Geldanlagen

Beim Euro-Stoxx nehmen Sparer Verluste voll mit

Viele Sparer setzen auf Euro-Stoxx-Fonds anstelle von Dax-Fonds. Sie glauben damit ihre Anlagen zu streuen. Doch in Wahrheit konzentrieren sie Risiken.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Es geht aufwärts an den Börsen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat in den vergangenen fünf Wochen rund sechs Prozent zugelegt. Aber er wird noch übertroffen vom Euro-Stoxx-50, dem Auswahlindex der 50 größten europäischen Werte. Er stieg sogar um die Hälfte schneller, ein Plus von neun Prozent brachte er ein. Kein Wunder, mag sich mancher denken, schließlich diversifiziert er breiter. Und genau das ist doch die wichtigste Tugend, die jedem Sparer stets eingebläut wird: Nicht nur auf heimische Aktien setzen, sondern regional streuen.

Der Euro-Stoxx-50 findet daher zunehmend Freunde unter den Sparern. Zwar bevorzugen sie bei Sparplänen immer noch den Dax. Doch: „Nimmt man die Sparsummen in Dax und Euro-Stoxx als Gesamtheit, dann entfallen rund 70 Prozent auf den Dax und 30 Prozent auf den Euro-Stoxx“, sagt ein Sprecher der DAB Bank. Ein Anteil von fast einem Drittel ist ein recht hoher Wert.

Die Europa-Anhänger scheinen dabei alles richtig zu machen – sie diversifizieren stärker und sie sind derzeit vorne bei der Rendite. Doch leider ist dies ein Trugbild. Langfristig sieht es nämlich ganz anders aus. Da ist die Rendite des Euro-Stoxx-50 nicht etwa besser als jene des Dax, sondern schlechter. Und das auch nicht nur geringfügig – ihre langfristige Entwicklung trennen Welten.

Wer vor fünf Jahren 10.000 Euro in einen Dax-Indexfonds investierte, verfügt heute über 12.500 Euro. Der Europa-Sparer dagegen muss einen Verlust von 2000 Euro hinnehmen. Zwar ist dieser Vergleich nicht ganz korrekt, denn die Indizes funktionieren unterschiedlich. Beim Dax handelt es sich um einen sogenannten Performance-Index. Dabei werden die ausgeschütteten Dividenden der Unternehmen auf den Indexverlauf draufgeschlagen. Der Euro-Stoxx-50 ist dagegen ein Kursindex – die Dividenden bleiben außen vor. Allerdings kann man den Dax auch als Kursindex berechnen, und dieser lief in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls wesentlich besser als der Euro-Stoxx-50. Rund acht Prozent Plus machten Anleger mit ihm.

Woran liegt dies? „Anleger erkaufen sich die regionale Diversifikation im Euro-Stoxx-50 mit einer Übergewichtung der Finanzwerte, was sie in den vergangenen Jahren schmerzhaft erfahren haben“, sagt Sebastian Seifried, Index-Experte bei der Structured Solutions AG. Konkret bringen es Banken in dem europäischen Index heute auf ein Gewicht von knapp 19 Prozent. Dieser Anteil war vor einigen Jahren sogar noch höher, denn die Gewichtung hängt vom Marktwert der Unternehmen ab. Bis zur Finanzkrise waren Banken in Europa die wertvollsten Unternehmen. So wie sie von der Finanzkrise erfasst wurden, wurde der Euro-Stoxx-50 heruntergeprügelt.

Das ist ganz ähnlich wie beim französischen Index CAC-40. Dort sind Banken mit etwa 14,2 Prozent gewichtet. So verwundert es auch nicht, dass das Pariser Aktienbarometer eine fast identische Entwicklung aufweist wie der Euro-Stoxx-50. Im Dax dagegen gibt es nur zwei Banken – die Deutsche Bank mit einem Gewicht von rund 4,5 Prozent und die Commerzbank, die es gerade mal auf 0,7 Prozent bringt. Viel wichtiger sind dagegen Autowerte mit einem Anteil von 15,6 Prozent (CAC-40: 1,6 Prozent). Und gerade diese Branche zog mit Beginn des Aufschwungs allen anderen davon.

Man könnte die schlechte Entwicklung des Euro-Stoxx-50 nun mit der speziellen Situation im Gefolge der Finanzkrise abtun. Die zeitweilige Dominanz der Banken ist ja nun vorüber, der Index dürfte also wieder in die Spur zurückfinden. Doch das ist ein Trugschluss. Denn vieles deutet darauf hin, dass es ein systematisches Problem gibt. Schon einmal nämlich, nach Platzen der Internetblase im Jahr 2000 sah die Entwicklung ganz ähnlich aus. Der Grund waren damals Technologie- und Telekommunikationsunternehmen, die besonders stark abstürzten und im Euro-Stoxx-50 überdurchschnittlich stark vertreten waren. So wog der Handy-Hersteller Nokia im Jahr 2000 alleine über zwölf Prozent im Index. Nokias Abstieg haben Euro-Stoxx-50-Anleger komplett mitgemacht.

Das Grundproblem ist, dass der Index die größten Firmen aller Euro-Länder umfasst. Er nimmt daher allen voran jene auf, die von einer spekulativen Blase erfasst sind. Da der Index ganz Europa abdeckt, aber auf nur 50 Firmen beschränkt ist, haben diese Unternehmen ein überdurchschnittlich hohes Gewicht. Kommen aus sechs Ländern jeweils zwei Firmen aus einer Boombranche, so machen sie schon fast ein Viertel aller Indexmitglieder aus. Zwei Boom-Firmen im Dax entsprechen dagegen nur 6,6 Prozent der Mitgliedsunternehmen. Der Euro-Stoxx trifft also eine Auswahl zugunsten der Überflieger. Allerdings nimmt er diese – so funktionieren Indizes – erst dann auf, wenn ihre Kurse schon gestiegen sind. Denn erst dann haben sie ja das entsprechende Gewicht. Stürzen sie danach ab, ist der Index-Anleger dagegen die ganze Zeit voll dabei. Insofern widerspricht das Beispiel des Euro-Stoxx-50 gar nicht der Regel, man solle sein Geld breit streuen. Vielmehr streut der Index das Geld eben gerade nicht, sondern konzentriert es im Gegenteil auf einzelne Branchen. Das ist derzeit gerade mal wieder von Vorteil, da die Finanzwerte steigen. Langfristig ist es aber ein Verlustgeschäft.