Verkehr

Verbrenner-Aus und neue Fabrik: Wird die Straße elektrisch?

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Tobias Kisling
EU-Parlament stimmt für Ende des Verbrennungsmotors

EU-Parlament stimmt für Ende des Verbrennungsmotors

Ein Ende des Verbrennungsmotors für Priv at-Pkw ist wahrscheinlicher geworden. Das EU-Parlament stimmte am Mittwoch in Straßburg dafür, ab 2035 nur noch Privat-Pkw und leichte Nutzfahrzeuge ohne Diesel- oder Benzinantrieb neu zuzulassen.

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Ab 2035 sollen Neuwagen in der EU emissionsfrei sein. Was aber ist mit Lkw und Bussen? Dort nimmt die E-Mobilität nun erst Fahrt auf.

Berlin. Es war ein zähes Ringen: 16 Stunden lang stritten die Umweltministerinnen und -minister der 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union bis tief in die Nacht zum Mittwoch. Am Ende stand ein Kompromiss: Neue Pkws und Vans müssen in der EU ab 2035 emissionsfrei sein.

Für den herkömmlichen Diesel- oder Benzinmotor bedeutet die Einigung wohl das finale Aus. Gänzlich am Ende wäre der Verbrennungsmotor aber womöglich noch nicht: Sogenannte E-Fuels, also synthetische Kraftstoffe, könnten auch in Zukunft noch getankt werden.

Verbrennerverbot: Synthetische Kraftstoffe könnten erhalten bleiben

Innerhalb der Bundesregierung hatte vor allem die FDP für den Einsatz von E-Fuels gestritten. Die Vereinbarung der EU-Minister lässt diese Möglichkeit offen, die Bundesregierung erwartet, dass die EU-Kommission einen Vorschlag zur Nutzung der klimafreundlichen Kraftstoffe unterbreitet. Ein finaler Kompromiss muss ohnehin noch mit dem EU-Parlament erarbeitet werden.

Unabhängig davon, wie die Entscheidung zu den E-Fuels fällt, steht fest, dass der Fokus auf der Elektromobilität liegen wird. Zuletzt war rund jedes siebte neuzugelassene Auto in Deutschland ein Stromer, jedes neunte neu zugelassene Auto war ein Plug-In-Hybrid.

Bei Lkws dominiert nach wie vor der Dieselmotor

Die üppige Förderung hat viele vom Kauf überzeugt, die hohen Spritpreise gaben bei so manchem Unentschlossenen den endgültigen Ausschlag. Elektrisch ist die Straße damit aber noch lange nicht. Und selbst wenn die Autos irgendwann mehrheitlich elektrisch fahren sollten, sind Pkw und Motorräder lediglich für 62 Prozent der Emissionen im Straßenverkehr in der EU verantwortlich.

Mehr als ein Drittel aller Emissionen entfällt aber auf die Nutzfahrzeuge, also beispielsweise Busse und Lkw. Und dort dominiert nach wie vor der Dieselmotor.

CO2-Emissionen der Nutzfahrzeuge sind deutlich gestiegen

Rund 3,5 Millionen Lkws sind derzeit auf Deutschlands Straßen unterwegs, 3,3 Millionen von ihnen fahren mit einem Dieselantrieb, circa 155.000 sind Benziner. Gerade einmal rund zwei Prozent der Flotte fahren heute schon mit alternativen Antrieben. Das wird zunehmend zum Problem.

Zwar ist auch die Technik der Lkws deutlich besser geworden als noch vor einigen Jahren, die individuellen CO2-Ausstöße sind gesunken. Weil aber der Frachtverkehr seit Jahren steigt, haben sich absolut gesehen die Emissionen immer weiter erhöht. Laut Daten des Umweltbundesamtes sind die CO2-Emissionen im Straßengüterverkehr gegenüber dem Jahr 1995 in Summe um 17 Prozent gestiegen.

MAN will neue Batteriefabrik bauen

Doch es tut sich was. Am Mittwoch kündigte der Lkw- und Busbauer MAN den Bau einer neuen Batteriefabrik in Nürnberg an. 100 Millionen Euro wird sich MAN den Bau kosten lasten, 350 Arbeitsplätze sollen so gesichert werden. 30 Millionen Euro schießt zudem das Land Bayern für die Forschung an neuen Technologien bei. Schon im kommenden Jahr soll die Batterieproduktion starten.

Ab 2025 sollen dann in Großserienproduktion 15.000 Batterien produziert werden, bis 2030 doppelt so viele. Auch das Reichweitenproblem soll dann bald der Vergangenheit angehören: „Die mit den ersten in Nürnberg produzierten Batterien ausgestatteten Lkw werden eine Reichweite von 600 bis 800 Kilometer haben“, sagte MAN-Chef Alexander Vlaskampim Gespräch mit unserer Redaktion. Ab 2026 werde die Reichweite auf über 1000 Kilometer steigen.

