Rohstoffe

Ölpreisschock öffnet den Anlegern die Augen

Der stark gestiegene Ölpreis setzt der überbordenden Euphorie an den Börsen abrupt ein Ende. Anleger fürchten, der Aufschwung könnte abgewürgt werden.

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Die magische Zahl lautet 120. Bei einem Ölpreis von 120 Dollar werde die Schmerzgrenze erreicht, dann ergäben sich ernsthafte Konsequenzen für die Konjunktur, werde der Aufschwung möglicherweise im Keim erstickt. So sagen es die meisten Ökonomen seit Wochen – seit der Ölpreis aufgrund der Unruhen und Proteste in vielen arabischen Ländern stetig klettert.

Am Donnerstag nun stieg Öl der Sorte Brent in der Spitze auf 119,79 Dollar, lag also nur noch knapp unter der ominösen Marke. Und tatsächlich stürzten prompt weltweit die Börsen ab. Der Dax fiel auf 7100 Punkte und hat damit seit Montag in der Spitze über 300 Zähler eingebüßt. Einige Werte haben prozentual sogar noch stärker verloren: Lufthansa minus sechs, Volkswagen minus sieben und BMW minus acht Prozent.

Libyen heißt der Verursacher. Die anhaltenden Kämpfe in dem Land treiben den Ölpreis. „Schätzungen zufolge belaufen sich die Produktionsausfälle in Libyen mittlerweile auf 400.000 Barrel pro Tag“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. Doch das ist nicht die wirkliche Ursache für den Preissprung. Denn diese Ausfälle sind leicht durch andere Ölproduzenten auszugleichen, die immer noch über erhebliche freie Kapazitäten verfügen. Die Finanzmärkte werden jedoch von der Angst erfasst, dass Libyen nicht der letzte Dominostein sein könnte, der fällt. Sie fürchten, die Protestwelle könne neben Bahrain auf weitere Länder der Halbinsel übergreifen, insbesondere auf Saudi-Arabien. Das wäre dann tatsächlich ein schwerer Schlag für die Versorgung mit dem Schmiermittel der Weltwirtschaft.

Das allein erklärt aber nicht den jüngsten Kursrutsch an den Börsen. Hinzu kommt, dass die Aktienkurse in den vergangenen Monaten so stark gestiegen sind, dass ein Einbruch in der Luft lag. „Mit der Korrektur war zu rechnen, der Markt war überkauft und hat einen Anlass für Gewinnmitnahmen gesucht“, sagt Stephan Albrech von der Albrech & Cie Vermögensverwaltung. Immerhin liegt der deutsche Aktienindex Dax selbst jetzt auf Sicht von einem Jahr noch mit über 28 Prozent im Plus.

Auch Markus Reinwand, Aktienstratege bei der Landesbank Hessen-Thüringen, wundert sich nicht über die fallenden Kurse. Im Gegenteil: Ihn verwunderte eher der schier endlose Aufwärtstrend zuvor. „Das Maß an Sorglosigkeit unter den Aktien-Investoren war zuletzt beängstigend“, sagt er. Zuletzt seien vor allem die „zittrigen Hände“ in den Markt eingestiegen, also Käufer, die den Boom zunächst verpasst hatten, weil sie zu ängstlich waren, nun aber doch noch aufsprangen. „Wenn der Wind dann dreht, werden diese Anleger schnell nervös und können somit Verkaufsdruck erzeugen.“

Und der Wind hat abrupt gedreht. Noch vor kurzem herrschte die Annahme vor, alles werde gut: Die Wirtschaft erholt sich weltweit, Aktien und Rohstoffpreise stiegen im Gleichklang. Nun jedoch erobert eine andere These die Finanzmärkte. „Die neue Idee, die sich seit dieser Woche Bahn bricht, ist die vom Wachstumskiller Öl“, sagt Reinwand.

Tatsächlich kann der Ölpreis das Wachstum abwürgen. Schon in den vergangenen Wochen stieg der Anteil der Ölkosten auf über vier Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts, dürfte dieser Tage sogar fünf Prozent erreichen. Das ist nicht mehr weit vom zwischenzeitlichen Hoch im Jahr 2008 entfernt.

Allerdings sind Volkswirtschaften und Branchen unterschiedlich betroffen. Am schlimmsten trifft es die Schwellenländer. Dort ist der Inflationsdruck ohnehin hoch, die Notenbanken haben bereits die Zinsen erhöht. Dies könnte sich nun beschleunigen. Und das hat vor allem hierzulande Folgen. „Den Dax wird es besonders hart treffen, wenn Zweifel an der nachhaltigen Erholung der Weltwirtschaft aufkommen“, sagt Reinwand. „Denn die Rolle der deutschen Wirtschaft im globalen Zusammenspiel war die des Maschinenlieferanten.“ Sie reagiert damit besonders empfindlich.

In den Branchen kommt es darauf an, wie leicht es den Unternehmen fällt, höhere Preise an die Kunden weiterzugeben. So haben Chemiefirmen eine geringe Preissetzungsmacht, ähnliches gilt für Autobauer oder Einzelhändler. Pharma-Konzerne haben dieses Problem dagegen nicht. Neben Telekommunikationskonzernen sowie Öl- und Gasunternehmen könnten sie daher zu den Firmen gehören, die am besten durch eine längere Phase sinkender Börsenkurse kommen. Denn sie weisen gleichzeitig auch moderate Bewertungen auf, sprich, die Aktien sind im Verhältnis zu den erwarteten Gewinnen noch nicht allzu teuer.

Solche Betrachtungen sind letztlich jedoch nur relativ – sie bedeuten am Ende vielleicht nur, dass Firmen dieser Sektoren weniger stark verlieren als andere. Gewinner dürfte es bei fallenden Indizes dagegen nur wenige geben. Wer daher Rendite erzielen möchte, muss wohl eher auf den Ölpreis setzen. Er kann dies über Papiere tun, die die Notierungen eins zu eins abbilden. Steigt der Preis weiter, gewinnt auch der Anleger. Diese Papiere gibt es auch in gehebelter Version, Investoren können damit also die Gewinne verdoppeln. Allerdings gilt dieses Prinzip auch, wenn es in die Gegenrichtung geht.

Und es gibt nicht wenige, die vor zu großer Panik warnen. Denn wirklich knapp ist Öl nicht. Und wenn sich die Lage in Nahost beruhigt, dürfte diese Erkenntnis schnell um sich greifen. „Je höher der Preis jetzt steigt, desto größer ist danach auch das Rückschlagspotenzial“, warnt daher Commerzbank-Experte Weinberg. Doch auch darauf können Anleger setzen, mit Short-Papieren, die von sinkenden Preisen profitieren. Bei allen Produkten auf Rohstoffe sollten sich Anleger jedoch stets bewusst sein, dass sie mit erheblichen Kosten verbunden sind. Die Auf- oder Abwärtsbewegungen müssen daher schon deutlich sein, damit Anleger etwas verdienen können.