Deflationsängste

Superspekulant Soros wettert gegen das Sparpaket

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D.Eckert und H.Zschäpitz

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George Soros brachte 1992 das Pfund ins Straucheln. Nun attackiert der bekannteste Spekulant der Welt die Bundesregierung – und ihr Sparpaket.

Wenn George Soros spricht, spitzen nicht nur Börsianer die Ohren. Der 29-reichste Mann der Welt gilt nicht nur als der größte Spekulant aller Zeiten, sondern auch als Mann außergewöhnlichem Weitblick. Er war einer der wenigen Investoren, die ihre Vermögen in der Finanzkrise sogar noch vergrößern konnten. Laut dem amerikanischen Forbes-Magazin beläuft sich sein Privatvermögen auf elf Mrd. Dollar. Seine Einsätze sind so groß, dass er ganze Währungen ins Wanken bringen kann, wie 1992 das britische Pfund. Zuletzt sagte man ihm nach, an der Attacke auf den Euro beteilgt zu sein.

Der 79-Jährige ist damit nicht nur Investor, er ist auch eine Art Staatsmann ohne Staat. Ob in Amerika oder Europa, Soros mischt sich aktiv in die Politik ein. Im US-Präsdentschaftswahlkampf unterstützte er Barack Obama mit Millionensummen, in Europa hadert er mit deutschen Politik. Der wirft er vor, mit ihrer Obsession fürs Sparer und Stabilität den Euro und das europäische Projekt in Gefahr zu bringen. Am Enden könnte soziale Unruhen stehen. Seiner Meinung nach ist der Friede auf dem Kontinent bedroht.

Daniel Eckert und Holger Zschäpitz treffen den Großspekulanten im Berliner Adlon-Hotel beim Brandenburger Tor. Entspannt, aber hellwach empfängt er die Morgenpost-Online-Reporter in seiner Suite. Und er kommt gleich zum Thema: Die Deutschen sind dabei, einen schweren Fehler zu machen, warnt der 79jährige. Aus Angst vor der Inflation würden sie eine falsche Politik fahren, die ganz Europa ins Unglück zu stürzen droht. Dann könnten die Sparer vor noch viel schlimmeren Problemen stehen. Soros ist gekommen, um Europa vor einem Desaster zu bewahren.

Morgenpost Online: Herr Soros, der Euro hat sich zuletzt etwas erhohlt. Ist die Krise überstanden?

George Soros: Mitnichten. In Europa erleben wir das Zusammentreffen einer staatlichen Schuldenkrise und einer Bankenkrise. Die Probleme sind alles andere als gelöst. Die Bankenkrise steuert ihrem Höhepunkt er zu. Beides zusammen könnte den Kontinent in eine deflationäre Spirale stoßen.

Morgenpost Online: Aber die Europäische Zentralbank druckt doch wie wild Geld und alimentiert die Staatshaushalte mit Anleihen-Käufen. Das ist doch eher das Rezept für Inflation.

Soros: Das sind die klassischen deutschen Bedenken, die mit der jetzigen Realität nichts zu tun haben. Die ganze Währungsunion ist auf der deutschen Angst vor der Inflation aufgebaut. Es gibt aber keine Vorkehrung gegen die gegenteilige Gefahr, in der wir jetzt stehen: die Deflation. Und wenn wir in eine Deflation rutschen, ist die Gefahr einer Depression wie in den Dreißigerjahren nicht weit.

Morgenpost Online: Die Gefahr einer Depression ist also noch nicht gebannt?

Soros: Nein. Und das hängt maßgeblich mit der deutschen Politik zusammen. Berlin zwingt die anderen Staaten der Eurozone nicht nur Sparprogramme auf, sondern hat auch selbst noch einen strikten Sparkurs eingeschlagen.

Morgenpost Online: Aber was sollte Europa denn tun angesichts der hohen Verschuldung?

Soros: Es ist schlicht der falsche Zeitpunkt zu sparen. Damit löst man derzeit nur eine deflationäre Spirale aus. Wenn einzelne Regierung ihre Ausgaben schon kürzen, dann sollte wenigsten die Europäische Zentralbank die geldpolitischen Zügel weiter lockern.

Morgenpost Online: Aber der Leitzins ist doch schon auf rekordniedrigem Niveau, die EZB kauft doch bereits Staatsanleihen …

Soros: Wenn es nach mir ginge, würde die Zentralbank den Spaniern Geld zu null Zins zur Verfügung stellen. Das ist der einzige Weg. Denn das drängendste Problem ist jetzt, die Bankenkrise zu entschärfen, die dazu führt, dass die Wirtschaft nicht mehr ausreichend mit Kredit versorgt wird. Bisher sind die Deutschen dagegen, dass die EZB diesen Weg geht, dabei liegt es auch im deutschen Interesse, dass Spanien und die Banken nicht kippen.

Morgenpost Online: Aber warum soll Deutschland die ganze Eurozone retten? Es könnte sich doch auch darauf beschränken, seine Geldhäuser rauszukaufen?

Soros: Das würde Deutschland viel teurer kommen. Und politisch wäre das auch ein herber Schlag von der Europäischen Union. Ein Kollaps des Euro und des europäischen Projekts ist nicht auszuschließen.

Morgenpost Online: Hätten es die Banken nicht verdient, Pleite zu gehen – soviel Risiko, wie sie eingegangen sind?

Soros: Europas Banken sind durch Konstruktionsfehler in der Währungsunion dazu ermutigt worden, Staatsanleihen der Peripherie-Länder auf die Bücher zu nehmen. Jetzt wäre es fatal, die Institute hängen zu lassen.

Morgenpost Online: Artenschutz für die Banken?

Soros: Eine Transaktionssteuer halte ich für eine legitime Einnahmequelle, ähnlich wie die Mehrwertsteuer. Von meiner Seite keine Einwände dazu.

Morgenpost Online: Sie sprechen sich seit Jahren für eine offene Gesellschaft aus. Beunruhigt es Sie nicht, dass die erfolgreichste Volkswirtschaft der vergangen 30 Jahre eine autoritäre Gesellschaft ist, nämlich China?

Soros: Das beunruhigt mich in der Tat. Aber China hat es geschafft, die klügsten Köpfe des Landes in den Staatsdienst zu holen, wo sie die Wirtschaft auf wirklich sehr erfolgreiche Weise managen. Meine Hoffnung ist, dass sich China mit zunehmendem Wohlstand öffnet. China und Deutschland haben übrigens eine Gemeinsamkeit: Beide Nationen sind große Volkswirtschaften, die ihre Führungsrolle nicht wahrnehmen.