Börsenrallye

Experten trauen Dax den Sprung über 8000 Punkte zu

Fünf Analysten sagten den Aktienboom korrekt voraus. Alle erwarten, dass die Rallye auch 2011 weitergeht. Ist darauf wirklich Verlass?

Foto: AP / AP/DAPD

Narren des Zufalls. Diesen Titel trägt ein Buch, das den Prognostikern und Investoren dieser Welt gewidmet ist. Der Autor Nassim Taleb, selbst ehemaliger Trader, mokiert sich darin über das fast schon libidinöse Zutrauen der Finanzmarktmenschen in ihre Fähigkeit, die Zukunft vorherzusehen und fette Gewinne einzufahren. Eine anhaltend hohe Trefferquote, so die These des Buches, ist allenfalls das Ergebnis von Glück. Ist die Zahl der Prognostiker nur groß genug, wird sich aus dieser Gruppe immer einer finden, der richtig liegt, auch mehrere Jahre in Serie. Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit und nicht unbedingt des Könnens.

Und doch werden Jahr für Jahr wieder Dutzende Prognosen für Dax, Dow Jones und Euro erstellt. Die Anleger lechzen danach, und für die Geldhäuser hat es etwas von Geweihschau. Dieses Jahr sind die Geweihe sogar halbwegs vorzeigbar. Trotz aller Hakenschläge der Märkte haben sich die Analytiker passabel geschlagen. Immerhin sechs Experten haben mit ihrem Dax-Ziel für 2010 fast einen Volltreffer gelandet. Ihre Prognosen weichen weniger als fünf Prozent vom aktuellen Stand des Index ab.

Weitere zehn Experten sagten ein Dax-Niveau voraus, das weniger als zehn Prozent von der Realität entfernt ist. Das klingt, als würden die Prognostiker das Taleb-Diktum von den Narren des Zufalls Lügen strafen. Anleger täten demnach doch gut daran, den Empfehlungen der hoch bezahlten Profis zu folgen. Unter dem Strich jedoch ist die Bilanz nicht ganz so berauschend. Nur einzelne Experten-Tipps hätten sich für Aktiensparer ausgezahlt.

Im Schnitt sahen die Auguren den Dax Ende 2010 bei 6478 Punkten. Am letzten Handelstag vor Weihnachten ging das Börsenbarometer bei 7057 Punkten aus dem Handel. Das Gros der Prognostiker hat sich damit als zu pessimistisch erwiesen. Die Profis trauten dem Index für das Jahr 8,7 Prozent zu. Geschafft hat das Börsenbarometer mehr als 18 Prozent. Eine beachtliche Leistung in einem Jahr, in dem mit Tagesgeld kaum mehr als ein Prozent und mit öffentlichen Anleihen vier Prozent zu verdienen war.

Die Anfang des Jahres für möglich gehaltenen 8,7 Prozent entsprechen ziemlich genau dem durchschnittlichen Jahresertrag des Dax über die vergangenen fünf Dekaden. Ganz zufällig ist das nicht, gibt es doch drei Arten von Analysten: Da sind zum einen die Langweiligen, die jedes Jahr ein Plus von acht bis zehn Prozent vorhersagen – dem vieljährigen Durchschnittsgewinn des Aktienmarkts. Dann gibt es die Traditionalisten, die davon ausgehen, dass die Börse einem sehr langfristigen Aufwärtstrend folgt. Nach einem kräftigen Minusjahr sollte es also ein Plus geben, nach zwei Minusjahren sollte das Plus entsprechend größer ausfallen, da nur so die Trendlinie wieder zu erreichen ist.

Neben diesen Schematikern gibt es noch die Künstler. Sie schauen sich die volkswirtschaftlichen Indikatoren an, gleichen das mit den potenziellen Gewinnen der Aktiengesellschaften ab und kalkulieren zur Abrundung noch die Risikobereitschaft der Marktakteure mit ein. Aus alledem leiten sie einen Zielwert für einen Index wie den Dax ab. Vordergründig geben fast alle Strategen vor, in die letztere Kategorie zu fallen und ihre Prognosen mithilfe eines ausgeklügelten Modells zu erstellen. Am Ende geht es für viele aber auch darum, sich nicht zu weit von der Herde zu positionieren. Wer Jahr für Jahr acht Prozent addiert, weiß sich in guter Gesellschaft und muss nicht fürchten, bei einem Fehlgriff besondere Prügel für eine allzu verwegene Prognose einzustecken.

Experten sehen großes Potenzial für 2011

Mutiger waren dieses Jahr sechs Experten, die mit ihrem vor zwölf Monaten aufgestellten Dax-Ziel für 2010 ganz nah an das tatsächliche Niveau vom Jahresende herankamen: Fast eine Punktlandung schafften mit ihren Vorhersagen Andreas Hürkamp von der Commerzbank, Mislav Matejka von der US-Bank JP Morgan sowie Martin Lück von der Schweizer UBS. Sie alle trauten dem Dax vor zwölf Monaten zum Jahresende 2010 einen Stand von 6900 Punkten zu und lagen damit nur 2,2 Prozent vom jetzigen Punktstand entfernt.

Drei Strategen sahen den Leitindex deutlich über 7000 Zähler steigen, nämlich Carsten Brzeski von der ING, Holger Schmieding, damals Bank of America Merrill Lynch, heute Chefvolkswirt der Berenberg Bank, sowie Robert Parkes von HSBC. Zumindest die Zielmarken von Brzeski mit 7250 Punkten und von Schmieding mit 7300 Punkten scheinen in den verbleibenden Handelstagen noch erreichbar. Die von Parkes anvisierten 7500 Zähler waren wohl doch zu optimistisch.

Alle Spitzenprognostiker des Jahres 2010 billigen dem Dax für 2011 weiteres Potenzial zu. Hürkamp und Lück visieren 8200 Punkte an, Parkes hält immerhin 7500 Zähler für erreichbar. Vertrauen Anleger auf deren Prognosefähigkeit, sind sie etwa mit einem Indexfonds auf den Dax (Wertpapierkennnummer: ETF001) oder sogar auf den gehebelten LevDax (DBX0BZ) gut aufgestellt. Eine Garantie, dass die Champions bei den Prognostikern auch Ende 2011 wieder vorn dabei sind, gibt es indes nicht. Vorjahressieger Christian Kahler landete mit seiner Prognose von 6400 Punkten, ganz im talebschen Sinne, lediglich im Mittelfeld.