Deflation

Droht uns das gleiche Schicksal wie Japan?

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Frank Stocker

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Hohe Staatsverschuldung, niedrige Renditen auf Staatsanleihen, Deflation – all das kennzeichnet die japanische Krise. Es gibt Parallelen zu Deutschland.

Der deutsche Finanzminister kann sich freuen. Die Verschuldung des Bundes ist zwar auf Rekordhoch, doch die Zinsen, die der Staat dafür aufbringen muss, sind auf einem absoluten Tiefststand. Die Rendite für Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sank am Dienstag auf 2,51 Prozent und erholte sich auch gestern nur leicht auf 2,56 Prozent. So tief war sie in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie.

Doch das, was so positiv klingt, könnte sich schon bald zu einem Bumerang entwickeln. Denn es gibt ein unrühmliches Vorbild für diese Entwicklung: Japan. Auch dort explodierten Anfang der 90er-Jahre die Staatsschulden, und parallel dazu sanken die Renditen der Anleihen – ganz allmählich – aber unaufhörlich. „Es dauerte zehn Jahre, bis die Renditen für japanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit auf ein bis zwei Prozent gefallen waren", sagt Ciaran Ohagan von der Société Générale. „Europa könnte nun den gleichen Weg gehen, gefolgt von den USA."

Kredite werden dann noch billiger – wo ist das Problem, mag mancher denken. Doch die Renditen in Japan sanken deshalb so tief, weil das Land nach dem Platzen der Immobilienblase Ende der 80er-Jahre in eine jahrelange Deflation verfiel. Ab 1994 waren die Inflationsraten nahe null Prozent, ab 1999 sanken die Preise sogar fünf Jahre lang. Und auch danach kam es zu keiner wirklichen Trendwende.

Zwei verlorene Jahrzehnte für Japan

Parallel dazu waren die Kurse des japanischen Aktienmarktes zusammengebrochen. Von seinem Hoch bei rund 40000 Punkten Anfang 1990 stürzte der Nikkei-225-Index innerhalb weniger Monate auf 15000 Zähler. Und selbst heute, 20 Jahre danach, ist das alte Hoch in weiter Ferne. Daher sprechen viele von zwei verlorenen Dekaden für Japan, bei Investoren gilt die Tokioter Börse noch heute als verbrannte Erde, obwohl das Land nach wie vor die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt darstellt.

Der Absturz der vergangenen Monate bei den Renditen für Staatsanleihen in Deutschland, aber auch in den USA nährt nun die Furcht, dass hier Ähnliches bevorstehen könnte. Zwar überwiegt in der Bevölkerung derzeit eher die Angst vor Inflation, angesichts der enormen Summen, die Regierungen und Zentralbanken in die Wirtschaft gepumpt haben. „Aber es wird häufig vergessen, dass nicht das Drucken von Geld Inflation verursacht, sondern das Ausgeben", sagt Ad van Tiggelen, Anlagestratege bei ING Investment Management.

Und genau daran hapert es nach wie vor: Die Menschen sparen, die Banken geben immer weniger Kredite, und nun schnüren die Staaten auch noch ein Sparpaket nach dem anderen. Daher war es auch kein Zufall, dass die Renditen ihren neuen Tiefststand unmittelbar nach Verkündung der Einschnitte in den Haushalt durch die Bundesregierung erreichten.

Die Deflationsfurcht wird noch dadurch verstärkt, dass dies in einer Zeit geschieht, da die Preissteigerungsraten ohnehin schon auf einem absoluten Tiefpunkt sind. Sowohl in der Euro-Zone als auch in den USA ist die Inflation unter ein Prozent gesunken. In einigen Ländern, wie beispielsweise Portugal, Spanien und Irland, sinken die Preise sogar schon.

Schrumpfende Bevölkerung begrenzt die Nachfrage

Schließlich kommt ein weiterer Trend hinzu, bei dem Japan ein unschönes Vorbild ist, dem zumindest Europa in den kommenden Jahren aber unweigerlich folgen wird: die Alterung der Gesellschaft. In Japan sinkt die Bevölkerungszahl seit den 90er-Jahren. Und es ist kein Zufall, dass dies mit dem Beginn der wirtschaftlichen Schwierigkeiten zusammenfiel. „Einer der Gründe für die hartnäckige Deflation in Japan ist die alternde Bevölkerung", sagt Tiggelen. Denn wenn die Zahl der Einwohner schrumpft, geht auch die Nachfrage nach Produkten zurück. Folge: Der Kampf der Firmen um Marktanteile wird härter, und dies drückt auf die Preise.

Deutschland ist bei der demografischen Entwicklung jedoch nun genau da, wo Japan vor zehn oder 15 Jahren schon war, und selbst wenn nun die Geburtenrate drastisch ansteigen würde, ließe sich der Trend nicht mehr aufhalten. Nur die USA stehen im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung besser da, aufgrund der stetigen Einwanderung von Neubürgern.

Doch was bedeutet das für Anleger? Folgen Deutschland und Europa wirklich dem Vorbild Japans, so werden die Zinsen auf Jahre niedrig bleiben, mit Tagesgeld, Festgeld oder Lebensversicherungen werden Sparer dann kaum noch etwas verdienen können. Aber auch Aktienanlagen werden schwierig, wenn auch nicht völlig aussichtslos. „In Japan gab es in den vergangenen zwei Jahrzehnten drei Rallyes, bei denen die Kurse um bis zu 50 Prozent stiegen", sagt Stefan Hofrichter, Japan-Experte bei der Allianz-Tochter RCM. Geld verdienen lässt sich also mit Aktien durchaus auch in Deflationszeiten. Allerdings wird das Timing dann ein entscheidender Faktor. Aktien zu kaufen und jahrelang liegen zu lassen, wie es Investmentlegende André Kostolany einst empfohlen hatte, ist dann nicht mehr ratsam.