Gewerkschaft

Neue DGB-Spitze: Gewerkschaftspolitik am Frühstückstisch

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Alexander Klay
Yasmin Fahimi (SPD) soll soll als erste Frau an die Spitze des DGB-Vorstands.

Yasmin Fahimi (SPD) soll soll als erste Frau an die Spitze des DGB-Vorstands.

Foto: dpa

Yasmin Fahimi soll als erste Frau an die Spitze des DGB-Vorstands. Doch im neuen Amt könnten ihr einige Interessenkonflikte drohen.

Berlin. Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds (m/w/d) – auf diese Stellenanzeige ließ sich monatelang einfach kein geeigneter Bewerber finden. Einige Kandidaten wollten nicht, andere fanden unter den Bossen der mächtigen Mitgliedsgewerkschaften wie Verdi, IG Metall, IG BCE, IG BAU und Co. nicht ausreichend Unterstützung.

Zuletzt drängte auch noch die Zeit. DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann (66) geht im Mai in Rente. Jetzt ist die Lösung gefunden: Die SPD-Politikerin Yasmin Fahimi soll den Dachverband der großen deutschen Gewerkschaften führen. Wird sie Anfang Mai auf dem DGB-Kongress gewählt, ist sie die erste Frau an der Spitze des Gewerkschaftsbunds.

DGB: Zum ersten Mal eine Frau an der Spitze

Kurz nach Bekanntgabe am Mittwoch spricht IG-Metall-Chef Jörg Hofmann dann auch von einem wichtigen Schritt für den Dachverband der Gewerkschaften, dass erstmals eine Frau an der Spitze des DGB stehen könne. Bei einigen dürfte die Personalie jedoch ein gewisses Unbehagen hervorrufen, da Weichenstellungen in der Gewerkschaftspolitik bald am Frühstückstisch gemacht werden könnten.

Fahimis Lebensgefährte ist Michael Vassiliadis. Er ist Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), einer der größten Organisationen im DGB. Das kann zu Interessenkonflikten führen. Obendrein war er zuletzt auch noch für die Kandidatensuche verantwortlich.

DGB Spitze: Nachfolger-Suche verlief holprig

Doch Fahimi hat die einstimmige Rückendeckung des DGB-Bundesvorstandes, der damit die überaus holprige Nachfolge-Suche für ihren Vorsitzenden Reiner Hoffmann beenden kann. Monatelang wurde ein Kandidat nach dem anderen verbrannt. Das Vorschlagsrecht hätte eigentlich die mit 2,3 Millionen Mitgliedern größte und einflussreichste Gewerkschaft IG Metall gehabt, fand aber niemanden.

Kandidaten wie IG-BAU-Chef Robert Feiger sagten ab, IG-BCE-Chef Vassiliadis fand bei Verdi keine Unterstützung. Im Gespräch waren auch Andrea Nahles, die jetzt Chefin der Bundesagentur für Arbeit wird, sowie Anja Piel. Die frühere Grünen-Politikerin sitzt bereits im geschäftsführenden Bundesvorstand des DGB.

Fahimi erfüllt alle Voraussetzungen für das Amt

Doch es sollte nach dem Willen der einflussreichen Industriegewerkschaften jemand sein, der die Industrie kennt. Und versteht, wie groß die Herausforderungen beim anstehenden ökologischen Umbau der deutschen Wirtschaft sind. Dieser wird die Arbeit und die Arbeitsplätze in den wichtigsten Schlüsselbranchen grundlegend verändern. Bei der erneuten Kandidatensuche brachte Vassiliadis seine Lebensgefährtin ins Spiel.

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Denn Yasmin Fahimi erfüllt die Voraussetzungen. Die Hannoveranerin hat Elektrotechnik und Chemie studiert, anschließend vom Jahr 2000 bis 2013 für die IG BCE gearbeitet. Zunächst in der Jugendarbeit der Gewerkschaft, später als Leiterin der Grundsatzabteilung.

Darauf folgte eine kurze Episode im Spitzenkreis der SPD. Von 2014 bis 2015 war Fahimi Generalsekretärin der Sozialdemokraten unter dem damaligen Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, mit dem es Meinungsverschiedenheiten gegeben haben soll. Danach wechselte sie als Staatssekretärin zu Arbeitsministerin Andrea Nahles, seit 2017 ist sie einfache Bundestagsabgeordnete.

Im neuen Amt könnten Interessenkonflikte drohen

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann lobt Fahimi als „eine außerordentlich erfahrene, in den Belangen der Arbeitswelt sehr versierte und gut vernetzte Expertin“. Der Industriestandort Deutschland sei in einer entscheidenden Umbruchphase – und Fahimi bringe als langjährige Industriegewerkschafterin die dringend benötigten Kompetenzen mit.

Doch im neuen Amt drohen ihr, wie Kritiker sagen, auch Interessenkonflikte. So hat es in der Vergangenheit immer wieder Krach zwischen den Gewerkschaften gegeben. Geknirscht hat es in der jüngeren Vergangenheit etwa zwischen IG BCE und Verdi bei den großen Energieversorgern Eon und RWE. Auch zwischen Verdi und der IG Metall gab es immer wieder Zwist. Heute sprechen die Groß-Gewerkschaften in der Regel mit einer Zunge.

Beim Umbau der Industrie ist Streit zu erwarten

Doch beim bevorstehenden Umbau der Industrie hin zur klimaneutralen Produktion sind viele Meinungsverschiedenheiten und Zielkonflikte zu erwarten. Als Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbunds ist es Fahimi, die hier unter den Organisationen vermitteln muss. Wie das unvoreingenommen gelingen soll, wenn mit ihrem Lebensgefährten Vassiliadis einer der potenziell am Streit Beteiligten am Frühstückstisch sitzt?

Zu möglichen Interessenkonflikten im Hause Fahimi-Vassiliadis möchte sich namentlich am Mittwoch (26.1) niemand äußern. Das sei eine Privatsache, die die Lebensgefährten unter sich ausmachen müssen. Vor allem sei es aber auch ein Thema, das der DGB mit seinen Mitgliedsgewerkschaften intern klären müsse. An dem Wechsel einer einfachen Bundestagsabgeordneten in ein Spitzenamt haben sonst kritische Beobachter auch nichts zu beanstanden.

Auch die Arbeitgeber reiben sich daran wohl nicht. Eine Sprecherin der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) sagt unserer Redaktion: „Wir haben mit der bisherigen Führung des DGB gut und vertrauensvoll bei allen Meinungsunterschieden zusammengearbeitet. Es ist unsere entschlossene Absicht, diese Zusammenarbeit mit einer neuen Führung fortzusetzen, wenn sie der Gewerkschaftstag im Frühjahr bestätigt hat.“