Medienkonzern

Springer-Verlag: Viel Ärger nach Rauswurf des „Bild“-Chefs

| Lesedauer: 6 Minuten
Jörg Quoos
Der Springer-Verlag in Berlin-Kreuzberg. Hier verlief die Mauer, hier nutzte Axel Springer seinen Firmensitz auch als Statement gegen die Staatsführung der DDR.

Der Springer-Verlag in Berlin-Kreuzberg. Hier verlief die Mauer, hier nutzte Axel Springer seinen Firmensitz auch als Statement gegen die Staatsführung der DDR.

Foto: Bildagentur-online/Joko / picture alliance / Bildagentur-online/Joko

Julian Reichelt ist als „Bild“-Chefredakteur entlassen – nun steht Springer-Chef Mathias Döpfner nach einem DDR-Vergleich unter Druck.

Berlin. Es war eine Horrorwoche für Axel Springer, einen der größten deutschen Medienkonzerne mit über 16.000 Mitarbeitern in 40 Ländern und mit Titeln wie „Bild“, „Welt“, „Business Insider“ und seit Kurzem auch dem US-Portal „Politico“.

Aus dem Rauswurf von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt am vergangenen Montag ist innerhalb weniger Tage eine Krise für den gesamten Verlag und ihren Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner geworden.

Es geht nicht mehr nur um den Sturz des Chefredakteurs von „Bild“, sondern auch um private SMS sowie einen Vergleich, der viele in der Medienbranche verstört und der auch Döpfners Ehrenamt, die Präsidentschaft beim Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), berührt.

Döpfner: „Julian Reichelt hat uns nicht die Wahrheit gesagt“

Die interne Videobotschaft war kurz und ohne Inszenierung. Mitarbeiter von Springer haben sie auf Youtube hochgeladen und öffentlich gemacht. Im schwarzen T-Shirt erklärt sich Mathias Döpfner am Mittwochmorgen zum „Compliance-Fall Julian Reichelt“, wie der Vorstandsvorsitzende die Angelegenheit nennt.

Es geht um den Chefredakteur von „Bild“, der im März bereits für zwölf Tage beurlaubt worden war, um Vorwürfe zu klären, er habe mit mehreren unterstellten Mitarbeiterinnen Verhältnisse begonnen und dabei seine Macht als Chefredakteur ausgenutzt.

Nach einer eingehenden Untersuchung durch eine externe Kanzlei mit angeblich „zwiespältigem Ergebnis“ hatte Döpfner Reichelt begnadigt und ihm als Co-Chefredakteurin Alexandra Würzbach zur Seite gestellt. Reichelt habe aus damaliger Sicht einen „schweren Fehler“ begangen, aber keinen „unverzeihlichen“.

Reichelt „hat aus den Fällen von damals nichts gelernt“

Jetzt kommt Döpfner zu einer anderen Einschätzung. Er berichtet, dass Reichelt nach Recherchen von „Buzzfeed“ auf eine weitere Beziehung mit einer Mitarbeiterin angesprochen wurde. „Er hat es bestritten“, so Döpfner.

Erst nachdem Reichelt mit zwei Zeugenaussagen konfrontiert wurde, habe er die Beziehung eingeräumt. Döpfner: „Damit war klar: Erstens – er hat aus den Fällen von damals nichts gelernt. Zweitens – er hat uns nicht die Wahrheit gesagt, und wir mussten sofort handeln.“

Dieser öffentliche Bruch mit Reichelt kommt spät, das räumt Döpfner selbst ein, nicht ohne an den Grundsatz der Unschuldsvermutung zu erinnern. Dann ordnet er das Ausmaß des Schadens auch gleich ein. „Alles sehr schlimm“, sagt der Vorstandsvorsitzende und betont, dass es sich nicht um ein Kulturproblem des ganzen Springer-Verlages handele, sondern um „ein Problem bei ‚Bild‘“. Daher müsse hier „sehr schnell und noch viel grundlegender“ gehandelt werden.

Die Problemlösung liegt jetzt bei dem 37-jährigen Johannes Boie, der bislang die „Welt am Sonntag“ führt und als ehemaliger „Chief of Staff“ von Mathias Döpfner das besondere Vertrauen des Vorstandsvorsitzenden genießt.

Als neuer „Politico“-Eigentümer im Fokus der US-Öffentlichkeit

Und das Problem ist seit der Veröffentlichung durch die „New York Times“ besonders groß geworden. Axel Springer steht als neuer Eigentümer des politisch höchst einflussreichen Portals „Politico“ im Fokus der amerikanischen Öffentlichkeit.

