Interview

Ukraine-Krieg: Warum man derzeit keinen Handwerker bekommt

| Lesedauer: 10 Minuten
Tobias Kisling und Beate Kranz
Solarenergie: So funktionieren Solaranlagen

Solarenergie- So funktionieren Solaranlagen

Solaranlagen gelten als umweltfreundlich und werden genutzt, um Energiekosten zu sparen. So funktionieren die blauen Platten auf den Dächern.

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Die Ampel-Koalition will Deutschland schnell energieeffizienter machen. Doch Handwerkspräsident Wollseifer bremst die Erwartungen.

Berlin. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine will sich Deutschland im Eiltempo unabhängig von russischer Energie machen. Häuser sollen saniert, Solaranlagen montiert und Windräder gebaut werden. Aber gibt es überhaupt genügend Handwerker, um diese Ziele zu erreichen? Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), bremst die Erwartung – und stellt Verbraucher auf lange Wartezeiten ein.

Herr Wollseifer, durch den Krieg in der Ukraine und die strikte Null-Covid-Politik in China sind die Lieferketten erneut zusammengebrochen, es mangelt den Betrieben an Material. Wie ist die Situation im Handwerk?

Hans Peter Wollseifer: Bei fast allem, was zum Hausbau gebraucht wird, ist die Versorgungslage extrem eng: Die Stahllager sind leer, Dämmstoffe gibt es nur sporadisch. Aber nicht nur der Bau ist betroffen. Der Technik fehlen Halbleiter, unsere Bäcker haben Lieferengpässe bei den Rohstoffen. Hinzu kommen die Preissteigerungen und die Inflation. Gut 40 Prozent unserer Betriebe berichteten schon Anfang Mai von Umsatzeinbußen. Und es ist seitdem nicht besser geworden. Jeder zweite Betrieb sagt, dass sich seine Energiekosten verdoppelt haben. Eines steht jedenfalls fest: Die Konjunktur im Handwerk wird in diesem Jahr sicher nicht durchstarten.

Dabei soll das Handwerk laut Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine Schlüsselrolle einnehmen, um die Deutschen zum Energiesparen zu bringen. Gebäude sollen im Eiltempo saniert, Solaranlagen installiert werden. Können Sie das leisten?

Wollseifer: Dem Handwerk in Deutschland fehlen mindestens eine Viertelmillion qualifizierte Fachkräfte. Jedes Jahr bleiben 15.000 bis 20.000 Ausbildungsplätze, die unsere Betriebe anbieten, unbesetzt. Wir haben jahrelang vor der Misere gewarnt – aber erst jetzt scheint man zu verstehen, dass es die Klima-, Energie- oder Mobilitätswende und auch die Antwort auf die alternde Gesellschaft nur mit dem Handwerk geben wird. Es wird nicht reichen, nur Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. Wir müssen ausbilden. Das Handwerk tut bereits, was möglich ist. Doch ohne die Unterstützung der Politik wird es nicht gehen.

Was muss passieren?

Wollseifer: Es rächt sich jetzt, dass sich die Politik jahrzehntelang auf die Akademisierung konzentriert und die berufliche Bildung vernachlässigt hat – auch finanziell. Ohne Frage: Wir brauchen gute Akademiker, aber eben auch gute berufspraktische Fachkräfte. Wir brauchen dringend eine Bildungswende, damit Klima- und Energiewende gelingen können. Es muss gesetzlich festgeschrieben werden, dass berufliche und akademische Bildung gleichwertig ist. Danach muss die Politik dann auch handeln. In den vergangenen Jahren sind Milliarden in den Hochschulbereich geflossen. Es gibt exzellent ausgestattete Universitäten und Studentenwohnheime.

Der Zustand in den Berufsschulen dagegen ist nicht gut, Azubi-Wohnheime sind keine Selbstverständlichkeit. Studenten können kostenlos studieren, für die Meisterprüfung müssen die Absolventinnen und Absolventen vielfach immer noch selbst Geld in die Hand nehmen. Es herrscht im Bildungsbereich eine Zweiklassengesellschaft. Damit muss Schluss sein. Unsere beruflichen Ausbildungszentren und die Berufsschulen müssen so gut ausgestattet werden wie Universitäten, Azubis müssen bei den Abgaben entlastet werden.

