Hohe Energiepreise

Russland erwartet ein glänzendes Börsenjahr

Experten rechnen für 2011 mit einem Boom am russischen Aktienmarkt. Hohe Preise für Öl und Gas befeuern die Kurse des Energie-Giganten.

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Knapp vor Jahresende hat die Saxo Bank ihren traditionell ungewöhnlichen Prognosekatalog vorgestellt. Die Investmentbank, deren zehn „Outrageous Predictions“ 2010 immerhin zu einem Drittel eingetroffen sind, erwartet 2011 nicht nur eine Übernahme von Facebook durch Apple. Sie sieht nicht nur Gold auf 1800 US-Dollar je Unze, Gas um 50 Prozent und Öl auf 100 Dollar je Barrel steigen, ehe es um ein Drittel fallen sollte. Zum ersten Mal nimmt sie auch Russland in die Prognose-Liste.

Demnach sollte der russische Leitindex RTS 2011 auf 2500 Zähler hochschnellen. Gründe seien Preissteigerungen für Öl und Gas sowie die überschüssige Liquidität auf den Weltmärkten. Zudem wären russische Unternehmen unterbewertet. Anleger würden „den Wert ihres Index bei einem 12-Monats-Forward-KGV von 8,6 und einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,26 erkennen“, schreibt die Saxo Bank. In der Tat seien russische Aktien billig, was das Interesse anheize, sagt UBS-Analyst Dmitri Vinogradov der Zeitung „Wedomosti“. Die Titel würden mit einem Abschlag von 47 Prozent zum MSCI Emerging Markets, gehandelt, jenem Index, der die Entwicklung von Aktien in den Schwellenländern abbildet.

Zuletzt schloss der RTS nach einmonatiger Rallye am Mittwoch bei 1764 Punkten. Seit Beginn des Jahres stieg er um 21,5 Prozent. An die von der Saxo Bank für 2011 prophezeiten 2500 Punkte jedoch hatte der RTS nur einmal herangereicht, und zwar im Mai 2008, ehe er in der Finanzkrise weltweit am stärksten auf unter 500 Punkte im Januar 2009 abstürzte. Ist der Ölpreis die entscheidende Lokomotive für die Erholung der russischen Wirtschaft, so werden Öltitel wie Rosneft und Lukoil laut Vinogradov dennoch mäßig attraktiv bleiben.

Zwar sind sie neben Gas- und Stahlfirmen sowie Banken hauptverantwortlich, dass die russischen Blue Chips 2010 im BRIC-Staaten-Index FTSE Bric 50 um durchschnittlich 49 Prozent stiegen, während die Firmen der anderen BRIC-Staaten nur um 15 Prozent zulegten. Aber die Ölbranche laboriere an der stagnierenden Förderung. Schon 2010 wuchs der russische Markt vor allem durch Konzerne, die auf den Binnenmarkt konzentriert waren, wie der Verbraucher- und Bankensektor, erklärt Andrej Kusnezov, Chefstratege der Investmentbank Troika Dialog.

Die Tendenz wird anhalten, da Russland die Abhängigkeit vom Öl verringern will und den Zuschlag für die Austragung der Fußball-WM 2018 erhalten hat. Merrill Lynch empfiehlt gerade wegen der WM, den Branchenprimus Sberbank, den Stahlkonzern MMK, die Baufirma LSR oder die Handelskette X5 ins Portfolio zu nehmen. Die Euphorie der Saxo Bank teilt dennoch niemand. Die Bank of Moscow prognostiziert 1950 Punkte zum Jahresende 2011, Troika Dialog 2200 Punkte, VTB Capital ebenso. Die Deutsche Bank sieht den RTS Ende Juni 2011 bei 1950 Punkten. Einige erfolgreiche Börsengänge 2010 würden die Zuversicht stützen, sagt ihr Ökonom Daniel Jacobowitz.

Am meisten Aufsehen erregte Russlands größter Internetkonzern mail.ru, der im November 16 Prozent der Anteile in London an die Börse brachte und 912 Mio. Dollar einspielte. Die Aktien waren 20-fach überzeichnet und schossen am ersten Handelstag um 30 Prozent in die Höhe. „Ein Signal“, schreibt das russische Forbes-Magazin: „Die Portfolioinvestoren sind bereit, dem Land seine spezifischen Risiken zu verzeihen“. Die sind altbekannt: Mangelnde Rechtssicherheit, einseitige Abhängigkeit vom Rohstoffexport, hohe Korruption. Das Wirtschaftswachstum bleibt 2010 unter vier Prozent und weit hinter den anderen BRIC-Staaten zurück, der Rubel bleibt schwach, die Inflation steigt. Und die Politik setzt ein Jahr vor den Parlaments- und Präsidentenwahlen auf hohe Budgetausgaben für Soziales und Landesverteidigung.