Währungen

Der Schweizer Franken profitiert von der Eurokrise

Deutsche wollen ihr Geld aus der Euro-Zone schaffen. Ein willkommenes Konjunkturprogramm für die Schweizer Banken.

Grenzbeamte stehen hier schon etliche Jahre nicht mehr. Man braucht sich nur einzureihen in den Pulk der Tanktouristen, die täglich durch die verwaiste Zollanlage fahren, um sich billigen, gering besteuerten Sprit zu sichern. Vorbeifahren am bekannten Kunstmuseum Beyeler, nach ungefähr einem Kilometer einmal links abbiegen, und schon ist er erreicht, der Hort der Sicherheit. Er verbirgt sich in einer schlichten Betonsäulen-Arkade, die weiße Leuchtschrift weist den Weg: Hier sitzt die Baseler Kantonalbank – mitten im Dorf Riehen hat sie ihre erste Filiale hinter der deutsch-schweizerischen Grenze.

Ein Gebäude, das die meisten Menschen im benachbarten südbadischen Lörrach länger nicht interessiert hat. Bis Griechenland seine Schulden nicht mehr allein bezahlen konnte. Seither hat so mancher Kunde bei der Fahrt über die Grenze deutlich mehr Geld dabei, als er zum Tanken braucht: Sie bringen Ersparnisse in Sicherheit. Im offiziellen Duktus eines Bank-Sprechers klingt das so: „Unsere ausländische Kundschaft tätigt in jüngster Zeit wieder vermehrt Anlagen in Schweizer Franken.“ Es ist ein Satz, den man so ähnlich bei vielen Banken entlang der Grenze hört. „Es sind in den vergangenen Wochen und Monaten beträchtliche Summen in die Schweiz geflossen, weil der Franken einfach den Nimbus eines sicheren Hafens hat“, sagt Stefan Keitel, der oberste Anlagestratege der Großbank Credit Suisse.

Der Experte spricht den Satz lapidar aus wie ein Naturgesetz. Dabei ist er für das Bankenland Schweiz regelrecht eine Erlösung, mit der bis vor einigen Monaten keiner rechnen konnte. Beinahe totgesagt waren die schmucken Finanzplätze am Zürichsee und am Genfer See. Das einstige Vorzeigeinstitut UBS entging nur mithilfe der Notenbank dem Untergang. US-Steuerfahnder erpressten sich die Kontodaten von Steuersündern und höhlten das über Jahrzehnte gehütete Schweizer Bankgeheimnis aus. Und auch die EU erzwang Zugeständnisse bei Kontoabfragen. Ein ganzes Land gab sich einer Identitätskrise hin.

Griechenland war der Anfang

Von dieser Trübsal ist kaum noch etwas zu spüren, der Euro-Krise sei Dank. Der Wirbel um überschuldete Staaten wie Griechenland gab dem Franken Auftrieb. Das half auch der Stimmungslage der Schweizer Nation. Im Juni notierte die Währung auf einem Allzeithoch gegenüber dem Euro. Auf einmal herrscht Überschwang. „Der Franken ist unschlagbar robust“, sprudelte das Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ jüngst in einer Titelgeschichte und prahlte mit den Devisenreserven der Schweizer Nationalbank, die höher seien als die des ganzen Euro-Systems. Die Franken-Scheine seien die „beste, sicherste und schönste Banknote der Welt“, während der Euro nicht einmal auf dem Papier überzeuge – die Druckqualität sei „inakzeptabel schlecht“, lästerten die Zürcher.

Für derlei Häme sind Schweizer Bankiers zu vornehm. Aber auch ihre Freude ist unüberhörbar. „Als Griechenland in die Schlagzeilen geraten ist, ist eine große Welle losgebrochen“, heißt es bei der Kantonalbank in Schaffhausen, jenem nördlichsten Zipfel der Schweiz, der fast vollständig von deutschem Staatsgebiet umschlossen ist. Hier haben es die Euro-Flüchtlinge ähnlich nah wie in Basel, und das nutzt nicht nur die betuchte Klientel. Auch Anleger mit wenigen Tausend Euro kamen in den vergangenen Monaten zahlreich nach Schaffhausen. Zahlen wollen weder die Banken noch die Schweizer Bankiervereinigung nennen, man führe keine Statistiken, heißt es. Aber der Trend ist eindeutig. Auch die Schweizer Raiffeisenbanken, ebenfalls keine Spezialisten für reiche Finanzamtsflüchtlinge, spüren eine deutlich gestiegene Nachfrage.