Nirgendwo werden Verstöße gegen Compliance-Regeln oder Nachlässigkeit in der Unternehmensaufsicht, insbesondere wenn es um Sex in der Company geht, härter geahndet als in den USA. Da sind Berichte über Axel Springer wie der jüngste Beitrag in der „New York Times“ Gift für das Geschäft.

SMS an Benjamin Stuckrad-Barre im Wortlaut veröffentlicht

Als schlimm für Mathias Döpfner erweist sich auch eine private SMS, die er an Benjamin Stuckrad-Barre schrieb. Der Schriftsteller, der durch exzentrische Bücher und krasse Drogenbeichten bekannt wurde, hatte sie nach einem Streit mit Döpfner offenbar weitergeleitet.

Mehrere Medien veröffentlichten ihren Wortlaut, der jetzt zu einer öffentlichen Debatte um die Geisteshaltung Döpfners geführt hat.

Demnach verteidigte Döpfner einen scharfen „Bild“-Kommentar, in dem Reichelt die Corona-Politik der Bundesregierung kritisierte, mit den Worten, Reichelt sei „halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt“. „Fast alle anderen Journalisten“ seien zu „Propaganda-Assistenten“ geworden.

Döpfners private Äußerungen sorgen für großes Aufsehen

Der Kontext der Konversation ist nicht bekannt und ein Springer-Sprecher hat dazu öffentlich erklärt, dass „Mathias Döpfner die Bundesrepublik Deutschland selbstverständlich nicht für vergleichbar mit der DDR hält“. Dennoch hat die geleakte private Bemerkung Döpfners für großes Aufsehen gesorgt.

Sogar die „New York Times“ berichtet darüber. Döpfner beklagt, die Veröffentlichung der privaten Nachricht sei eine Grenzüberschreitung gewesen und betont, dass bewusste Polemik oder Ironie durch die Veröffentlichung unterschlagen werde.

Aber dennoch ist der private Gedanke jetzt in der Welt. Die Bundesrepublik wie die frühere DDR? Ein Vergleich, der gerade nach Springer-Maßstäben grotesk ist. Kein anderes deutsches Medienhaus hat die DDR derart scharf kritisiert und publizistisch an deren Untergang mitgewirkt wie Axel Springer.

Kritik von FUNKE-Geschäftsführer Christoph Rüth

Offiziell will sich der BDZV nicht zu der Einschätzung ihres Präsidenten äußern. Aber Mitglieder des einflussreichen Verbandes widersprechen Döpfner deutlich.

Christoph Rüth, Geschäftsführer der FUNKE Mediengruppe, in der auch diese Zeitung erscheint, erklärte: „Die – wenn auch angeblich überspitzte – Formulierung ‚Propaganda-Assistenten‘ für die Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten halten wir für völlig unpassend. So ein Gedanke und eine derartige Tonlage sind dem Amt eines BDZV-Präsidenten nicht angemessen. Die Journalistinnen und Journalisten in Deutschland sind nämlich ganz überwiegend ihrer Wächterfunktion nachgekommen und haben die Corona-Maßnahmen der Bundes- beziehungsweise der Landesregierungen kritisch begleitet beziehungsweise tun es noch.“

BDZV-Vizepräsident und Madsack-Chef kritisiert DDR-Vergleich

Auch Thomas Düffert, Geschäftsführer der Madsack Mediengruppe, die unter anderem die „Hannoversche Allgemeine“, die „Leipziger Volkszeitung“, die „Märkische Allgemeine“ und die „Ostsee-Zeitung“ herausgibt, meldete sich zu Wort. Die „öffentlich gewordenen Aussagen von Herrn Döpfner sind für alle Journalistinnen und Journalisten der Madsack Mediengruppe und sicher auch darüber hinaus eine unangemessene und verfehlte Herabsetzung“, erklärte Düffert in einer dpa-Umfrage unter deutschen Medienhäusern.

Auch in privaten Diskussionen „sollte kein Zweifel an der Integrität und Unabhängigkeit der Redaktionen der Zeitungsverlage aufkommen, sondern diese gerade gegen derartige Vorwürfe verteidigt werden“.

Düfferts Statement ist für Döpfner besonders brisant. Der Madsack-Manager ist einer seiner Stellvertreter im Präsidium des BDZV.