Rohstoffe

Schlechte Ernte macht Zucker zu Luxus-Gut

Starkregen in Brasilien und eine Dürre in Indien bedrohen die Zucker-Ernte. Rohstoff-Investoren erwarten eine Preisrallye.

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Vor der Küste Brasiliens stauen sich die Giganten. Ganze 122 Frachtschiffe liegen in den Häfen oder davor und warten auf ihre Lieferung. Sie sollen eigentlich tonnenweise Zucker transportieren. Doch die süße Ware kommt nicht an. Schuld ist der viele Regen, der die Ernte und auch Transportwege in Mitleidenschaft gezogen hat. Gleichzeitig hat auf der anderen Seite der Welt, in Indien, der schwache Monsun viel Zuckerrohr vertrocknen lassen. Für Rohstoff-Experten wie Colin Fenton sind diese Wetterkapriolen ein klarer Hinweis darauf, dass beim Zuckerpreis eine Rallye zu erwarten ist. Der süße Rohstoff dürfte in diesem Jahr stärker zulegen als Gold, sagt Fenton.

Auch beim Weizen sorgt ungewöhnliches Wetter für eine Preisrallye. Die Dürre in Russland, brennende Wälder und Felder zerstören einen Teil der Ernte des größten Weizenexporteurs. Der europäische November-Kontrakt stieg um 5,6 Prozent auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 206,25 Euro je Tonne. Damit hat sich Weizen binnen sechs Wochen um fast 50 Prozent verteuert. Auch andere Weizenfutures waren so teuer wie seit Sommer 2008 nicht mehr. Der amerikanische Kontrakt an der Börse in Chicago stieg auf 6,90 Dollar je Scheffel, zwischenzeitlich sogar deutlich über sieben Dollar.

Die Frachtschiffe in Brasilien warten auf insgesamt 3,62 Millionen Tonnen Zucker, wie aus Berechnungen des Analyseunternehmens Santos Associados Consultoria und der Reederei Unimar Agenciamentos Maritimos hervorgeht. Niedrige Lagerbestände in Indien werden voraussichtlich dazu führen, dass die Preise „markant“ anziehen, sagt Hussein Allidina, Leiter Rohstoffanalyse bei Morgan Stanley.

Doch während das Angebot weiter sinkt, steigt gleichzeitig die weltweite Nachfrage an. Die Internationale Zucker-Organisation (ISO) schätzt, dass die Nachfrage dieses Jahr die Produktionsmenge um 8,5 Millionen Tonnen übersteigen wird. Dies hat zur Folge, dass die Vorräte angegangen werden müssen. Die ISO geht davon aus, dass die Lagervorräte auf 32 Prozent des Verbrauchs schrumpfen werden. Das wäre der niedrigste Anteil seit zwei Jahrzehnten.

Vor diesem Hintergrund ist der Zuckerpreis bereits deutlich gestiegen und hat allein im Juli 22 Prozent zugelegt. Von Bloomberg befragte Analysten gehen davon aus, dass der Aufwärtstrend anhält. Denn in den Philippinen, Indien, Pakistan und Indonesien sind die Lager „so gut wie leer“, bestätigt das Analyseunternehmen F.O. Licht. „Beim Zucker ist ein Bullenmarkt entstanden“, sagt Fenton, Vorstandschef vom Rohstoff-Analyseunternehmen Curium Capital Advisors. Fenton hat börsengehandelte Wertpapiere gekauft, die an Zucker-Futures gekoppelt sind. Er geht davon aus, dass die Preise bis zum Jahresende um weitere 28 Prozent hochschnellen – und zwar auf 25 Cent je Pound (0,45 Kilo).

Kritische Lage auf dem Zuckermarkt

Am 29. Juli hatte der Zucker-Terminkontrakt an der ICE in New York bei 19,67 Cent ein Viermonatshoch erreicht. Derzeit pendelt der Preis um die Marke von 19 Cent. Gold notiert bei 1188,50 Dollar je Feinunze. Analysten rechnen damit, dass sich das Edelmetall im dritten und vierten Quartal in einer engen Spanne um die Marke von 1200 Dollar bewegen wird. Das entspräche einem Plus von 1,4 Prozent.

Im vergangenen Jahr war der Zuckerpreis 128 Prozent nach oben geklettert und damit mehr als jeder andere Rohstoff im Food Price Index der Vereinten Nationen. Auch damals waren heftige Regenfälle in Brasilien und trockenes Wetter in Indien Auslöser. In diesem Jahr ging es dann erst einmal deutlich abwärts und selbst nach der jüngsten Aufholjagd ist Zucker derzeit noch etwa 29 Prozent günstiger als zu Jahresbeginn.

Doch nicht nur in Brasilien und Indien drücken außergewöhnliche Wetterbedingungen auf die Zuckerproduktion. In anderen Ländern, vor allem in Thailand und China, kann dies ebenfalls zu einem Belastungsfaktor werden, warnt Leonardo Bichara Rocha, Chef-Volkswirt der ISO. Und in der Europäischen Union dürfte die Zuckerrübenernte aufgrund schwacher Regenfälle ebenfalls niedriger ausfallen. In den 180 Tagen bis zum 5. Juli ging im Westen Deutschlands, Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden lediglich 60 bis 80 Prozent der üblichen Regenmenge nieder, belegen Daten des Prognoseunternehmens Martell Crop Projections.

„Der Zuckermarkt befindet sich in einer kritischen Lage, in der marginale Veränderungen auf der Angebots- oder Nachfrageseite zu parabolischen Preisveränderungen führen können“, sagt Vermögensverwalter James Dailey von TEAM Financial Asset Management in Harrisburg, Pennsylvania. „Zucker scheint exzellent positioniert zu sein, um in den nächsten ein bis zwei Jahren Anlauf auf den Preishöchststand von Mitte der 70er-Jahre zu nehmen.“