Arabische Welt

Unruhen in Öl-Ländern bedrohen den Aktien-Boom

Wichtige Ölförderländer sind derzeit politisch instabil. Die davon ausgehende Gefahr wird an den Märkten verdrängt.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Die Fackel der Revolution wird weitergegeben. Nach dem Umsturz in Tunesien und Ägypten häufen sich nun die Berichte über Massenproteste in anderen arabischen Ländern, von Bahrain über den Jemen bis hin zu Libyen. Mit dem von Oberst Gaddafi beherrschten Wüstenstaat steht dabei erstmals ein Land im Fokus, das zu den wichtigen Ölförderländern gehört. Das hat bereits dafür gesorgt, dass die Spannung an den Terminmärkten für den schwarzen Schmierstoff gestiegen ist. Richtig gefährlich für die Weltwirtschaft könnte es jedoch werden, wenn auch die ganz großen Produzenten in den Sog der Turbulenzen geraten, also Saudi-Arabien, Kuwait, der Irak oder der Iran.

Seit Anfang des Monats hat sich der Ölpreis schon oberhalb von 100 Dollar je Barrel (159 Liter) festgesetzt. „Mit einem Ölpreis von mehr als 100 Dollar und Nahrungsmitteln, die gleichzeitig neue Preisrekorde erreichen, wächst die Furcht, dass die Rohstoffinflation das Wachstum bedroht“, sagt Ronan Carr von der Investmentbank Morgan Stanley. „Denn höhere Rohstoffpreise verringern das reale Einkommen und können die wirtschaftliche Erholung in den Industrienationen beschädigen, wenn die Preisaufschläge stark genug sind.“

Das dürften sie durchaus schon sein. Zumal nicht nur die Preise für Nahrungsmittel und Öl steigen. Noch schlimmer sieht es bei Industriemetallen aus. „Das Preisniveau der 18 wichtigsten Industriemetalle – allen voran von Kupfer – befindet sich bereits über dem Boomniveau vom Juli 2008“, sagt Daniel Hartmann, Analyst beim Anleihespezialisten Bantleon. Gemessen wird dies am sogenannten JOCI-Index, der die Preisentwicklung dieser Metalle zusammenfasst. Kupfer, eines der wichtigsten Metalle überhaupt, liegt schon fast 20 Prozent über dem Niveau von Mitte 2008, Silber erreichte dieser Tage sogar ein 31-Jahreshoch.

Öl ist aber natürlich der wichtigste Schmierstoff unserer Industrie. Daher wiegen die Preisentwicklungen hier auch am schwersten. Der weltweite Anteil der Ausgaben für Öl gemessen am Einkommen liegt derzeit bei rund vier Prozent, nachdem er 2010 noch etwa 3,4 Prozent betragen hatte. „Historisch gesehen ging jedes Mal, wenn der Anteil über vier Prozent lag, die Nachfrage zurück“, hat Ronan Carr festgestellt. Sprich: Die Menschen schränken dann ihren Konsum ein, die Industrie reagiert ebenfalls.

Carr hat auch ausgerechnet, was das konkret bedeutet, am Beispiel des größten Ölkonsumenten. In den USA liegt der Preis für eine Gallone Benzin (3,785 Liter) derzeit bei etwa 3,10 bis 3,20 Dollar. Würde er um 1,25 Dollar steigen, so würde dies für die Verbraucher Mehrkosten von 150 Mrd. Dollar bedeuten. Entsprechend würden sie dann 150 Mrd. Dollar weniger für den übrigen Konsum ausgeben. Bei einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 15 Billionen Dollar entspräche dies einem Prozent des BIP. Die Folge wäre, dass die Aktienhausse, die schon einige Monaten andauert, plötzlich wieder zu Ende gehen und die Kurse sogar in die andere Richtung drehen könnten. Noch schauen die Märkte über diese Gefahren hinweg. Das liegt auch daran, dass derzeit ein fast unerschütterlicher Optimismus vorherrscht. „Das Sentiment ist nahe dem Allzeithoch“, stellt Alain Bokobza, Anlagestratege bei der Société Générale fest. Die Investoren sprühen geradezu vor Zuversicht, getrieben von einer Fülle positiver Nachrichten. Teilweise komme es schon zu „Panik-Käufen“, glaubt Bokobza. Anleger haben Angst, etwas zu verpassen und springen noch auf den Zug auf. In einer solchen Phase werden schlechte Nachrichten nur noch am Rande wahrgenommen.

Hinzu kommt, dass die Entwicklung des Ölpreises derzeit sehr unterschiedlich ist, je nach Ölsorte. So notiert das Nordseeöl Brent zwar über 100 Dollar. Die in den USA geförderte Sorte WTI dagegen ist noch ein ganzes Stück davon entfernt, pendelt seit Wochen zwischen 85 und 90 Dollar. Ein Grund dafür ist, dass die Lager in den USA derzeit voll sind. Spekulanten setzen daher darauf, dass die Probleme in den arabischen Ländern vor allem in Europa zu Engpässen führen könnten, was den Brent-Preis nach oben trieb. Amerikanern erscheint der Preisanstieg daher bislang noch weniger dramatisch als Europäern. Und die meisten Finanzinvestoren haben ihren Sitz nach wie vor in den USA.

Über kurz oder lang dürften sich die beiden Preise wieder angleichen, die Frage ist jedoch, ob nach oben oder nach unten. Für letztere Variante spricht, dass die Kapazitäten in den OPEC-Ländern nach wie vor nicht ausgelastet sind, trotz steigender Nachfrage, vor allem aus China. Kommt es jedoch zu politischen Unruhen in einigen Förderländern, sticht dieses Argument nicht mehr. Denn dann sind die Kapazitäten nur noch eine theoretische Größe. Dann bestimmt die Politik den Preis – und damit die Zukunft der Wirtschaft und der Börsenkurse.