Geldanlage

Investoren setzen jetzt auf Energie und Banken

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Michael Höfling

Foto: Infografik Morgenpost Online

Anleger wechseln ihre Favoriten im Depot aus. Die neuen Gewinner sind vor allem dividendenstarke Titel – allen voran Energieversorger und Banken.

Richtung Nordosten – und dann immer geradeaus. So könnte in Anlehnung an den Werbeslogan eines Spirituosenherstellers aus den Siebziger Jahren das aktuelle Motto für die Aktienmärkte der westlichen Welt lauten. Während die Börsen in den Schwellenländern zuletzt unter Gewinnmitnahmen litten, laufen die großen Börsenbarometer in Deutschland und seit kurzem auch im übrigen Europa und den USA fast wie an der Schnur gezogen nach oben. Der Deutsche Aktien Index Dax etwa legte seit September von 6000 auf in der Spitze 7388 Punkte zu, am Freitag erreichte er nach der Meldung des Mubarak-Rücktritts ein neues Drei-Jahres-Hoch.

Doch obwohl die etablierten Märkte ihre Grundrichtung beibehalten haben, ist im neuen Jahr bei genauerem Hinsehen manches anders als noch 2010. Denn die Anleger haben ihre Favoriten gewechselt. Aktien, die im vergangenen Jahr noch die Antreiber für den gesamten Index waren, finden sich im noch jungen Jahr 2011 plötzlich auf den hinteren Plätzen des Rendite-Rankings wieder. Und viele der Underperformer aus dem Vorjahr haben sich seit Anfang Januar in die Top Ten ihrer Indizes katapultiert.

„Die Investoren setzen darauf, dass die Nachzügler das größere Potenzial haben als jene Aktien, die die Rallye seit der Wende im März 2009 voll mitgemacht haben“, erklärt der unabhängige Vermögensverwalter Georg Thilenius. In der Tat konnten Anleger mit der Titelauswahl seit dem Tiefpunkt vieles falsch machen. Während etwa im Dax mit Infineon gut 2000 Prozent zu verdienen waren und selbst mit der Volkswagen-Aktie immerhin noch rund 300 Prozent, mussten sich Anteilseigner von RWE mit ganzen 7,8 Prozent begnügen. Wer der ehemaligen Volksaktie Telekom über die vergangenen knapp zwei Jahre treu blieb, wurde dafür mit sechs Prozent bestraft.

Und auch im Jahr 2010, das für den Dax besonders gut lief, war die Bandbreite der Erträge immens. Während VW und BMW mit 85 Prozent Kursplus gleichauf vorn lagen, verloren Anleger mit den Flop vier, der Deutschen Börse, der Deutschen Bank sowie den Versorgern E.on und RWE, zwischen zehn und 27 Prozent. Seit Jahresbeginn aber führt die Börsen-Aktie, beflügelt durch die Fusion mit der US-Börse Nyse Euronext, das Feld der Dax-Topwerte an, und auch die übrigen Vorjahres-Verlierer sind in die Top Ten geklettert.

Mit den defensiven Energieunternehmen und den Finanzwerten, die durch die Krise am stärksten geschwächt wurden, erhoffen sich die Investoren, für dieses Jahr besser aufgestellt zu sein als mit den zuvor bestens gelaufenen zyklischen Papieren wie Lufthansa, MAN oder BASF. Bei dieser Überlegung spielt auch die Dividendenpolitik eine Rolle.

„In den nächsten Monaten können Anleger mit den Ausschüttungen gute Geschäfte machen“, sagt Vermögensverwalter Thilenius. Und die Konzerne lassen sich nicht lumpen: Die Commerzbank erwartet, dass die im Dax geführten Unternehmen ihre Dividendenzahlungen gegenüber dem Vorjahr um 30 Prozent anheben. So hat die Münchener Rückversicherung überraschend angekündigt, ihre Dividende von 5,75 auf 6,25 Euro zu erhöhen, E.on und RWE wollen ihre bereits stattlichen Dividenden beibehalten.

Da sich die Kurse der Finanz- und Energiewerte bis Jahresanfang nur mäßig entwickelt haben, ergeben sich damit für die betreffenden Unternehmen Dividendenrenditen von bis zu sechs Prozent. Der Wert ergibt sich aus der Division von Ausschüttung durch Kurs mal 100. Fallende Notierungen würden also die ohnehin schon hohe Dividendenrendite noch weiter steigen lassen. Viele Investoren werten das bei etablierten Konzernen mit verlässlicher Historie als Absicherung gegen mögliche Kursrückschläge.

Die Branchenrotation lässt sich auch am Euro-Stoxx-50 erkennen, in dem Finanzwerte die tragende Rolle spielen. Der Versicherungskonzern Axa, 2010 noch mit fast 25 Prozent im Minus, ist der Top-Performer des laufenden Jahres. Der Finanzgigant UniCredit bescherte Anlegern im Vorjahr gar 30 Prozent Verlust, liegt jetzt aber mit 20 Prozent Gewinn auf Platz sechs des Rankings.

„Banken profitieren über die abnehmende Risikoaversion privater wie institutioneller Kunden vom Aufschwung“, sagt Georg Kanders, Analyst bei der WestLB. Zudem belebe sich mit der verbesserten Stimmung an den Märkten das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen sowie mit Börsengängen. Freilich, so Kanders, seien die Finanzwerte aber weiterhin besonderen Risiken ausgesetzt. Eine weitere Verschärfung der Regulierung der Branche sei genauso wenig auszuschließen wie ein Wiederaufflammen der Schuldenkrise, die schon 2010 dem Sektor das Comeback vermasselt hat.

Wer als Anleger den Favoritenwechsel für eine weiter aussichtsreiche Strategie hält, muss sich dabei nicht auf Einzeltitel beschränken. Die Société Générale etwa legt Outperformance-Zertifikate auf die Versorger E.on und RWE auf, mit denen Anleger überproportional von Kursanstiegen profitieren. Beide Papiere sind noch bis Ende Februar in der Zeichnungsphase und werden danach an der Börse gehandelt. Auch über börsengehandelte Indexfonds (ETFs) können Anleger das Szenario der Branchenrotation spielen. Das Angebot an ETFs auf Subindizes, die die Entwicklung bestimmter Sektoren wie etwa der Auto- oder der Finanzbranche wiedergeben, ist mittlerweile sehr reichhaltig.