Aktienmarkt

Das Geheimnis des wundersamen Dax-Anstiegs

Der Dax hat die Marke von 7000 Punkten geknackt – und damit binnen anderthalb Jahren rund 90 Prozent zugelegt. Grund sind außergewöhnliche Umstände.

Foto: AP / AP/DAPD

Was die Börse angeht, liegt Deutschland nicht in Europa. Fast alle Indizes der Alten Welt sind 2010 ins Minus gerutscht, nicht so der Deutsche Aktienindex (Dax). Er hat dieses Jahr beachtliche 18 Prozent zugelegt. Am Dienstag kletterte das Börsenbarometer weiter und überwand die psychologisch wichtige Marke von 7000 Punkten. Am späten Nachmittag notierte der Dax bei 7032 Zählern. Es war der höchste Stand seit zweieinhalb Jahren.

Der Schlusskurs betrug am Abend dann 7001 Punkte – ein Tagesplus von 0,7 Prozent.

Auf vergleichbaren Niveaus hat der Leitindex zuletzt im Juni 2008 notiert. Dann kam die Finanzkrise und der Dax stürzte um mehr als 3300 Punkte ab. Doch seit seinem Tief im März 2009 hat das Börsenbarometer bereits um mehr als 90 Prozent zugelegt. Der Nebenwerte-Index MDax konnte sich gar um 137 Prozent verbessern. Andernorts in Europa sieht es nicht so gut aus. Zwar konnten sich auch die Aktienmärkte der Peripherie erholen, doch steht der griechische Index ASE zum Beispiel nur rund vier Prozent höher als in der Panik vom Frühjahr 2009.

Der Dax profitiert von einem Cocktail außergewöhnlicher Umstände. Wegen der lahmenden Konjunktur in Amerika, Japan und großen Teilen Europas halten die Notenbanker Geld billig. Liquidität zum Investieren ist also reichlich vorhanden. Gleichzeitig können die wettbewerbsfähigen deutschen Unternehmen auf dem Weltmarkt gute Erfolge erzielen. Die Gewinnsituation hiesiger Unternehmen hat sich seit der schweren Rezession deutlich gebessert: Der Chemiekonzern BASF wird seinen Gewinn je Aktien dieses Jahr um voraussichtlich 140 Prozent steigern.

Auch für das kommende Jahr erwarten die Experten, dass der Dax seine europäischen Konkurrenten schlägt. „Deutsche Aktien werden 2011 zu den attraktivsten Vermögensklassen zählen“, so Karl Huber, Manager des Investmentfonds Pioneer German Equity. Der Stratege traut dem Leitindex ein Plus von zusätzlichen 15 Prozent zu. Der Dax könnte damit nächstes Jahr bei 8000 Punkten stehen. Der bisherige Rekordstand käme damit in Reichweite. Die historische Bestmarke liegt bei 8105,69 Zählern. Dieser Schlusskurs wurde am 16..Juli 2007 erreicht.

Zu den Zugpferden des Marktes zählten dieses Jahr die Industriewerte. Die Aktien der Autohersteller VW und BMW konnten sich seit Anfang des Jahres mehr als verdoppeln. Der Chipmacher Infineon hat sich um 93 Prozent, der LKW-Bauer MAN um 79 Prozent verteuert. Im roten Bereich notieren hingegen Finanzwerte, aber auch Versorger.

Trotz der Kursgewinne haben viele deutsche Börsentitel weiter Potenzial. Dabei spielen die hohen Ausschüttungen eine wichtige Rolle: Laut einer Prognose der Commerzbank wird RWE kommendes Jahr eine Rendite von 7,2 Prozent bieten, die Deutsche Telekom schüttet sieben Prozent aus, E.on 6,7 Prozent, die Münchener Rück und die Allianz jeweils mehr als fünf Prozent. Zum Vergleich: Festverzinsliche Bundesobligationen mit fünf Jahren Laufzeit werfen nur 1,8 Prozent Jahresertrag ab. Insgesamt werden die 30 Firmen des Dax nach Commerzbank-Berechnungen 26,3 Mrd. Euro ausschütten, 2012 sogar mehr als 28 Mrd. Euro.

Bei aller Attraktivität der Aktien gibt es auch erhebliche Risiken: Die Weltwirtschaft ist seit der Finanzkrise nicht mehr ins Gleichgewicht gekommen. Eine internationale Depression konnte 2009 nur dadurch abgewendet werden, dass sich die Staaten bis zur Halskrause verschuldeten und mit geliehenem Geld Banken und Konjunktur stützten. „Die Regierungen haben gar keine andere Wahl, soll nicht alles zusammenbrechen“, sagt Joachim Paul Schäfer, 8Assetmanager bei der Vermögensver8waltung PSM in München.

Nun droht die Inflation

Als Folge der Verschuldung und der lockeren Geldpolitik könnte jedoch mittelfristig die Inflation zurückkehren. Zwar ist eine moderate Geldentwertung für Firmen nicht per se schlecht. Doch mit der Inflation gehen meist starke konjunkturelle Schwankungen einher. Diese Volatilität drückt die Bewertungen und damit auch die Notierungen von Aktien. Scheitern Notenbanken und Regierungen mit ihren Versuchen einer Wirtschaftsbelebung, droht eine Deflation. In einer solchen ökonomischen Eiszeit frieren auch die Aktienkurse ein. So bleibt den Optimisten nur zu hoffen, dass es den Weltlenkern gelingt, zwischen der Skylla Inflation und der Charybdis Deflation hindurchzunavigieren.