Asien-Experte

Die Chinesen wollen keine Billigarbeiter mehr sein

China könnten laut einem Investmentbanker die Arbeiter ausgehen. Sie wollen nicht mehr für Hungerlöhne schuften, das sollen andere machen.

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Seit zehn Jahren ist Asien die Heimat von Michael Kurtz. Der Amerikaner mit deutschen Wurzeln ist seit 2008 der oberste Anlagestratege der australischen Großbank Macquarie für die gesamte Region. Zuvor suchte er für die US-Investmentbank Bear Stearns nach aufstrebenden asiatischen Aktiengesellschaften. Chinas Sprache Mandarin lernt er seit 20 Jahren, wie er beim Treffen mit "Morgenpost Online“ in Frankfurt sagt. Fließend sei das noch nicht. Aber er könne sich mittlerweile gut verständlich machen, was auch notwendig sei, um dort Fuß zu fassen. Ein Gespräch über die Grenzen, an die ein Anleger in China stößt, die aktuelle Inflationsgefahr in Asien und die nächsten Gewinnerländer der Region.

Morgenpost Online: Sie lebten zweieinhalb Jahre in Shanghai, jetzt sind Sie zurück nach Hongkong gezogen. Ist das Leben dort für einen Aktienstrategen angenehmer?

Michael Kurtz: So könnte man das sagen. Der Informationsfluss ist in der einstigen britischen Kronkolonie einfach sehr viel besser, es gibt dort bereits länger stabile rechtliche Rahmenbedingungen und eine breite Medienlandschaft.

Morgenpost Online: Haben Sie keine Angst, dass Ihnen das Gespür für das „wahre“ Leben in China verloren geht?

Kurtz: Nein, ich werde auch in Zukunft viel in Shanghai sein. Es ist wichtig, immer wieder selbst mitzubekommen, welche Auswirkungen die Politik des Landes auf das Leben der Menschen hat, auf ihren Alltag. Zudem sind mangels öffentlicher Quellen die persönlichen Verbindungen zu Unternehmenschefs und Regierungsstellen noch wichtiger als in Europa oder den Vereinigten Staaten.

Morgenpost Online: Die Chinesen gelten als sehr zurückhaltend, die werden einem Westler nicht bereitwillig alles anvertrauen.

Kurtz: Man muss das Vertrauen eines Chinesen gewinnen. Viel ist erreicht, wenn Ihr Gegenüber merkt, dass Sie an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert sind. Chinesen mögen keine kurzfristig agierenden Investoren. Und wenn sie mit der Zeit dann noch den Eindruck bekommen, dass sie von Ihren Ideen, Ihrem Rat profitieren können, öffnen sie sich.

Morgenpost Online: Doch auch dann können Sie nicht einfach an der Börse in Shanghai in chinesische Unternehmen Geld investieren.

Kurtz: Die Möglichkeiten sind in der Tat immer noch sehr begrenzt. Das liegt ganz einfach daran, dass China nicht auf ausländisches Geld angewiesen ist. Die Ersparnisse der eigenen Bevölkerung sind gewaltig. Von den in Shanghai gehandelten A-Shares liegt deshalb nur ein ganz geringer Teil in Händen von Ausländern. Es ist allerdings damit zu rechnen, dass die Chinesen den Zugang in den kommenden Jahren nach und nach vereinfachen werden. Genauso rechne ich damit, dass noch in diesem Jahr die ersten ausländischen Unternehmen an der Börse in Shanghai gelistet sein werden, etwa die britische HSBC oder die Aktien der New Yorker Börse Nyse.

Morgenpost Online: Wenn sich der chinesische Markt öffnet, bieten sich gewaltige Chancen für ausländische Banken, oder?

Kurtz: Die Chinesen verfahren im Finanzsektor genau so wie in anderen Branchen auch. Sie schotten ihren Markt so lange ab, bis die eigenen Banken genug von den Ausländern gelernt haben, um im Wettbewerb bestehen zu können. Deshalb kann das Geschäft für ausländische Investmentbanken sehr mühsam sein. Auf Sicht der nächsten vier bis fünf Jahre werden wir uns weiterhin auf die für alle zugänglichen H-Shares in Hongkong konzentrieren müssen.

Morgenpost Online: Und dabei ist, wie in der gesamten Region, die steigende Inflationsgefahr das beherrschende Thema.

Kurtz: Inflation wird auch in den nächsten zwölf bis 18 Monaten noch das beherrschende Thema bleiben. Gerade erst hat China die Zinsen wieder erhöht, um den Preisauftrieb im Griff zu behalten.

Morgenpost Online: Das dämpft das weitere Wachstum.

Kurtz: Das ist ein Grund, warum viele Anleger bereits in den zurückliegenden Wochen ihr Geld aus Ländern wie Indien und China nach Korea, Taiwan oder Singapur gebracht haben. Wir sehen eine Rotation aus den südlichen in die nördlichen Staaten Asiens, dort sitzen einige der exportstärksten Unternehmen. Sie werden davon profitieren, dass sich die Wirtschaft in den klassischen Industrieländern sehr viel schneller erholt als bislang erwartet.

Morgenpost Online: Meinen Sie die USA und Europa?

Kurtz: Vor allem von den USA. Die Vereinigten Staaten sind in den kommenden Monaten der Treiber für Asiens Aktienkurse. Wenn das Wachstum dort höher ausfällt als bislang vom Durchschnitt der Volkswirte erwartet, werden auch die Gewinnschätzungen vieler Unternehmen in Korea oder Taiwan nach oben gesetzt. Die Region hat sich in den vergangenen Jahren ganz und gar nicht vom Rest der Welt abgekoppelt, wie immer wieder so gern behauptet wurde.

Morgenpost Online: Aber lässt sich in Korea und Taiwan in den nächsten Monaten noch so viel verdienen? Sie haben selbst gesagt, dass bereits viele ihr Geld dorthin umgeschichtet haben.

Kurtz: Gerade Unternehmen aus Korea und Taiwan sind in den meisten Portfolien immer noch untergewichtet. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Morgenpost Online: In welcher Gegend Asiens sehen Sie die mittel- bis langfristige Wachstumsgeschichte?

Kurtz: In Ländern wie Thailand, Indonesien und Vietnam. Sie werden davon profitieren, dass China sich mehr und mehr vom Billigproduzenten zum Hersteller hochwertiger Güter wandelt – dem Land bleibt gar nichts anderes übrig.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Kurtz: China gehen die Arbeiter aus. Die Menschen in den ländlichen Regionen sind nicht mehr bereit, an die Ostküste zu ziehen, um dort in den Fabriken für wenig Geld zu schuften. Zudem wird 2013 die Zahl der Chinesen im erwerbsfähigen Alter ihren Höchstwert erreichen und dann beginnen zu schrumpfen – und die Zahl der Ruheständler dramatisch steigen. Die Folge: Jeder einzelne Arbeiter muss mehr Wert schaffen als heute, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Morgenpost Online: Und das kann gelingen?

Kurtz: Ein Berater der chinesischen Regierung sagte neulich: Wir wollen 2025 da sein, wo Deutschland heute ist. Wir wollen hochwertige, in aller Welt gefragte Güter produzieren und gleichzeitig den Dienstleistungssektor deutlich ausbauen.

Morgenpost Online: Und die billige Arbeit landet dann in Thailand, Indonesien und Vietnam?

Kurtz: Der Prozess ist bereits im Gange. Ich gehe aber davon aus, dass er sich in den nächsten Jahren noch erheblich verstärken wird, wenn sich erst einmal die Infrastruktur vor Ort verbessert hat und auch die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen andere sind.