Wirtschaft

Berliner Geschäftsklima – „Tal des Todes verlassen“

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Isabell Jürgens
Das Geschäftsklima in Berlin erholt sich inzwischen wieder.

Das Geschäftsklima in Berlin erholt sich inzwischen wieder.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Herbstkonjunkturbericht von IHK und Handwerkskammer: In den meisten Branchen herrscht Optimismus – aber nicht in allen.

Berlin.  Berlins Unternehmen haben die Coronakrise weitgehend überwunden und schaffen zunehmend den Anschluss an das Vorkrisen-Niveau. Das ist die gute Nachricht, die Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der Berliner IHK und Jürgen Wittke, Hauptgeschäftsführer der Berliner Handwerkskammer, am Dienstag gemeinsam überbrachten. Nach Angaben des Berliner Konjunkturberichts zur wirtschaftlichen Lage im Herbst ist der Geschäftsklimaindex nun bereits zum dritten Mal in Folge auf nunmehr 125 Punkte gestiegen. Damit liegt er zwar unter den Höchstwerten der Vor-Corona-Zeit, aber deutlich über dem Wert im Herbst 2020 (106 Punkte).

„Wir haben das Tal des Todes verlassen und sind wieder klar über den Pass rübergekommen – also es geht bergauf“, fasste es Eder in etwas dramatische Worte. Auch wenn das Niveau der Boomjahre 2013 bis 2018 mit Werten jeweils über 140 Punkten noch nicht wieder erreicht sei, gebe es begründeten Anlass zu der Hoffnung, dass die Dynamik weiter anhalte.

Lieferengpässe, steigende Preise und fehlende Fachkräfte

Der Geschäftsklimaindex berechnet sich aus den Angaben zur aktuellen geschäftlichen Lage des befragten Unternehmens und den Erwartungen für das kommende Jahr. Bei den Investitionsaktivitäten liegt der Wert nach Angaben des Berichts mit 37 Punkten sogar über dem von 2019, also vor Beginn der Krise. Besonders optimistisch blickt offenbar die Digitalwirtschaft in die Zukunft. Auch Elektrotechnik-, Fintec- oder Pharmaunternehmen sendeten entsprechend positive Signale. „Branchen mit direktem Kundenkontakt wie Handel, Beherbergung und Gastronomie, aber auch Veranstaltungs- und Messewesen stünden weiter unter Druck. „Hier macht sich auch bemerkbar, dass der Tourismus noch längst nicht wieder auf Vorkrisenniveau ist. So seien 2021 6,4 Millionen Besucher weniger in die Stadt gekommen als vor Ausbruch der Pandemie. „Diese Besucher fehlen uns noch und sorgen für ein gespaltenes Konjunkturbild“, so Eder weiter.

Nahezu alle Branchen haben zudem zunehmend Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden. Der wachsende Mangel an Fachkräften droht deshalb die wirtschaftliche Erholung zu bremsen“, warnte Eder. Mehr als 52 Prozent der Unternehmen sehen hierin eine Gefahr für ihre Geschäftsentwicklung. Dies gelte aktuell besonders in der Gastronomie.

Steigende Rohstoff- und Energiepreise machen Unternehmen zu schaffen

Zunehmend machen sich auch weitere Folgeeffekte der Krise bemerkbar. So führen ungeplante Ersparnisse aus der Krisenzeit zu einer erhöhten privaten Nachfrage, gleichzeitig waren Produktionskapazitäten noch nicht wieder vollständig verfügbar. Auch steigende Rohstoff- und Energiepreise machen den Unternehmen zu schaffen. „Die Ergebnisse zeigen, dass wirtschaftliches Wachstum kein Selbstläufer wird“, sagte der IHK-Chef.

Die Politik müsse deshalb einen klaren Fokus auf die Wirtschaft setzen: „Es darf keinen weiteren Lockdown für Geimpfte und Genesene geben, weitere finanzielle oder bürokratische Belastungen müssen ausbleiben und die Verwaltung gehört endlich auf moderne und funktionierende Füße gestellt“, forderte Eder von der neuen Landesregierung. Es gebe viele Herausforderungen, die der neue Senat angehen müsse.

„Das Handwerk hofft dabei auch auf die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand – etwa beim Klimaschutz“, ergänzte Handwerkskammer-Chef Jürgen Wittke. Zudem erhoffe er von der neuen Landesregierung, dass der „Konfrontationskurs verlassen wird hin zu mehr Kooperation“, das Handwerk sei dazu jedenfalls bereit. „Im rot-grün-roten Sondierungspapier taucht das Wort Handwerk allerdings an keiner Stelle auf – da ist noch Luft nach oben“, so Wittke weiter.

Jeder dritte Betrieb will neue Mitarbeiter einstellen

Insgesamt würde das Berliner Handwerk jedoch wieder positiver in die Zukunft sehen. „Die Geschäfte laufen aktuell sehr viel besser, als von den Betrieben noch im Frühjahr dieses Jahres erwartet wurde“, sagte Wittke. 86 Prozent der befragten Handwerksbetriebe sind demnach zufrieden, darunter 40 Prozent, die sogar von guten Geschäften berichten. Auch deswegen suche das Handwerk in Berlin neue Mitarbeiter. „Jeder dritte Handwerksbetrieb will Beschäftigung aufbauen“, sagte Wittke.

Der Optimismus wäre sicherlich noch größer, gäbe es nicht die Engpässe bei der Materialbeschaffung und Probleme in den Lieferketten. Steigende Rohstoff- und Energiepreise gehen auch am Berliner Handwerk nicht spurlos vorbei. „Insbesondere Betriebe des produzierenden Gewerbes werden deshalb ihre Verkaufspreise erhöhen müssen“, sagt Wittke. Mehr als die Hälfte der Befragten rechne damit, die Kostensteigerungen nur so auffangen zu können.