Fluggesellschaft

Zwei Jahre nach Rettung: Lufthansa fliegt aus der Krise

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Alexander Klay
Ein Lufthansa-Jumbo kurz vor der Landung am Flughafen Frankfurt: Der Konzern lässt die Corona-Krise hinter sich.

Ein Lufthansa-Jumbo kurz vor der Landung am Flughafen Frankfurt: Der Konzern lässt die Corona-Krise hinter sich.

Foto: imago stock / IMAGO/Arnulf Hettrich

Krise adé: Zwei Jahre nach der Beinahe-Insolvenz lässt die Lufthansa die Pandemie hinter sich. Doch jetzt droht Streit mit den Piloten.

Berlin. Bei Kaviar und Champagner in der ersten Klasse von San Francisco nach Frankfurt jetten und wieder zurück – dieses Erlebnis kostet bei der Lufthansa aktuell 24.000 Dollar (22.500 Euro). Wenn man überhaupt ein Ticket bekommt. Gerade die teuersten Reiseklassen First und Business sind in diesem Sommer häufig ausverkauft, sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr vergangene Woche vor Fachleuten in der US-Hauptstadt Washington.

Die Menschen wollen wieder verreisen. Und wer es sich leisten kann, gönnt sich etwas.

Lufthansa schafft das Comeback nach der Corona-Pandemie

Europas größter Airline-Konzern, der vor zwei Jahren zu Beginn der Corona-Pandemie vom Staat gerettet werden musste, fliegt sich in hohem Tempo aus der Krise. Schon vor 2025, viel früher als erhofft, könnte der tiefe Einbruch überwunden sein, so Spohr. Der groß gewachsene Konzernlenker, 55, strotzt wieder vor Energie.

Rückblende: Am 25. Mai 2020 ­bietet die Bundesregierung dem schwer angeschlagenen Konzern ein Neun-Milliarden-Euro-Rettungspaket an. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie liegt der Luftverkehr über Wochen weltweit brach. Fast alle Flieger bleiben am Boden. Die Kranich-Airline mit damals rund 140.000 Beschäftigten ist wie viele andere auch akut von der Insolvenz bedroht.

Die Milliarden verhindern das Schlimmste – doch ob das Geschäft angesichts des Booms der Videokonferenzen jemals wieder so läuft wie früher, ist fraglich.

Schreibt Lufthansa 2022 wieder schwarze Zahlen?

Diese Sorgen sind heute verflogen. „Wir haken die Krise jetzt mental ab und gehen wieder in die Offensive“, sagt Spohr Anfang Mai bei der Vorlage der Quartalszahlen. Fluggesellschaften seien keine „Bankrottindustrie“ mehr. Von Anfang Januar bis Ende März verdoppelte der Airline-Konzern seinen Umsatz im Jahresvergleich auf 5,7 Milliarden Euro.

Der Verlust halbierte sich von einer Milliarde auf 584 Millionen Euro. Rote Zahlen sind in der Branche im Winter auch ohne Pandemie üblich. Spohr wagt öffentlich aber noch keine Prognose, ob es der Konzern mit seinen Marken Lufthansa, Swiss, Austrian, Brussels und Eurowings im Gesamtjahr in die schwarzen Zahlen schafft. Mehr zum Thema: Kann das Fliegen wirklich grüner werden?

Flugreisen: Weniger Geschäftsreisende, mehr Touristen

Zu unsicher ist die Geschäftslage noch. Vor allem große Konzerne schicken ihre Beschäftigten weiterhin nicht auf so viele Dienstreisen wie vor der Pandemie. Reisen in wichtige asiatische Länder sind wegen Einreisebeschränkungen weiterhin kaum möglich. Und der Krieg in der Ukraine treibt den Kerosinpreis in die Höhe.

Tatsächlich sitzen in den Kranich-Jets heute weniger Geschäftsreisende als vor der Pandemie, dafür mehr Touristen. Deshalb hat der Konzern im vergangenen Jahr den neuen Ferienflieger Eurowings Discover an den Start gebracht. Mit dem Fokus auf touristische Angebote will Spohr in diesem Sommer in Europa 95 Prozent des Vorkrisenniveaus erreichen. Der auf 104.000 Mitarbeitende geschrumpfte Konzern sei jetzt „flexibler, effizienter und schlagkräftiger als vor der Pandemie“.

Inzwischen strotzt Lufthansa ­wieder so vor Stärke, dass sich die Airline einen milliardenschweren Einkauf beim US-Flugzeugbauer Boeing geleistet hat. Zudem beteiligt sich der Konzern am Übernahmepoker um Ita, den sanierten Nachfolger der italienischen Pleitefluggesellschaft Alitalia. An diesem Montag endet die Angebotsfrist. Lufthansa tritt gemeinsam mit der Schweizer Großreederei MSC an. Spohr war kürzlich auf Werbetour in Rom.

Mit im Rennen sind der US-Luftfahrtinvestor Indigo, der hinter dem ungarischen Billigflieger Wizz Air steht, Air France und der US-Riese Delta. Favorit ist laut Branchenkennern: Lufthansa. Weiterlesen: Urlaub wird teurer: Flugbranche erwartet steigende Preise

Kündigungen bei Germanwings – trotz Personalmangel?

Doch nicht überall im Konzern herrscht in Erwartung des Sommers eitel Sonnenschein. 280 Pilotinnen und Piloten der im April 2020 eingestellten Lufthansa-Tochter Germanwings erhielten vergangene Woche betriebsbedingte Kündigungen.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit nannte den Vorgang „sozial unverantwortlich und aus unternehmerischer Sicht vollkommen unsinnig“. Überall im Konzern fehle Personal für den Neustart nach der Pandemie. So viel, dass Flugzeuge am Boden bleiben müssten.

Lufthansa hat immer noch über 14 Milliarden Euro Schulden

Betroffen seien die Kernmarke Lufthansa, aber auch die Töchter Eurowings und Eurowings Discover. Durch „bewusstes Fehlmanagement“ werde „viel Umsatz liegen gelassen, der dringend für die finanzielle Erholung des gesamten Unternehmens benötigt wird“, klagt die Gewerkschaft. Stattdessen miete der Konzern Flugzeuge samt Besatzung bei der Konkurrenz, wie etwa Air Baltic und Tuifly. Mehr zum Thema: Macht der Corona-Stillstand das Fliegen gefährlicher?

Hinzu kommt der enorme Schuldenberg des Konzerns. Zwar konnte Lufthansa die deutschen Staatshilfen schnell zurückzahlen – musste sich dafür aber Geld am Kapitalmarkt besorgen. Die Bilanz für das Jahr 2021 weist einen Schuldenstand von 14,4 Milliarden Euro aus. Linderung sollen der Verkauf des internationalen Cateringgeschäfts LSG, einer Minderheit der Wartungstochter Lufthansa Technik und des Kreditkartengeschäfts Airplus bringen.

Dieser Artikel ist zuerst auf abendblatt.de erschienen.