Kolumne

Warum die EZB eine hohe Inflation duldet

Eigentlich soll die Notenbank die Teuerung im Griff halten. Doch dabei hält sie sich nicht strikt an die vorgegebenen Ziele. Das hat gute Gründe.

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Kurz vor dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1913, waren die deutsche Mark, der britische Schilling, der französische Franc und die italienische Lira in etwa gleich viel wert. Nur zehn Jahre später „kosteten“ diese ausländischen Währungen mindestens jeweils 1.000.000.000.000 Mark (eine Million mal eine Million Mark, sprich eine Billion Mark) – falls man einen geneigten Käufer fand. Das Sterben der deutschen Währung dauerte zehn qualvolle Jahre. Es fing ganz langsam an und steigerte sich dann extrem bis zum 20.November 1923, als der Währungsschnitt mit der Rentenmark erfolgte (Wechselkurs war eine Billion Mark zu einer Rentenmark).

Selbst in den wenigen Jahren 1920-23, als das Inflationsproblem immer offenkundiger wurde, versuchten die Weimarer Politiker, das Problem zu ignorieren. Just als das monetäre Chaos seinen Höhepunkt erlebte, bahnte sich die Katastrophe an: Adolf Hitlers Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November 1923 markierte den Beginn des politischen Sterbens des Deutschen Reiches. Die Hyperinflation bankrottierte Millionen und brachte ebenso viele um ihre Hoffnungen auf ein menschenwürdiges Leben und eine stabile Zukunft. Doch, ist Berlin Weimar? Rasante Inflation reduziert den allergrößten Teil der Bevölkerung ganz demokratisch auf ein monetäres Nichts. Insofern ist Inflation ein lautloses Umverteilungsinstrument par Excellenze, und von manchen politischen Kräften deswegen auch so gewollt.

Sie bedarf weder eines Parteitagsbeschlusses noch einer parlamentarischen Abstimmung. Der britische Historiker Adam Fergusson beschrieb schon 1975 in „When Money Dies“ („Wenn die Währung stirbt“; 2010 neu verlegt), je materialistischer eine Gesellschaft, desto zerstörerischer wirkt die Inflation auf diese. Geld ist zwar ein Tauschmittel, aber auch ein „Wertgutschein“. Warum dieser Wert seit Jahren stetig fällt, gemessen am Goldpreis, verstehen viele Entscheidungsträger überhaupt nicht.

Das Interessante an der europäischen Staatsschuldenkrise ist die bewusst verschwiegene Erkenntnis, dass die westeuropäischen Wohlfahrtsstaatdemokratien, die sich in der Eurozone zusammengefunden haben, ohne gehobene Inflation nicht überleben können, und diese jetzt zwingend brauchen (Deflation wäre systemzerstörend). Wenn heute die Europäische Zentralbank (EZB) die Kaufkraftentwertung mit vier Prozent auswiese, würde niemand von einer Staatsschuldenkrise sprechen, denn die tatsächliche Geldentwertung wäre dann bei sieben bis acht Prozent, somit der Staat in wenigen Jahren entschuldet – und der Bürger um ein entsprechendes Maß enteignet.

Die Zentralbanken sind dabei nur halb-staatliche Anstalten, die zwar den Kaufkraftentzug nicht steuern (sie geben dies nur vor), aber in der Tat Inflationserwartungen beeinflussen können. Der designierte Bundesbankpräsident Jens Weidmann ist folgerichtig eine politische Berufung, erneut ein farbloser Technokrat, der für diesen Entschuldungsmechanismus Sorge zu tragen hat. Das erreicht man gewöhnlich dadurch, dass man zwar öffentlich über Inflationsgefahren spricht (wie auch gegenwärtig EZB-Präsident Jean-Claude Trichet), aber letztlich erst mit einer großen Zeitverzögerung die Zinsen anhebt. Diese „Lücke“ entschuldet den Staat.

Die Staaten der Europäischen Union bauen seit dem Zweiten Weltkrieg ihre ordnungspolitischen Systeme auf einer Verschuldungsmaschinerie auf, die nur durch mindestens zwei bis vier Prozent Inflation über einen langfristigen Zeitraum beherrschbar ist. Die systemimmanente Aufgabe der Europäischen Zentralbank ist es daher dafür zu sorgen, dass dieses inflationäre Grundniveau eingehalten wird, um den ewig schuldenfinanzierten Sozialstaat am Leben zu halten.

So sieht der Bürger, dass seine Lebenshaltungskosten sowie seine Abgaben- und Steuerlast stetig steigen (lautlose Enteignung). Die Europäische Zentralbank wird aber eine Zinserhöhung, auch der Griechen wegen, weiter verzögern (und wahrscheinlich erst nach der amerikanischen Notenbank Federal Reserve reagieren). Sie erfüllt damit ihre Entschuldungsaufgabe, aber nicht unbedingt zum Wohl des Bürgers.

Der Autor ist Finanz-Stratege und Partner bei EPM Group Berlin .