Energiekrise

AdBlue für Diesel wird knapp: Leere Supermarktregale drohen

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Beate Kranz
Scholz: Deutschland wird durch diese schwierige Zeit kommen

Scholz- Deutschland wird durch diese schwierige Zeit kommen

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat sich zuversichtlich gezeigt, dass das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung den Menschen helfen wird, die derzeitigen Herausforderungen zu bewältigen.

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AdBlue wird knapp. Ohne den Zusatzstoff können Millionen Lastwagen, Busse und Autos nicht fahren. Bleiben jetzt Supermarkt-Regale leer?

Berlin. Die Gaspreisexplosion hinterlässt in der Wirtschaft immer tiefere Spuren. Angesichts der drastisch gestiegenen Preise infolge des Ukraine-Kriegs könnte schon bald der dringend benötigte AdBlue-Zusatzstoff für Dieselfahrzeuge knapp werden. Betroffen wären Hunderttausende Fahrzeuge: Lastwagen, Busse und Pkw.

Der Grund: Europaweit drosseln Unternehmen die Produktion. Der größte deutsche Hersteller von AdBlue hat bereits die Produktion eingestellt. AdBlue fällt als Nebenprodukt in der Düngemittel-Herstellung an. Angesichts der drastisch gestiegenen Gaspreise rentiert sich die Produktion jedoch nicht mehr für die Hersteller.

Der Bundesverband für Güterverkehr und Logistik (BGL) warnt bereits davor, dass Tausende Lastwagen bald nicht mehr fahren könnten. „Ohne AdBlue stehen die meisten Lkw still – es drohen leere Supermarktregale“, sagte der BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt unserer Redaktion. Die Knappheit könnte schon in etwa zwei Wochen eintreten.

Der Preis für AdBlue hat sich seit 2021 bis August bereits vervierfacht und dürfte im September zu weiteren Höhenflügen ansetzen, so der BGL. Ein Lastwagen braucht etwa 1,5 Liter AdBlue je 100 Kilometer.

Kein AdBlue für Diesel: Vier von fünf Bussen müssten stillstehen

In Sorge sind auch die Busunternehmen. „Ohne die Dieselbeimischung AdBlue müssen vier von fünf Bussen in Deutschland stillliegen“, warnt die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmen (bdo), Christiane Leonard.

Bei den knapp 3000 privaten und mittelständischen Busunternehmen in Deutschland wären rund 65.000 Busse betroffen. „Damit werden in kürzester Zeit die Busverkehre in weiten Teilen Deutschlands – und damit die öffentliche Daseinsvorsorge – zusammenbrechen.“ Betroffen wären auch die Schulverkehre in ländlichen Räumen.

Im Pkw-Verkehr brauchen etwa 10 Prozent aller rund 14,8 Millionen zugelassenen Dieselautos AdBlue, sagte ADAC-Sprecherin Katharina Luca: „Wenn der AdBlue-Tank leer ist, kann das Auto nicht mehr fahren.“

Moderne Diesel der Abgasnorm Euro 6 brauchen etwa drei bis fünf Liter AdBlue je 100 Liter Diesel. Die Preise variieren stark, je nachdem an welcher Tankstelle der Stoff eingefüllt wird oder ob er im Kanister im Handel gekauft wird. Der ADAC rät Dieselfahrern, den AdBlue-Tank beim nächsten Tanken zu füllen oder sich eine kleine Reserve anzulegen.

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AdBlue ist eine Harnstofflösung, die für die Abgasnachbehandlung in modernen Fahrzeugen mit Dieselmotor eingesetzt wird. Sie bewirkt, dass ausgestoßene Stickoxide um bis zu 90 Prozent reduziert werden – und zwar bei Lastwagen und Pkw. Ist der AdBlue-Tank in einem Diesel-Fahrzeug leer, verweigert die Motorsteuerung einen Neustart. Die Folge: Das Fahrzeug bleibt stehen.

AdBlue: Rund 90 Prozent der Lastwagen brauchen den Stoff

Im Güterverkehr fahren 90,75 Prozent aller rund 750.000 bis 800.000 Lastwagen auf deutschen Autobahnen und Bundesstraßen mit der Euro 6 Norm, wie aus der Mautstatistik des Bundesamts für Güterverkehr für Juli hervorgeht. „Diese benötigen zwingend AdBlue“, sagte Engelhardt. „Seitdem der größte AdBlue-Produzent in Deutschland die Produktion eingestellt hat, läuft die Uhr.“

Bissig stellt der Verbandschef die Frage: „Sind die AdBlue-Reserven bei Händlern und Transportunternehmen aufgebraucht noch bevor die Bundesregierung den Ernst der Lage erkennt und geeignete Gegenmaßnahmen ergreift?“

Der Verband hat sowohl das Klima- als auch das Verkehrsministerium in einem Schreiben zum Handeln aufgefordert und darum gebeten, kurzfristig einen „Runden Tisch AdBlue“ einzuberufen. Ziel sei es, ein verlässliches Bild der Lage zu erhalten und möglicher staatliche Maßnahmen zu ergreifen. Doch bislang hat der Verband noch keine Rückmeldung aus den Ministerien erhalten.

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Angesichts der explodierenden Erdgas-Preise und der Drosselung der Produktion zeichne sich aktuell ein „großes Problem für die Logistikwirtschaft und damit für das Aufrechterhalten der Versorgungssicherheit ab“. Wäre AdBlue nicht mehr verfügbar, stünde die Mehrheit der Lastwagen und Busse still, warnt der Verband. „Die Lieferketten wären damit akut gefährdet, die Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen nicht mehr sicher.“

AdBlue: Größter Düngemittelproduzent stellt Produktion ein

Die Lage spitzt sich zu, seitdem einer der größten Düngemittelproduzenten in Deutschland seine Ammoniakproduktion eingestellt hat. Dabei handelt es sich um die SKW Stickstoffwerke Piesteritz in Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Mit dem Betrieb würde man aktuell in einem Monat so viel verlieren, wie man vormals in einem Jahr Gewinn erzielt habe, begründete ein Firmensprecher den Stopp.

Schuld daran seien die extrem hohen Gaspreise. Für die zusätzliche Gasumlage müsse das Unternehmen allein geschätzt 30 Millionen Euro bezahlen. Denn das Werk benötige für die Produktion sehr viel Gas. Durch den Produktionsstopp fehlt nicht nur AdBlue für den Markt, sondern auch Düngemittel für die Landwirtschaft. Die SKW gilt in Deutschland als größter Produzent von Ammoniak und Harnstoff und gehört zu dem tschechischen Konzern Agrofert.

Der Tankstelleninteressenverband (TIV) erwartet angesichts der aktuellen Situation massive Preissteigerungen. „Bei einzelnen Mitgliedern ist der aktuelle Preis bereits von 1,649 Euro auf 2,049 Euro je Liter gestiegen“, sagte der TIV-Sprecher Herbert Rabl.

Da Gas für AdBlue benötigt wird und der Gaspreis in dieser Woche extrem gestiegen ist, erwarten Pächter, dass AdBlue sich in dieser Woche noch um bis zu 40 Prozent verteuern dürfte. „Das wird sich wohl auch innerhalb der nächsten Tage an den Tankstellen niederschlagen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.