockern. Die Mediziner müssen also nicht mehr unbedingt dort wohnen, wo sie ihre Praxis haben. „So wird es für Ärzte leichter, sich für eine Praxis auf dem Land zu entscheiden, aber in der Stadt zu wohnen“, heißt es in dem Papier der FDP. Auch Modellversuche mit Kostenerstattung sollen die Niederlassung in der Provinz attraktiver machen.