Herbert Scheidt, Chef der Privatbank Vontobel, beobachtet bei seinen Kunden Inflationssorgen und sogar die Furcht, dass der Währungsraum zerbrechen könnte. Und das gelte nicht nur für Deutsche, denen man in anderen EU-Ländern jüngst eine Schulden-Paranoia nachsagte. „Das sind keine speziell deutschen Ängste“, sagt Scheidt. „Investoren aus ganz Europa sorgen sich um die Entwicklung in den EU-Staaten, und das ist angesichts der Lage durchaus verständlich.“

Zwar stellt Scheidt bislang nur Mittelzuflüsse in einem überschaubaren Rahmen fest. Doch allein der Trend gibt den Bankiers des Landes recht: Immer wieder bemühten sie das weithin belächelte Argument, nach dem die Lust am Steuernsparen gar nicht der Hauptgrund sei, sein Geld in die Schweiz zu bringen. Andere Gründe hätten immer auch eine entscheidende Rolle gespielt, betont der deutschstämmige Banker Scheidt: „Lediglich die öffentlichen Debatten haben sich immer auf das Bankkundengeheimnis konzentriert.“

Richtig ist: Die Stärke des Frankens in Krisenzeiten ist kein Novum. „Es gab schon immer Perioden, in denen die Schweizer Währung die Funktion eines sicheren Hafens eingenommen hat, etwa Ende der 70er-Jahre“, sagt Manuel Ammann, Finanzprofessor an der Universität Sankt Gallen. Allerdings seien eben nicht alle Faktoren zu jeder Zeit gleich wichtig. „In den vergangenen zehn Jahren ist das Stabilitätsargument sicher etwas in den Hintergrund getreten, weil die Euro-Länder selbst stabil dastanden.“ Das ist nun vorbei.

Dazu trägt auch bei, dass die Schweiz selbst dem Ruf der Stabilität wieder weitaus besser gerecht werden kann als noch vor zwei Jahren. Die UBS konnte für das zweite Quartal 2010 jüngst einen Milliardengewinn verkünden, die zwischenzeitliche Staatsbeteiligung hat die Nationalbank mit Gewinn verkauft. Beide Großbanken des Landes, die UBS und die Credit Suisse, hätten ihre Risiken deutlich reduziert, sagt Ammann. „Natürlich gibt es im Bankgeschäft auch weiterhin ein gewisses Risiko, aber die größten Probleme sollte die Schweiz hinter sich haben.“ Selbst Finanzplatz-Skeptiker wie Boris Zürcher, Chefökonom des Politikinstituts Avenir Suisse, stellen fest, dass die Banken des Landes die Krise überraschend schnell hinter sich gelassen hätten.

Wirtschaft leidet unter Wechselkurs

Und doch mischen sich in die Erleichterung der Eidgenossen auch kritische Töne. Denn während die Banken vom starken Franken profitieren, sieht der Rest der Wirtschaft die Wechselkurse mit Sorge. „Wir drohen wieder zu einer Hochpreisinsel zu werden“, sagt Ökonom Zürcher. In der Schweiz sitzen große Pharma- und Technologiekonzerne, die um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit fürchten müssen. Unter einer drastischen Aufwertung würde „die Exportwirtschaft massiv leiden, und das schadet der Schweiz insgesamt“, warnt Vontobel-Chef Scheidt.

Entsprechend hat die Nationalbank des Landes gegengesteuert. Sie hat über Monate im großen Stil Euro gekauft, um die Gemeinschaftswährung zu stützen. Zudem nahmen die akuten Euro-Ängste ab: Zuletzt gewann der Euro wieder ordentlich gegenüber dem Franken.

Von einem richtigen Comeback des Schweizer Finanzplatzes mag Ökonom Zürcher nicht reden, „auch die Steuerdebatte ist noch nicht vom Tisch.“ Zwar habe die Schweizer Regierung zugesagt, bei Anfragen ausländischer Fahnder kooperativer zu sein. „Aber wenn das in der Praxis nicht läuft, wird der Druck schnell wieder steigen“, glaubt Zürcher. Mit einer Razzia bei der Credit Suisse in Deut?schland haben Staatsanwälte jüngst einen Warnschuss abgegeben.