Ende des Booms?

Dax auf Dreijahreshoch – Anleger werden vorsichtig

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Karsten Seibel

Foto: Infografik Morgenpost Online

Der deutsche Leitindex steigt und steigt und erreicht mit 7287 Punkten ein Dreijahreshoch. Doch erste Anleger sichern sich bereits gegen den Einbruch ab.

Selbst die größten Pessimisten lassen sich mittlerweile von der guten Stimmung an den Börsen anstecken. Markus Reinwand, Aktienstratege der Landesbank Hessen-Thüringen, nimmt seine Prognose für den Dax nach oben. Bis zur Jahresmitte sieht er das heimische Leitbarometer nun bei 6700 Punkten. Das ist gegenüber dem aktuellen Niveau zwar immer noch ein Rückgang, zuvor hatte er aber einen Einbruch bis auf 6300 Punkte erwartet. Aus keiner anderen Bank gab es eine negativere Einschätzung. „Angesichts der zunächst noch kräftiger als von uns erwartet laufenden Konjunktur haben wir unsere Kursziele für die führenden Aktienindizes erhöht“, begründet Reinwand die Korrektur.

Zu Wochenbeginn kletterte der Deutsche Aktienindex bis auf 7287 Punkte – den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Genau genommen war es am 21.Januar 2008 als der Index zuletzt auf dem Niveau stand. Es war damals ein denkwürdiger Tag. Innerhalb weniger Stunden rauschte die Orientierungsmarke für den heimischen Aktienmarkt von 7314 Punkten bis auf 6790 Punkte nach unten – der größte Punkte-Verlust der Geschichte. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers sollte zwar noch acht Monate auf sich warten lassen, doch die Angst vor einer tiefgreifenden Rezession griff um sich. „Rette sich, wer kann“, war die Devise.

Jetzt geht bei einzelnen Anlegern die Panik eher in die andere Richtung. „Hilfe, die Rally geht weiter und ich bin nicht dabei.“ Wobei es in den vergangenen Wochen aus Sicht der Experten der US-Bank Citigroup gar nicht so viel neues Geld war, das in den Aktienmarkt floss. „Viele haben ihr Depot einfach neu aufgestellt“, schreiben sie in einer Studie. Die Länder und Branchen, die im vergangenen Jahr schlecht waren, liegen nun plötzlich vorn. Vor allem die seit mehr als zwei Jahren gemiedenen Aktien von Banken und Versicherungen verhelfen dem Dax und noch stärker dem europaweiten EuroStoxx50-Index zu immer mehr Punkten.

Die Deutsche-Bank-Aktie hat genauso wie das Papier der Allianz seit Jahresanfang schon 20 Prozent an Wert hinzugewonnen. In Europa wird die Liste von dem französischen Versicherer Axa (plus 27 Prozent) und der italienischen Bankengruppe Intesa Sanpaolo (plus 24 Porzent) angeführt. Unter den Top10 des EuroStoxx befinden sich gleich neun Finanzwerte. An den Märkten hat sich ganz offensichtlich die Meinung durchgesetzt, dass das Schlimmste in Sachen Eurokrise vorüber ist – zumindest erst einmal. „Viele der europäischen Finanzinstitute sind in einer besseren Verfassung als ihre internationalen Wettbewerber. Das Kreditgeschäft zieht wieder an“, so Ian Scott, Chefstratege der Bank Nomura.

Die Erholung des Finanzsystems zusammen mit den unverändert niedrigen Zinsen hilft nach Meinung der Credit Suisse auch vielen Industrieunternehmen. „Wir glauben, dass die Unternehmen beginnen, ihre rekordhohe Liquidität für Investitionen, Übernahmen, Aktienrückkäufe und die Schaffung von Arbeitsplätzen auszugeben“, so Stefan Keitel, oberster Anlagestratege der Schweizer. Was dann wiederum auch zu höheren Einzelhandelsumsätzen führen werde. Folge: Die Gewinne steigen weiter und die Bewertungen bleiben tief. Andere Strategen machen folgende Gleichung auf: Gemäss Analystenprognosen erzielen die deutschen Unternehmen dieses Jahr alle zusammen einen neuen Rekordgewinn, der DAX hingegen notiert noch zehn Prozent unter seinem Allzeithoch.

Die weit verbreitete Zuversicht macht andere Anleger schon wieder skeptisch. Zu ihnen gehört auch Vermögensverwalter Peter Huber von StarCapital. „Aus vielen Bären sind Bullen geworden.“ Dahinter steckt die bange Frage, wer noch kaufen soll, wenn schon alle investiert sind. Das gilt nicht nur für Europa, sondern auch die USA. Seit 2007 haben US-Börsenbriefe nicht mehr so offensiv zum Kauf von Aktien geraten wie dieser Tage. Huber tröstet sich damit, dass die Aktienquoten der großen Portfolien insgesamt noch nicht spürbar gestiegen sind. Das heißt, auch für die nächsten Monate sollte es noch Käufer geben, die die Kurse weiter nach oben treiben.

Wieder andere wollen sich darauf nicht verlassen. Kaum war das Dreijahreshoch im Dax erreicht, setzten ungewöhnlich viele Investoren am Derivatemarkt massiv auf fallende Kurse. Innerhalb kurzer Zeit führte die Statistik der Euwax zahlreiche Put-Scheinen weit oben auf den Kauflisten. Mit ihnen können Investoren von einem Kursrückgang profitieren. „Die Einschätzung hat sich am Mittag dramatisch geändert“, so Euwax-Derivatehändler Norbert Paul. „Offenbar halten viele den Anstieg für übertrieben und zu schnell.“ Ein derartiger Stimmungsumschwung sei selten.

Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen hat seine Dax-Prognose bis Ende Juni zwar nach oben gesetzt. Doch für das Gesamtjahr bleibt er bei 6200 Punkten – das wäre ein Rückgang von 15 Prozent. Auch er verweist dabei auf die gute Stimmung. „Nicht selten ist ein derartig ausgeprägter Optimismus ein Indiz dafür, dass die beste Phase bereits hinter uns liegt.“ Er hat sich den Ifo-Geschäftsklimaindex genauer angeschaut. Je höher dieser in der Vergangenheit lag, desto schlechter entwickelte sich der Dax in den Folgemonaten. Und derzeit liegt er sehr hoch: Ein Wert zwischen 110 und 115 Punkten hatte bislang einen Dax-Verlust von 1,5 Prozent in den folgenden sechs Monaten zur Folge. Ein Jahr später notierte der Aktienindex im Durchschnitt 11,5 Prozent tiefer.