Börse

Deutschland ist der Absteiger des Jahres

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Daniel Eckert und Holger Zschäpitz

Die Zahl deutscher Firmen unter den Top-100-Aktiengesellschaften hat sich halbiert. Die neue Weltordnung bestimmen andere Nationen.

Deutschland hat mehr Opernhäuser als alle anderen Länder auf dem Planeten. Doch an den Börsen beginnt der Stern des Landes rapide zu sinken. Dieses Jahr finden sich nur noch drei deutsche Unternehmen unter den 100 größten Aktiengesellschaften der Welt. Das ist ein Negativrekord. In den vergangenen Jahren konnten deutschen Firmen meist sechs oder sieben Plätze in der Bestenliste auf sich vereinigen. Sogar im Krisenjahr 2009 war das noch der Fall.

Das wertvollste deutsche Börsenunternehmen – Siemens – taucht mit einem Börsenwert von 71 Mrd. Euro erst auf Platz 50 der Rangliste auf. Noch weiter hinten finden sich der Versorger E.on (49 Mrd. Euro) und der Softwarespezialist SAP (45 Mrd. Euro) wieder.

Dominiert wird die Bestenliste von den Vereinigten Staaten. Von den 100 größten Unternehmen der Welt haben 39 ihren Sitz in den USA. Allein unter den ersten zehn finden sich sechs amerikanische Namen. Auch die Nummer eins stammt aus den Vereinigten Staaten, der Ölkonzern ExxonMobil, ist an der Börse 239 Mrd. Euro schwer: So viel bringen die fünf größten Aktiengesellschaften Deutschlands zusammen nicht auf die Waage.

Allerdings haben auch die Amerikaner schon bessere Zeiten gesehen: Im Jahr 2004 stammten acht der zehn größten Unternehmen aus den USA. Es war das Zeitalter der amerikanischen Dominanz. Seither hat die Finanzkrise einen langsamen Abstieg der Supermacht eingeleitet.

An den Börsen manifestiert sich damit bereits eine neue Weltordnung, die sich auf der politischen Bühne erst schemenhaft abzeichnet. Die in die Zukunft schauenden Kapitalmarktakteure nehmen das über die Bewertung der Börsenunternehmen vorweg. An der globalen Rangfolge lässt sich der Auf- und Abstieg der Nationen ablesen. Wachstumsländer weiten ihren Anteil an den Top-100 aus, Schrumpfökonomien geben Terrain preis.

Noch schneller abwärts als mit den USA geht es allerdings mit Deutschland und Japan. Bei ersteren fordert die Euro-Wirtschaftsschwäche ihren Tribut, bei letzteren das nicht enden wollende „Verlorene Jahrzehnt“ der Deflation. Die Zahl der japanischen Unternehmen in der 100er-Spitzengruppe hat sich seit dem Jahr 2000 halbiert.

China legt deutlich zu

Auf dem aufsteigenden Ast ist hingegen China. Nachdem das Reich der Mitte Deutschland 2008 als drittgrößte Wirtschaftsnation und 2009 als Exportweltmeister abgelöst hat, deklassiert es die Bundesrepublik nun auch an der Börse: In den Top-10 finden sich inzwischen vier Unternehmen aus dem Reich der Mitte wieder. In der Liste der größten 100 Konzerne ist die Volksrepublik mit zehn Konzernen vertreten. Auch Brasilien drängt mächtig nach vorn. Die größte Volkswirtschaft Südamerikas bringt es auf vier Namen unter den Top-100. Auch Indien ist mit dem Mischkonzern Reliance Industries inzwischen in der ersten Börsenliga vertreten.

Vor zehn Jahren tauchten die Schwellenländer in der Rangliste erst unter ferner liefen auf. Brasilien war bis 2004 mit keinem einzigen Unternehmen unter die größten 100 vertreten, die Volksrepublik lediglich mit einem einzigen, dem Telekommunikationskonzern China Mobile.

In den kommenden Jahren wird sich die Macht-Drift vermutlich noch verstärken. Alternde Volkswirtschaften wie Deutschland oder Japan haben immer größere Schwierigkeiten, nach einer Finanz- und Wirtschaftskrise auf einen Wachstumspfad zurückzufinden. Dieses Jahr soll die bundesrepublikanische Ökonomie um 1,5 Prozent expandieren, nach einem Minus von fünf Prozent im Jahr 2009. China soll nach dem Dämpfer des vergangenen Jahres um elf Prozent wachsen.

Die Befunde wären leicht zu ignorieren, würden sich in dem Börsen-Ranking nicht globale Wohlstandsverschiebungen spiegeln. Während hiesige Konzerne auch wegen der Probleme in Südeuropa gegen die Stagnation ankämpfen, bersten große Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien oder China vor Wachstumskräften.