Rohstoffe

Angst vor neuer Ölkrise ist eine Chance für Anleger

Der Preis für das Ölfass ist über die psychologisch wichtige 100-Dollar-Marke gestiegen. Die Morgenpost Online vergleicht spannende Ölinvestments.

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Ein Hauch von Ölkrise liegt in der Luft. Die Zuspitzung und Ausweitung der Proteste in der arabischen Welt trifft einen neuralgischen Punkt der globalen Wirtschaft. In keiner Region der Welt sind so viele Ölreserven und wichtige Verkehrswege konzentriert wie in Nordafrika und dem Nahen Osten. Rund ein Drittel der gesamten Produktion des Brennstoffs stammt aus dieser politisch brodelnden Weltgegend.

Beobachter fühlen sich an die 70er-Jahre erinnert, als sich der Preis des schwarzen Goldes infolge politischer Erschütterungen verzehnfachte. Bereits jetzt haben die Proteste in der arabischen Welt den Ölpreis markant in die Höhe schnellen lassen. Zum ersten Mal seit Oktober 2008 kostete ein Fass der für Europa maßgeblichen Nordseesorte Brent diese Woche mehr als 100 Dollar.

Das Überschreiten dieser psychologisch wichtigen Marke alarmiert Verbraucher. Doch mit den richtigen Investments können sie von steigenden Preisen profitieren und die persönlichen finanziellen Belastungen durch die Ölkrise kompensieren.

In der Spitze lag der Barrel-Preis für Brent diese Woche bei 103 Dollar. Ein Barrel entspricht 159 Litern. Allein seit Beginn des Jahres hat sich der Energieträger um neun Prozent verteuert. Noch Mitte 2010 wurde ein Fass für 69 Dollar gehandelt. In der Finanzkrise hatte Brent-Öl vor wenig mehr als zwei Jahren bei 36,61 Dollar einen so tiefen Stand wie seit vielen Jahren nicht mehr markiert.

Die abrupte Verteuerung ist nicht nur eine Folge der politischen Instabilität in Nahost, sie zeugt auch von der generellen Ressourcenknappheit auf dem Planeten. Selbst wenn sich die Lage in Ägypten und anderswo entspannt und Ölproduktion sowie -transport ungehindert weiterlaufen, steuert die Welt auf einen Engpass zu: Wieder einmal steht und fällt alles mit China, der aufsteigenden Wirtschaftsmacht des 21.Jahrhunderts. „Wenn die Volksrepublik nur ein wenig mehr Öl verbraucht, als in den bisherigen Prognosen veranschlagt wird, werden die Überschussreserven schon bald aufgebraucht sein“, sagt Andreas Stubsrud, Energieexperte beim norwegischen Researchhaus Pareto. Die Nachfrage könne sich viel schneller ausweiten als das Angebot. Wenn der Pro-Kopf-Verbrauch in China von 2,6 Barrel auf 3,6 Barrel steigen würde, könne es bereits 2013 zu einer Knappheit kommen. Der Verbrauch in China hat noch einige Luft nach oben: Der durchschnittliche Bundesbürger verbraucht 10,8 Barrel, ein Amerikaner sogar 22,5 Barrel.

Der Preis für Öl, dieses „Blut der Weltwirtschaft“, war immer schon anfällig für Nachfrageschocks und für geopolitische Konflikte. Schon als die Welt das schwarze Gold in den 60er-Jahren des 19.Jahrhunderts als Brennstoff entdeckte, verzehnfachte sich der Preis, damals von einem halben Dollar auf acht Dollar je Barrel. 50 Jahre später war es der Erste Weltkrieg, der die Notierungen um den Faktor drei nach oben schnellen ließ. Die 70er-Jahre des 20.Jahrhunderts sahen eine Verzehnfachung, zunächst provoziert durch den Ölboykott der arabischen Staaten, die damit auf den Jom-Kippur-Krieg 1973 reagierten. Sechs Jahre später versetzte eine weitere politische Krise den Ölmarkt in Aufruhr: die iranische Revolution. In weniger als einer Dekade stieg der Preis von vier auf 41 Dollar. Zwischen den Krisen und Nachfrageschüben ließen neue Funde, etwa in Pennsylvania um das Jahr 1860, in Texas vier Dekaden später, in Saudi-Arabien nach 1938 oder in der Nordsee in den 70er-Jahren die Notierungen immer wieder zurückgehen.

Auch heute werden immer wieder neue Vorkommen entdeckt, doch liegen diese Reserven entweder in unzugänglichen Gebieten wie der Arktis oder auf dem Ozean oder sie sind eher kleineren Ausmaßes. „Die einzige Chance, die zusätzliche Nachfrage aus China und anderen schnell wachsenden Volkswirtschaften zu befriedigen, liegt im Irak“, sagt Energieexperte Stubsrud. Dort muss jedoch erst einmal eine geeignete Infrastruktur aufgebaut werden. Außerdem fehlt es an Wasser, das für die Produktion des schwarzen Goldes in großen Mengen gebraucht wird.

