Zertifikate

Von verkehrter Welt am Rohölmarkt profitieren

| Lesedauer: 6 Minuten
Thomas Koch

Foto: Infografik Morgenpost Online

Der Preisunterschied zwischen den Nordseeöl und leichtem US-Öl erreicht einen Rekordstand. Anleger können von der Differenz kräftig profitieren.

Die anhaltenden politischen Unruhen in Ägypten hinterlassen auch an den Kapitalmärkten ihre Spuren. Der Ölpreis der Sorte Brent liegt aktuell bei mehr als 100 Dollar pro Barrel. Analysten begründen dies vor allem mit der Sorge, dass die für den Öltransport wichtigen Schifffahrtswege von den Turbulenzen tangiert werden. Auf Monatssicht hat sich der Brent-Preis damit um gut sechs Prozent verteuert. Das US-Leichtöl WTI hingegen ist im gleichen Zeitraum um drei Prozent billiger geworden und notiert derzeit nur bei rund 87 Dollar. Im Normalfall kosten beide Sorten ungefähr gleich viel.

Als Erklärung für die „verkehrte Öl-Welt“ verweisen Rohstoffstrategen neben dem Ägypten-Effekt bei Brent auch auf vergleichsweise hohe Lagerbestände für das WTI-Öl in den USA. Wenn die Öltanks bis zum Rand gefüllt sind, muss das angelieferte Rohöl entweder weitertransportiert (was hohe Kosten verursacht) oder zu dann in der Regel niedrigeren Preisen verkauft werden. Daher lasten die hohen Lagerbestände auf dem Preis des amerikanischen Öls.

Allerdings sind sich die Analysten weitestgehend einig, dass die aktuelle Situation kein Dauerzustand bleiben wird. Eine ähnliche Konstellation gab es schon einmal Anfang 2009. Da hatten sich die Preise innerhalb weniger Wochen wieder angeglichen. Genau darauf haben nach Ansicht der Commerzbank in den vergangenen Tagen bereits mehrere Marktteilnehmer spekuliert. Weil sich die Preisdifferenz zwischen Brent und WTI aber immer mehr ausgeweitet hat, müssen diese Positionen zur Begrenzung der Verluste nun sukzessive wieder aufgelöst werden, was den Spread kurzfristig sogar noch vergrößern könnte. Fundamental gäbe es dafür allerdings keinen triftigen Grund. Genau deshalb rechnen auch die Experten der DZ Bank in den kommenden Monaten mit einer Normalisierung, sprich einer Einengung des Preis-Spreads der beiden Öle. Im zweiten Quartal wird bei Brent mit einem Rückgang auf 90 Dollar, bei WTI mit Notierungen von 86 Dollar gerechnet. Ende des Jahres sollen beide Rohölsorten dann bei 94/95 Dollar und somit wieder fast auf identischem Niveau notieren.

Vor diesem Hintergrund, und weil die Differenz zwischen Brent und WTI in dieser Woche zwischenzeitlich auf ein Rekordniveau von rund 16 Dollar gestiegen ist, erscheint die Idee, von einer Verringerung dieses Spreads zu profitieren, durchaus nachvollziehbar. Ganz so einfach wie es klingt, lassen sich solche Spekulationen aber nicht umsetzen. Weil die meisten Rohstoffe nur über Futures gehandelt werden, müssen bei solchen Investments immer die unterschiedlichen Preise der einzelnen Future-Kontrakte berücksichtigt werden. Und gerade an dem für viele Öl-Produkte relevanten „kurzen Ende“ der Forward-Kurve herrscht derzeit eine für Anleger recht ungünstige Konstellation. Vor allem WTI-Öl notiert stark in Contango. Das bedeutet, dass die Preise für das Leichtöl mit zunehmender Restlaufzeit der Future-Kontrakte deutlich teurer werden, während das Niveau bei Brent-Öl nur leicht ansteigt. In einem solchen Szenario drohen bei Produkten, die auf einen steigenden WTI-Preis setzen und dabei immer auf den nächstfälligen Kontrakt setzen, regelmäßige Rollverluste. Die Analysten der BNP Paribas bezeichnen entsprechende Investments denn auch als sehr unsicher und riskant. Lohnen kann eine solche Spekulation natürlich trotzdem. Dafür muss die anvisierte Spread-Verringerung aber möglichst schnell vonstatten gehen.

Profitieren würden in diesem Szenario zum Beispiel die von der Société Générale bereits Mitte 2007 aufgelegten Alpha-Zertifikate, bei denen die Differenz zwischen der WTI-Notierung und dem Preis für Brent Oil widergespiegelt wird. Weil beide aber über spezielle Öl-Indizes von S&P GSCI abgebildet werden, kommt immer auch der angesprochene Rolleffekt zum Tragen. Wenn der Spread sich nur langsam oder geringfügig verkleinert, drohen bei diesen Produkten dadurch sogar Verluste. Wählen können Anleger zwischen einem „normalen“ Alpha-Papier (WKN: SG03N3) und einem von Beginn an gehebelten Zertifikat (WKN: SG03N4). Das mit extra Schwungkraft versehene Produkt hatte bei Auflegung einen Hebel von drei. Da sich der Kurs seither mehr als geviertelt hat, liegt die Hebelkraft aktuell bei über zwölf. Das gilt in abgeschwächter Form auch für das „normale“ Zertifikat, das von anfänglich 100 auf unter 80 Euro gefallen ist und damit auch einen kleinen Hebeleffekt von rund 1,3 aufgebaut hat.

Einen etwas anderen Ansatz hat Goldman Sachs gewählt. Deren Analysten gehen davon aus, dass sich die Lage nicht ruckartig, sondern eher über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten normalisiert. Passend dazu wurden bei den gerade neu aufgelegten Spread-Papieren die jeweiligen Juni-Kontrakte als Basiswerte gewählt und die Scheine mit einer bis Mai befristeten Laufzeit versehen. Rollverluste werden dadurch ausgeschlossen. Nachteil dieser Konstruktion ist allerdings, dass der Spread zwischen Brent und WTI bei dem Juni-Kontrakt „nur“ bei rund acht Dollar (gegenüber 15 Dollar beim nächstfälligen Kontrakt) liegt. Das Gewinnpotenzial ist damit entsprechend geringer. Angeboten werden die Scheine mit 100-Prozent Partizipation (WKN: GS4WT1) oder mit Hebeln von zwei (WKN: GS4SPR) beziehungsweise fünf (WKN: GS4HWT). Während die Zertifikate der Société Générale mit einer Währungssicherung versehen sind, hat bei Goldman Sachs auch der Euro/Dollar-Kurs einen Einfluss auf die Performance der Scheine.

Fazit: Die ungewöhnliche Konstellation am Rohölmarkt wird nach Ansicht von Rohstoff-Analysten nicht lange Bestand haben. Spekulationen auf eine Normalisierung können daher Sinn machen. Bei den angebotenen Produkten sind aber diverse Besonderheiten zu berücksichtigen. Wer auf eine sehr schnelle Verringerung des Preis-Spreads setzt, findet bei den Alpha-Zertifikaten der Société Générale die größten Gewinnchancen. Wird auf eine schrittweise Einengung innerhalb der nächsten drei Monate spekuliert, sind die Optionsscheine von Goldman Sachs wahrscheinlich die sinnvollere Alternative.