Standortentscheidung

Nach Tesla kommt Intel: US-Konzern will Chipfabrik bauen

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Tobias Kisling und Beate Kranz
"Chips Act": Booster für Europas Halbleiter-Industrie

Chips Act - Booster für Europas Halbleiter-Industrie

Europa soll unabhängiger von der Halbleiter-Industrie Asiens werden - dafür will die EU-Kommission mit dem sogenannten Chips Act rund 43 Milliarden Euro an öffentlichen Investitionen freimachen.

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Das neue Tesla-Werk war ein Coup. Nun zieht es mit Intel einen weiteren US-Konzern nach Deutschland. Das steckt hinter den Plänen.

Berlin. Nach dem rekordverdächtig schnellen Bau des neuen Tesla-Werks im brandenburgischen Grünheide nahe Berlin darf sich der Industriestandort Deutschland mitten in der Ukraine-Krise über zwei weitere große Erfolge für den Hightech-Standort Deutschland freuen: Der US-Konzern Intel will in Magdeburg gleich zwei Halbleiterfabriken für insgesamt 17 Milliarden Euro bauen – und 3000 High-Tech-Arbeitsplätze schaffen.

Der schwedische Batterieproduzent Northvolt plant unterdessen eine Batteriezellfertigung für die Elektromobilität in der Nähe der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Heide und möchte dort ebenfalls 3000 neue Arbeitsplätze entstehen lassen.

Intel: Wirtschaftsminister Habeck hält Investition für wichtigen Impuls

Sowohl die Landesregierungen als auch die Ampel-Koalition zeigen sich über die Entscheidungen der Konzerne höchsterfreut. Die Intel-Investition sei ein wichtiger Impuls für die Wirtschaft in einer schwierigen Zeit, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Die Investition sei „ein zentraler Sprung für die digitale Souveränität Europas“.

Die Bundesregierung hatte den Ansiedlungsprozess eng mit dem Land Sachsen-Anhalt begleitet, so der Grünen-Politiker. Ziel sei es, Lieferketten und die Produktion von Halbleitern in Deutschland und Europa wettbewerbs- und widerstandsfähiger zu machen, um unabhängiger von globalen Lieferketten zu werden.

Northvolt plant Werk in Schleswig-Holstein

Auch die Northvolt-Entscheidung sei für „sein Heimatland“ ein „starkes Signal“, sagte Habeck, der zuvor Umweltminister in Schleswig-Holstein war. „Es zeigt sich auch: Erneuerbare Energien vor Ort sind inzwischen ein entscheidender Standortfaktor. Wer viel Erneuerbare ausbaut, hat sehr gute Karten.“

Die Bundesregierung will das Projekt auch finanziell mit einer bisher nicht genannten Summe unterstützen. Die Mittel würden im Rahmen des Programms „Important Projects of Common European Interest“ (IPCEI) zur Verfügung gestellt. Das Land Schleswig-Holstein will bis zu 50 Millionen Euro Förderung dazugeben.

Mittelstandsverband rechnet mit weiteren Ansiedlungen

Wirtschaftsverbände freuen sich über der Entscheidung. „Die Investitionsentscheidung Intels zugunsten Magdeburgs ist der Jackpot für den Innovationsstandort Deutschland“, sagte Hans-Jürgen Völz, Chefvolkswirt beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), unserer Redaktion.

Viele kleinere Zuliefererfirmen dürften von der Entscheidung profitieren – etwa Lieferanten und Dienstleister, aber auch Hersteller von Produktkomponenten. Trotz der weltwirtschaftlichen Verwerfungen sei in Deutschland die Versorgungssicherheit durch diese Firmen aufrecht erhalten worden – ein Faktor, der im Ausland wahrgenommen werde, sagte Völz: „Ich prognostiziere weitere Ansiedlungen internationaler Konzerne.“

EU fördert Chipindustrie mit Milliardenzahlungen

Sowohl Magdeburg als auch Heide mussten sich gegen gegen die Konkurrenz mehrerer Länder in Europa durchsetzen. Intel setzt dabei auch auf kräftige Zuschüsse der EU-Kommission. Diese hatte zu Jahresbeginn angekündigt, die Chipindustrie über einen „Chips Act“ mit insgesamt 43 Milliarden Euro zu fördern.

Auch die Ampel-Koalition hat sich zum Ziel gesetzt, Deutschland zu einem globalen Standort der Halbleiterindustrie auszubauen. Voraussetzung für die Intel-Investitionen seien deshalb noch die Beihilfegenehmigung der EU-Kommission sowie die Bewilligung notwendiger Förderungen durch die deutschen Behörden. Derzeit belastet der Chipmangel unter anderem die Autoindustrie stark.

Erste Intel-Werke in Europa

In der Halbleiterindustrie wird Magdeburg mit der Intel-Ansiedlung künftig zu einem neuen Zentrum der europäischen Chipindustrie. Entstehen sollen dort „modernste Halbleiter“. Insgesamt will Intel in den nächsten zehn Jahren bis zu 80 Milliarden Euro in der Europäischen Union entlang der Halbleiter-Wertschöpfungskette investieren – und zwar von der Forschung und Entwicklung bis hin zur Fertigung, kündigte der Intel-Konzernchef, Pat Gelsinger, am Dienstag in einer Videokonferenz an.

Es sind die ersten Werke des US-Konzerns auf dem europäischen Festland. Intel gilt derzeit nach dem südkoreanischen Samsung Electronics als zweitgrößter Chiphersteller der Welt.

Zehntausende Jobs bei Zulieferern könnten entstehen

„Unsere geplanten Investitionen sind ein wichtiger Schritt sowohl für Intel als auch für Europa“, sagte der Intel-Chef. „Wir sind entschlossen, eine wesentliche Rolle bei der Gestaltung der digitalen Zukunft Europas für die kommenden Jahrzehnte zu spielen.“

Intel will sofort mit der Planung der neuen Chipfabriken beginnen – und in Magdeburg ein neues „Silicon Junction“ schaffen. Der Bau soll 2023 beginnen, die Inbetriebnahme wird für 2027 anvisiert. Während der Bauarbeiten werden 7000 Arbeitsplätze gesichert. Neben den 3000 dauerhaften Arbeitsplätzen in der Fabrik würden zudem Zehntausende Jobs bei Zulieferern und Partnern entstehen.

Größte Industrieansiedlung in Schleswig-Holstein seit Jahrzehnten

In Schleswig-Holstein sollen in das Batteriewerk von Northvolt rund vier Millionen Euro investiert werden, berichtet der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Bislang wurde zunächst eine Absichtserklärung unterzeichnet. Die endgültige Entscheidung für die Investition sei nur noch eine „Sache von Monaten“, sagte der Northvolt-Chef Peter Carlsson. Der Produktionsstart sei für 2025 geplant. Jährlich sollten in dem Werk 60 Gigawattstunden für etwa eine Million Elektro-Fahrzeuge produziert werden.

Es wäre die größte Industrieansiedlung in Schleswig-Holstein seit Jahrzehnten und ein „Game Changer“ für die einstmals strukturschwache Region. Doch die Fabrik wäre auch für die gesamte deutsche Autoindustrie von großer Bedeutung. Sie würde die Hersteller unabhängiger von asiatischen Zulieferern machen. Schon heute ist Volkswagen ein wichtiger Partner von Northvolt – und mit 20 Prozent an dem schwedischen Unternehmen beteiligt. Weitere Kunden sind BWM und Volvo.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.