Kurzfristig löst das den Fachkräftemangel nicht. Sind die Vorgaben der Ampel-Koalition für das Handwerk überhaupt leistbar?

Wollseifer: Wir sind überzeugt, dass die Anstrengungen im Umwelt- und Klimaschutz und für die Unabhängigkeit bei den Energieimporten der richtige Weg sind und – so ehrlich muss man auch sein – das bringt dem Handwerk auch Aufträge. Allerdings weiß die Regierung, dass wir zurzeit nicht leisten können, was die Politik sich vornimmt. Fehlende Handwerker, mangelnde Materialien, explodierende Kosten stehen etwa dem Ziel entgegen, 400.000 neue Wohnungen pro Jahr zu bauen. Wo es möglich ist, brauchen wir Übergangslösungen.

Woran denken Sie?

Wollseifer: Etwa an Lösungen bei den Wärmepumpen. Wir müssen nicht jede Öl- und Gasheizung sofort durch eine Wärmepumpe ersetzen, sondern können die Wärmepumpe neben die bestehende Heizung installieren. In den Monaten März bis Oktober würde dann nur noch mit Wärmepumpe geheizt und das Warmwasser erhitzt werden. In den Wintermonaten könnte mit Gas zugeheizt werden – so könnten wir den Wärme- und Gasbedarf senken.

Das geht gerade auch bei Altbauten. Dort nutzt man dann keine Radiatoren, sondern eine Art Elektrowandheizung, die auftapeziert und mit einer Wärmepumpe gespeist wird. Solche Heizungen kann man an den Wänden und Decken anbringen – und so Altbauten versorgen. Die Industrie ist nun in der Pflicht, Wärmepumpen und Wärmeflächenheizungen zu verbinden. Das Montieren, Warten und Reparieren leistet das Handwerk.

Die Bundesregierung will den Wärmepumpenausbau mit finanziellen Anreizen für die Betriebe fördern. Haben im Umkehrschluss Kunden von Gasheizungen in den kommenden Wochen überhaupt noch eine Chance auf einen Handwerker?

Wollseifer: Wenn ein Rohr platzt oder die Elektrik ausfällt, dann bekommt man auch einen Installateur für Noteinsätze. Wer aber beispielsweise ein Solarpanel für sein Dach möchte, sollte damit rechnen, dass er vor Dezember keinen Handwerker bekommt. Es gibt die Produkte in der Menge nicht so schnell, und die Aufträge stauen sich.

Wie lange müssen Kunden derzeit auf Handwerker warten?

Wollseifer: Derzeit muss man zwei bis drei Monate warten, bis ein Handwerker kommt.

Was bedeutet der Mangel für das Wachstum im Handwerk?

Wollseifer: Schon jetzt geraten Betriebe in ein Minusgeschäft, wenn sie sich mit Aufträgen über mehrere Monate gebunden haben und nun die Preise explodieren. Auf der anderen Seite stornieren Kunden angesichts der Preisentwicklung ihre Aufträge. Trotzdem sind die Bücher voll, wir könnten mehr machen, wenn wir mehr Personal hätten.

Wenn die Energieversorgungssicherheit gewährleistet bleibt, sich die Lieferkettenprobleme bessern und uns im Herbst die Corona-Pandemie keinen Strich durch die Rechnung macht, könnte das Handwerk nominal fünf bis sechs Prozent wachsen. Real wird die Entwicklung allerdings von der Inflation komplett aufgefressen werden.

Haben die Firmen die Kosten bereits an die Kunden weitergegeben – oder werden sie es erst noch tun?

Wollseifer: Natürlich müssen unsere Betriebe – sofern sie es können – Materialpreiserhöhungen weitergeben, wenn sie wirtschaftlich bleiben wollen. Minusgeschäfte kann sich auf Dauer kein Betrieb leisten. Die Privatkunden haben dafür oftmals Verständnis. Bei öffentlichen Auftraggebern sieht das eher anders aus. Nur bei rund 10 Prozent der öffentlichen Auftraggeber können wir eine Preisgleitklausel vereinbaren. Das Entgegenkommen bei kommunalen Aufträgen ist leider sehr begrenzt.