Umso kritischer blicken Stubsrud und andere Experten auf die Region: „Bisher glaubten wir, die größten Gefahren für den Ölmarkt gingen von Nigeria, Irak und Iran aus, nun sehen wir, dass auch andere Länder zu Risikoherden werden können“, sagt Helima Croft von Barclays Capital. Ägypten ist mit einer Förderung von 650.000 Barrel am Tag in einem globalen Ölmarkt von 89 Millionen Barrel zwar eher ein Zwerg. Jedoch liegt das Land inmitten einer Region bedeutender Ölförderländer wie Libyen, Algerien und vor allem Saudi-Arabien.

Das Wüstenkönigreich der Saud-Dynastie ist mit einer Tagesförderung von 8,9 Millionen Barrel der größte Produzent des schwarzen Goldes. Ein Übergreifen des politischen Machtkampfes auf Saudi-Arabien könnte Lieferunterbrechungen bei einem Rohstoff nach sich ziehen, der für das Funktionieren der Weltwirtschaft unerlässlich ist.

Aber auch Ägypten selbst ist für den globalen Ölmarkt ein kritischer Faktor. Kairo gebietet über den Suezkanal und damit einen der wichtigsten Handelswege der Welt. Durch die fast 192 Kilometer lange Wasserstraße werden 2,4 Millionen Barrel des schwarzen Goldes am Tag verschifft, hinzu kommt eine parallel verlaufende Pipeline, durch die annähernd die gleiche Menge an Öl strömt. Sollte Ägypten im Chaos versinken, könnten im Extremfall also sechs Prozent der globalen Produktion ausfallen. Zum Vergleich: Das arabische Ölembargo von 1973 verknappte das Angebot um sieben Prozent. Damals verdreifachten sich die Notierungen des Energieträgers.

Händler erinnern sich an die Suez-Krise von 1956 und den Sechstagekrieg von 1967. Bei der ersten Krise wurde der Kanal für Monate, bei der zweiten sogar für Jahre gesperrt, nämlich bis 1975. Die Schäden für die Weltwirtschaft waren immens. Auch wenn die Gefahr einer Unterbrechung des Kanalverkehrs nicht akut ist, lässt allein die Möglichkeit Investoren den Atem anhalten.

Noch dramatischer als eine Sperrung des Suezkanals wäre eine Unterbrechung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormuz. Durch diese Meerenge zwischen dem Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten werden täglich 17 Millionen Barrel geschleust, also rund ein Fünftel der Weltproduktion.

Auch die Unternehmen, die in der Region aktiv sind, bangen. Zwar profitieren sie von einem höheren Ölpreis; sollte ihre Förderung jedoch unter den gewaltsamen Auseinandersetzungen leiden, hätten sie von den höheren Notierungen nichts. Am stärksten in Nordafrika und dem Nahen Osten verankert ist die italienische Eni, die 34 Prozent ihrer Produktion in dieser Region erzielt. Auch die französische Total bohrt im großen Stil in der arabischen Welt. Ihr regionaler Schwerpunkt liegt auf dem Jemen, insgesamt ist es rund ein Viertel der Produktion. Mit elf Prozent ist die britische BP von den großen Ölgesellschaften am wenigsten in der Weltgegend engagiert.

Den Ölkonzernen, die vor Ort keine Produktionseinbußen oder Vermögensschäden erleiden, eröffnen sich beträchtliche Gewinnchancen. „Die großen Ölgesellschaften erleben 2011 einen Sweet Spot, also eine gute Zeit“, sagt Henry Tarr, Stratege bei Goldman Sachs. Zum einen treibe die starke Konjunktur die Einnahmen. Zum anderen hätten die Firmen die Kosten unter Kontrolle. Er traut der Branche einen durchschnittlichen Gewinnanstieg von 30 Prozent zu. Die besten Kurschancen sieht er bei Statoil, für deren Aktien er ein 40-prozentiges Kurspotenzial erwartet, sowie bei Shell, denen er ein Plus von 30 Prozent zutraut. Die norwegische Statoil ist an der Börse mit dem Neunfachen des für 2011 erwarteten Jahresgewinns vertreten. Die Dividende beträgt 4,2 Prozent.

Im Durchschnitt haben die Aktien von Ölgesellschaften seit Jahresanfang bereits sieben Prozent zugelegt und sich damit mehr als doppelt so gut entwickelt wie der globale Aktienmarkt. Besonders stark gefragt waren die Titel des russischen Erzeugers Rosneft, die ihren Börsenwert um 18 Prozent steigern konnten. Der amerikanische Ölgigant ExxonMobil, das größte Unternehmen der Welt, legte 14 Prozent zu, ebenso wie die russische Lukoil. Die chinesische Petrochina ist um zehn Prozent gestiegen.

Ein Fonds, der große Öltitel enthält, ist der Blackrock World Energy. Zu den größten Positionen gehören der US-Zulieferer Halliburton sowie die Produzenten Anadarko, BP und Exxon. Auf Sicht von zwölf Monaten steht der Klassiker unter den Ölfonds, der inzwischen fünf Milliarden Dollar an Anlagegeldern verwaltet, fast 30 Prozent im Plus. Ebenfalls gut gelaufen sind der Raiffeisen Energie oder der Schroder Global Energy. Fonds wie der Axa Junior Energy oder der Earth Exploration, die in kleinere Explorationsfirmen investieren, bieten zwar größere Chancen, sind aber riskanter.