Zahl der Batteriefabriken in Deutschland wächst

Die millionenschwere neue Fabrik dürfte auch eine Reaktion auf die Konkurrenz sein: Bereits im Mai hatte der weltgrößte Lkw-Bauer Daimler Truck Anteile am Batteriespezialisten Manz erworben, um in Mannheim Batteriezellen und Akkus fertigen zu lassen.

Die eigene Batterieproduktion wird sowohl für Auto- als auch Lkw-Bauer zunehmend zum ausschlaggebenden Wettbewerbskriterium. Bei der Fertigung für Pkw-Zellen verläuft die Entwicklung rasant. Tesla baut bei seiner neuen Gigafactory in Grünheide ein Batteriewerk, Volkswagen zieht in Salzgitter eine hochmoderne Fertigungsanlage hoch, Northvolt plant eine große Anlage in Heide in Schleswig-Holstein, BMW produziert Batterien in Leipzig, Mercedes-Benz im sächsischen Kamenz, Opel-Mutter Stellantis und Mercedes-Benz arbeiten gemeinsam an einer Fabrik in Kaiserslautern und SVOLT zieht Batteriefabriken im Saarland in die Höhe. Aus dem thüringischen Arnstadt heraus beliefert zudem der chinesische Batteriespezialist CATL gleich mehrere Autobauer mit Batteriezellen.

MAN befindet sich in Umstrukturierung

Für MAN ist die neue Fabrik auch eine Flucht nach vorne: Tausende Stellen fielen im Münchener Unternehmen zuletzt weg, das Werk im österreichischen Steyr musste verkauft werden. Unter dem Dach von Volkswagen-Tochter Traton, zu der neben MAN beispielsweise auch Scania gehört, ging es alles andere als harmonisch zu.

Die Folgen waren im vergangenen Jahr ein großes Stühlerücken: Erst musste Traton-Chef Matthias Gründler gehen, Scania-Chef Christian Levin übernahm. Im November war dann auch Schluss für MAN-Chef Andreas Tostmann, der frühere Scania-Manager Vlaskamp übernahm.

EU-Gesetzgebung könnte dem E-Lkw zum Durchbruch verhelfen

Der gebürtige Niederländer soll den Lkw-Bauer voll auf die Elektromobilität trimmen. Es ist kein einfaches Vorhaben, denn Lkw-Käufer kalkulieren in der Regel sehr rational. „In der Anschaffung ist ein Elektro-Lkw derzeit drei- bis viermal so teuer wie ein vergleichbares Dieselfahrzeug“, sagt Vlaskamp.

Aber schon in drei, vier Jahren könnten sich die Preise angleichen, rechnet der MAN-Chef vor. Denn ab 2025 muss auch der Transportsektor seinen CO2-Ausstoß zwingend sinken, so sieht es die europäische Gesetzgebung vor. Ab 2027 rechnet Vlaskamp damit, dass dann der Emissionshandel auf den Verkehrssektor ausgedehnt wird. Dies werde der der Elektromobilität bei Lkws zum Durchbruch verhelfen, glaubt der MAN-CEO.

Daimler Truck arbeitet an Wasserstoff-Truck mit 1000 Kilometern Reichweite

Dass sich am Ende die Elektrobatterie bei den Nutzfahrzeugen durchsetzt, ist allerdings keineswegs ausgemacht. Auch die Wasserstoffzelle ist nach wie vor ein heißer Anwärter, um den klimaneutralen Verkehr der Zukunft zu ermöglichen.

In dieser Woche stellte Daimler Truck Pläne für einen mit Wasserstoff angetriebenen Test-Lkw vor, der eine Reichweite von 1000 Kilometern haben soll. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer rechnet allerdings damit, dass die Batterie früher den Durchbruch schaffen wird. Das Wasserstofftankstellennetz sei noch nicht stark ausgebaut, sagte Dudenhöffer unserer Redaktion.

Lkws sind in diesem Jahr bereits ausverkauft

Das allerdings trifft auch auf das Ladesäulennetz für Nutzfahrzeuge zu. MAN-Chef Vlaskamp sieht die Politik in der Pflicht, die richtigen Rahmenbedingungen für einen schnellen Ausbau zu treffen. Nur: Wird für die entsprechende Förderung noch Geld da sein, wenn ab dem kommenden Jahr die Schuldenbremse wieder gelten soll und durch die Energiekrise soziale Härten drohen, die abgefedert werden müssen? „Natürlich wird die Aufgabe dadurch nicht einfacher“, meint Vlaskamp.

Immerhin: Noch macht der Krieg in der Ukraine den Plänen des Lkw-Bauers keinen Strich durch die Rechnung – trotz der Aussicht auf eine drohende Rezession. Gerade erst hatte Daimler Truck mitgeteilt, dass Lkws für das Jahr ausverkauft sind. Nun sagt Vlaskamp: „Auch bei MAN sind wir bei den Lkws für das laufende Jahr ausverkauft. Und die Nachfrage für das kommende Jahr ist ebenfalls noch sehr groß.“ Noch aber werden diese Fahrzeuge vor allem mit Dieselmotor verkauft.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.