Pandemie

Lieferschwierigkeiten: Fahrräder werden zur Mangelware

| Lesedauer: 6 Minuten
Beate Kranz
Weltfahrradtag: So viele Bikes wie noch nie in Deutschland

Weltfahrradtag: So viele Bikes wie noch nie in Deutschland

Heute wird der Weltfahrradtag begangen. Er wurde eingeführt, um das Fahrrad mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und auf Gefahren im Straßenverkehr aufmerksam zu machen.

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Fahrräder sind so begehrt wie nie zuvor - allerdings sind Zweiräder in der Pandemie Mangelware. Die Branche klagt über Lieferengpässe.

Berlin. Wer eine feste Idee von seinem Traumfahrrad hat, braucht viel Geduld. Ob Rennrad, Mountainbike, City-, Holland-, Kinder- oder Lastenrad – bei fast allen neuen Zweirädern gibt es für einzelne Komponenten derzeit Lieferschwierigkeiten. Mal fehlt es an der gewünschten Schaltung, mal an den Bremsen oder der passenden Rahmengröße in der Wunschfarbe. Vielfach können Händler noch nicht mal mehr ein Datum für die Lieferung für ein bestelltes Fahrrad fest versprechen.

"Fahrräder sind zwar noch verfügbar, aber wer eine klare Vorstellung von seinem neuen Rad im Kopf hat, der muss lange warten", berichtet Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). Das Problem treffe nicht nur einzelne Markenhersteller, sondern die gesamte Branche. "Nur wer bei Marke, Form und Farbe flexibel ist, dürfte schneller fündig werden."

Corona: Pandemie hat große Auswirkungen auf Fahrrad-Branche

Die Corona-Pandemie hat der Fahrradindustrie in Deutschland bereits 2020 das beste Geschäftsjahr seit Jahrzehnten beschert. Der Absatz stieg im Vergleich zum Vorjahr um 16,9 Prozent auf 5,04 Millionen Fahrräder, der Umsatz kletterte sogar um 61 Prozent auf 6,44 Milliarden Euro. Grund für das gigantische Erlösplus liegt in der höheren Nachfrage auch nach den teureren E-Bikes, die mit 1,95 Millionen Stück schon 39 Prozent des Absatzes ausmachen. Im Schnitt kostete ein Rad 1279 Euro. Europaweit legte der Fahrradumsatz um 40 Prozent auf 18,3 Milliarden Euro zu – bei 22 Millionen verkauften Rädern.

Doch die Corona-Pandemie hat – wie in vielen anderen Industrien auch – weltweite Lieferketten unterbrochen. Zulieferbetriebe insbesondere in Asien müssen wegen hoher Inzidenzen immer wieder schließen, Produktionen in Malaysia und Taiwan liegen oder lagen still. Die Fahrradindustrie, die den Großteil ihrer Rahmen in Asien herstellen lässt, ist zudem noch von den Nachwirkungen der Havarie des Frachtschiffs "Ever Given" im Suezkanal betroffen. Manche Produzenten hatten zahlreiche Container voller Komponenten an Bord, die bis heute für die Montage fehlen, andere hatten komplette Fahrräder darin.

"Einige Händler warten bis heute noch auf bis zu 40 Prozent der Räder, die sie bereits im vergangenen Jahr bestellt haben", berichtet Hans-Peter Obermark vom Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ). Zudem seien in rund 90 Prozent aller Fahrräder Komponenten des japanischen Konzerns Shimano verbaut, der ebenfalls Werke herunterfahren musste.

Markt dürfte sich erst Ende 2024 wieder normalisieren

"Angesichts der Lieferengpässe werden wir in diesem Jahr wohl wieder die Umsätze und Absätze des Vorjahres erreichen. Große Steigerungsraten sind allerdings nicht möglich", schätzt Stork. Gleichzeitig dürften wegen der weltweiten Rohstoffknappheit bei Stahl, Aluminium und Kautschuk die Preise steigen. Die Transportkosten für Container aus Asien haben sich teilweise verzehnfacht. "Hersteller werden sie nicht komplett an Endkunden weitergeben, aber mit 10 bis 15 Prozent Teuerung ist zu rechnen", glaubt Stork. So hat beispielsweise ein Hollandradhersteller auf seiner Internetseite eines seiner Traditionsräder um 100 Euro verteuert – allerdings ist auch dieses derzeit nicht lieferbar.

Einige Händler versuchen dem Mangel vorzubeugen, berichtet Stork: "Manche Importeure haben ihre Räder bis ins Jahr 2024 bereits geordert – und diese teilweise auch schon an den Fahrradhandel verkauft. Die Vorlaufzeiten in der Branche sind derzeit extrem lang." Der Fahrradhandel erwartet, dass sich der Markt erst Ende 2024 normalisieren wird – sofern es nicht zu weiteren Lockdowns komme. Die Nachfrage werde dabei weiter steigen.

Fahrrad-Branche: Warum man auf lokale Produktionen setzen sollte

Angesichts der Lieferprobleme plädiert der europäische Dachverband der Fahrrad-, Pedelec-, Teile- und Zubehörindustrie (Conebi), mehr in die lokale Produktion in Europa zu investieren. Die Verbrauchernachfrage boome nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch als Alternative zu öffentlichen Verkehrsmitteln in der Pandemie.

Allein in Deutschland arbeiten derzeit etwa 280.000 Menschen in der Fahrradwirtschaft, davon 25.000 in der Produktion. Hinzu kommen geschätzt 5000 Fahrradhändler. Im vergangenen Jahr wurden hierzulande 2,15 Millionen Fahrräder produziert – elf Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei werden mit 1,3 Millionen E-Bikes (plus 27,9 Prozent) schon mehr elektrisch betriebene Räder produziert als herkömmliche Modelle mit 0,8 Millionen (minus acht Prozent).

"3,6 Millionen der 4,5 Millionen in der EU und in Großbritannien verkauften Pedelecs wurden in der Region hergestellt", sagt auch der europäische Conebi-Verbandsmanager Manuel Marsilio. Damit würden 80 Prozent der Pedelecs in Europa produziert. "Nach aktuellen Prognosen erwarten wir, dass sich der Wert der in Europa produzierten Teile und Zubehörs bis 2025 auf sechs Milliarden Euro verdoppeln wird."

Die Produktion wirke sich auch positiv auf die Klimaziele der EU aus, ist Marsilio überzeugt: "Die lokale Produktion führt zu einer Reduzierung der CO2-Emissionen von mehr als zwei Millionen Tonnen pro Jahr."

Das sieht die deutsche Fahrradwirtschaft und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) genauso. Sie fordern von der nächsten Bundesregierung eine konsequente Verkehrswende zugunsten des Fahrrads: Das Fahrrad sollte bis 2025 einen Anteil am Verkehrsaufkommen von 20 Prozent und bis zum Jahr 2030 von 30 Prozent erreichen.