SDax und MDax

Die zweite Börsenliga schlägt den Dax

Der Dax ist derzeit auf Höhenflug. Doch es geht noch besser: Aktien von kleineren Firmen haben in diesem Jahr die Anleger regelrecht reich gemacht.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Klein schlägt groß: Die Nebenwerte aus den unteren Börsenligen laufen dem Deutschen Aktien-Index in diesem Jahr den Rang ab. Während mit dem Flaggschiff der Indizes, das die 30 wertvollsten Unternehmen an der Börse repräsentiert, seit Januar rund 18 Prozent zu verdienen waren, legten die mittleren und kleineren Firmen im MDax (32 Prozent) und SDax (42 Prozent) sogar noch deutlicher zu. So stark, wie sie zuvor von der Krise gebeutelt worden waren, holen sie nun mit der Erholung der Märkte wieder auf.

Und die Chancen für die "Minis", auch künftig besser als die Dax-Dickschiffe abzuschneiden, bleiben gut. Das Schlüsselwort für die guten Perspektiven lautet: Übernahmefantasie! Gerade kleinere deutsche Firmen nämlich sind bei großen Konzernen wie auch bei Finanzinvestoren weltweit äußerst gefragt. "Sie sind auf ihren Märkten oft bestens positioniert, sind gestählt und schlank aus der Krise hervorgegangen und von der Größenordnung her gut zu stemmen", sagt Gordon Schönell, Analyst beim Bankhaus Lampe.

Zudem sind sie trotz der zuletzt hohen Kursgewinne im historischen Durchschnitt nicht zu teuer. Zwar gab es auch bereits 2010 Übernahmen kleinerer deutscher Unternehmen. Doch glaubt man Claudia Panseri, Leiterin Aktienstrategie der Société Générale, so war das erst der Anfang. "2011 wird auch das Jahr der Fusionen und Übernahmen werden", sagt sie.

Mit dieser Erwartung steht sie nicht allein. Einer Umfrage von Thomson Reuters und Freeman Consulting unter 150 Unternehmen zufolge könnte die Zahl der Fusionen und Übernahmen (Merger & Acquisitions, M & A) 2011 um gut ein Drittel zunehmen und weltweit ein Volumen von drei Billionen Dollar erreichen. Das wäre der höchste Stand seit Ausbruch der Finanzkrise.

Das Wiederaufleben des M&A-Marktes kommt nicht von ungefähr. Denn die unerwartet schnelle gesamtwirtschaftliche Erholung hat den Konzernen einen unverhofften Geldsegen beschert, der angelegt werden will. Mussten sie nach dem Lehman-Desaster noch ihre Finanzierungsstrukturen auf den Modus "Bankenkrise" umstellen und entsprechend vorsichtiger wirtschaften, so profitierten die Unternehmen mit Beginn der Erholung von ihrem neuen Konservatismus und häuften zügig Berge von Cash an.

Nach Daten des Finanzdatendienstleisters Bloomberg verfügten rund 500 analysierte europäische Firmen zum Ende des dritten Quartals über Bares in Höhe von 700 Mrd. Dollar. Und die US-Bank Goldman Sachs erwartet, dass der Anteil der liquiden Mittel an den Vermögenswerten dieser Konzerne von jetzt zehn bis 2012 auf historisch überdurchschnittliche zwölf Prozent ansteigen wird.

Neben Dividendenerhöhungen oder Aktienrückkäufen sind vor allem Übernahmen ein probates Mittel, um diese Quote wieder auf ein Normalmaß, das im langjährigen Schnitt bei neun Prozent liegt, zurückzuführen. Denn angesichts eher durchwachsener Perspektiven beim künftigen Wirtschaftswachstum stellen Firmenzukäufe eine Möglichkeit dar, auch in konjunkturell schwächeren Zeiten beim Umsatz zulegen zu können.

Doch nicht nur für Konzerne mit zuviel Geld sind Firmenkäufe eine Option. Auch die Private-Equity-Branche bekommt langsam wieder Oberwasser, weil sie wieder leichter an frisches Geld kommt. So schluckte ein Konsortium unter Führung des Finanzinvestors KKR für 5,3 Mrd. Dollar den US-Konservenhersteller Del Monte - dessen Aktie stieg seit Bekanntwerden des Deals um 23 Prozent. Und in Europa zeichnet sich mit dem möglichen Verkauf des dänischen Gebäudedienstleisters ISS an eine Gruppe von bis zu sieben Investoren gar eine Sieben-Milliarden-Transaktion ab. Unter den deutschen Nebenwerten sorgte zuletzt der Reparaturdienstleister Teleplan für Aufsehen. Nach dem 150-Mio.-Euro-Gebot durch Gilde Equity sprang der Kurs um 28 Prozent nach oben.

Während Aktionäre sich nach solchen Deals oft die Hände reiben dürfen, sind die Zielunternehmen ("Targets") meist eher wenig begeistert, ins Visier möglicher Aufkäufer zu geraten. "Das Management möchte sein eigener Herr bleiben, die Firmenstrategie selbst bestimmen", sagt Wais Samadzada, Analyst bei Montega Research. So wehrt sich etwa der Baukonzern Hochtief vehement gegen die feindliche Übernahme der spanischen ACS - und scheint mit dem Emirat Katar auch den ersehnten "weißen Ritter" gefunden zu haben. Damit es gar nicht erst so weit kommt, haben sich viele Firmen nach dem letzten M&A-Boom bis 2007 mit "Anker-Aktionären", die nennenswerte Anteile am Unternehmen halten, gewappnet. In Absprache mit diesen Teilhabern lassen sich Avancen von Aufkäufern besser abwehren.

Aktionärsstruktur ist wichtig

Auf der Suche nach potenziellen Übernahmekandidaten ist also vor allem ein Blick auf die Aktionärsstruktur wichtig. "Je größer der Streubesitz, desto besser die Chancen für Aufkäufer", sagt Analyst Schönell. Ein Unternehmen, das unter diesem Aspekt für Anleger interessant sein könnte, ist die GEA Group. Der Systemanbieter für die Erzeugung von Nahrungsmitteln und Energie hat einen hohen Streubesitz von fast 82 Prozent. "GEA bietet sich als Übernahmeziel für Finanzinvestoren an", sagt Schönell.

Der Mikrochip-Produzent Süss Microtec, der sich bei den so genannten "3-D-Chips" für Handys und Tablet-PCs eine starke Stellung erarbeitet hat, ist ein weiterer Übernahmekandidat aus dem Nebenwertesegment. "Der Kurs hat schon angezogen", sagt Analyst Samadzada, "Süss würde das Portfolio etwa von Applied Materials ideal ergänzen." Und: Für den US-Konzern wäre ein Gebot für die deutsche Hightech-Schmiede quasi aus der Portokasse zu stemmen.

Wer sich an die Einzeltitel nicht herantraut, für den hat die Finanzindustrie auch bereits das passende Produkt entwickelt. Die Société Générale hat ihren M & A-Index, der sich aus 23 potenziellen Übernahmekandidaten zusammensetzt, neu komponiert. Mit einem Zertifikat auf diesen Index (WKN: SG6 3FU) lässt sich das Thema Übernahmefantasie für Anleger mit breiterer Risikostreuung spielen.