Müssen sich Verbraucher auf höhere Brot- und Fleischpreise einstellen?

Wollseifer: Bei den Brötchen erleben wir bereits deutliche Preissprünge – die teils verdoppelten Einkaufspreise für Rohstoffe und Heiz- und Energiekosten schlagen sich natürlich in der Preiskalkulation nieder. Sollten sich die Preise für Nahrungsmittelrohstoffe und die Energie noch weiter verteuern, sind weitere Preissprünge für Backwaren, Fleisch und Lebensmittel zu erwarten.

Was passiert im Handwerk, wenn Putin den Gashahn zudreht?

Wollseifer: Das wäre schlichtweg eine Katastrophe. Hochöfen und Glaswannen würden kaputtgehen. Stünde ein Betrieb wie BASF still, wären nicht nur die dort Beschäftigten betroffen, auch das Handwerk würde es spüren, bekäme etwa keine Dämmstoffe oder Farben mehr.

Was halten Sie angesichts solcher Szenarien von einem Ölboykott?

Wollseifer: Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Unsere Betriebe und die Gesamtwirtschaft brauchen eine stabile und valide Versorgung mit bezahlbarer Energie. Aber natürlich sehen wir, was in der Ukraine passiert – und wir müssen den Druck erhöhen. Wir tragen die Sanktionen mit – wohlwissend, dass das für uns alle und auch für unsere Betriebe spürbare Folgen hat.

In dieser Woche stimmt der Bundestag über den Mindestlohn ab. Wie stehen Sie zu der geplanten Erhöhung auf 12 Euro?

Wollseifer: Ich finde den Eingriff sehr problematisch. Lohnentwicklungen sollten von den Sozialpartnern über Tarifverträge ausgehandelt werden. Wenn nun der Sündenfall passiert, wird der Mindestlohn endgültig politisiert, dann ist zu befürchten, dass das immer wieder vorkommt – und die Arbeit der Mindestlohnkommission im schlimmsten Fall obsolet macht. Die Mindestlohnkommission hat gute Arbeit geleistet. Der politische Eingriff war unnötig und ist der falsche Weg.

Sollte es nicht im Interesse des Handwerks sein, dass die Beschäftigten gut bezahlt werden?

Wollseifer: Die allermeisten unserer Beschäftigten werden nach Tarif deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn bezahlt. Kommt nun die Erhöhung auf 12 Euro, ist das ein Eingriff in etliche Tarifverträge des Handwerks. Die Auswirkungen sind enorm, wie etwa die erste Tarifrunde bei den Gebäudereinigern deutlich zeigt, wo die Gewerkschaften mit Lohnforderungen von Plus 19 Prozent aufgetreten sind. Das können Kleinbetriebe nicht verkraften.

Diese Folgeentwicklung, wonach nicht allein der Mindestlohn, sondern auch die anderen Tarife erhöht werden, setzt eine Lohn-Preis-Spirale in Gang, die auch die Inflation anheizt. Hinzu kommt, dass die Betriebe bei Midijobs einseitig stärker belastet werden und künftig bis zu 28 statt bisher 20 Prozent Sozialversicherungsbeitrag leisten müssen. Das verteuert Teilzeitbeschäftigung. Das alles kommt zu einer Zeit, in der die Betriebe diese Belastungen nur schwer stemmen können.

Konnten Sie schon Ukraine-Flüchtlinge als Beschäftigte gewinnen?

Wollseifer: Zunächst einmal fehlen männliche Beschäftigte, die zurück in die Ukraine gegangen sind, um dort zu kämpfen. Gekommen sind viele Frauen, davon mehr als die Hälfte mit Kindern. Wir brauchen nun Kitas und Schulplätze, Integrations- und Sprachkurse. Dann können wir die Frauen auch direkt beschäftigen.