Mobilität

Flugtaxis: So fühlt es sich im Innern der Elektro-Jets an

| Lesedauer: 12 Minuten
Tobias Kisling
Der batteriebetriebene Lilium-Jet soll mit bis zu 300 Stundenkilometer schnell fliegen und Reichweiten von bis zu 250 Kilometer bewältigen können.

Der batteriebetriebene Lilium-Jet soll mit bis zu 300 Stundenkilometer schnell fliegen und Reichweiten von bis zu 250 Kilometer bewältigen können.

Foto: picture alliance/dpa/Lilium

Das Start-Up Lilium will ab 2024 Passagiere per Flugtaxi befördern. Kann das gelingen? Ein Besuch bei der Produktion vor Ort.

Weßling. Da steht sie also, die Zukunft. Versteckt hinter großen weißen Vorhängen, die von der hohen Decke des Hangars hängen und das Objekt in ihrer Mitte vor neugierigen Blicken schützen. Vor dem Vorhang geht es wuselig zu. Ingenieure sitzen vor großen gebogenen Bildschirmen an Schreibtischen mitten im Hangar und tippen auf ihren Tastaturen, andere verschwinden in die angrenzenden Hallen, wo gebaut, geschraubt, getestet wird.

Hinter den Vorhängen ist von dieser Betriebsamkeit nichts mehr zu spüren. Die schweren Vorhänge schlucken die Geräusche, es ist ruhig. Und in der Mitte steht er, der Jet, der mit seinem aerodynamischen Bau, den vier Flügeln und 36 Rotoren ein wenig an die Form eines Hammerhais erinnert. Jedenfalls sieht er aus, als wäre er gerade aus einem Science-Fiction-Film kommend mitten im Hangar des Sonderflughafens Oberpfaffenhofen nahe München gelandet.

Es ist kein normales Flugzeug. Es ist ein Flugtaxi, ein batteriebetriebener Senkrechtstarter, der den Reiseverkehr revolutionieren soll: Der „Lilium Jet“ des gleichnamigen Münchener Start-Ups soll schon in drei Jahren die ersten Passagiere transportieren. Zusammen mit dem Bruchsaler Start-Up Volocopter gilt Lilium damit als deutscher Hoffnungsträger in einer aufstrebenden Branche.

Liliums Flugtaxi: Schlichtes Cockpit und ein Laderaum wie ein Autokofferraum

Die Oberfläche des Jets glänzt, die Gangway ist hinuntergeklappt und gibt den Blick auf den Innenraum frei. Betritt man den Jet, befindet sich zur Linken das Cockpit. Wer die sonst übliche Flut an Kontrollsystemen, Schaltern, Hebeln und Lampen erwartet, wird enttäuscht. Nur zwei Steuerknüppel rahmen elegant einen großen Bildschirm ein.

Hinter der von innen verschließbaren Schiebetür zum Cockpit befindet sich der kleine Kabinenraum. Man muss sich bei einer Deckenhöhe von 1,48 Metern bücken, um auf einem der sechs Sitze Platz zu nehmen, zu beiden Seiten eines schmalen Gangs montiert und mit synthetischem Material bespannt sind, das an Kunstleder erinnert.

Hat man es zum Platz geschafft, sitzt man bequem, die Beinfreiheit ist komfortabel. Und die großen Fenster versprechen die Aussicht auf ein spektakuläres Panorama. Das Gepäck ist sicher im Frachtraum im hinteren Teil des Jets verstaut, der sich wie ein Autokofferraum aufklappen lässt.

Mehr als 100 Start-Ups forschen an Flugtaxis

Als die Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) vor drei Jahren kurz vor Amtsantritt von Flugtaxis in Deutschland sprach, erntete sie Hohn und Spott. Das digital abgehangene Deutschland träumt von einer abstrakten Technik, die noch Jahrzehnte auf sich warten lassen wird, kaum machbar und wenig sinnvoll ist, lautete der Tenor. Skeptiker gibt es noch immer. Doch der Markt hat sich rasant entwickelt, das Abstrakte wurde konkret.

Mehr als 100 Start-Ups liefern sich weltweit ein Wettrennen, um die strombetriebenen und emissionsfreien Drohnen in die Luft zu bekommen. Die Unternehmensberatung Roland Berger rechnet damit, dass Flugtaxis bis 2050 Einnahmen von rund 90 Milliarden US-Dollar (rund 76 Milliarden Euro) generieren werden. Analysten der US-Bank Stanley Morgen sehen sogar ein Marktpotenzial von bis zu 1,5 Billionen US-Dollar (rund eine Billion Euro) bis 2040. Drohnen und Flugtaxis werden zum Milliardengeschäft.

Ab 2024 will Lilium die ersten Passagiere transportieren

Der hohe Konkurrenzdruck sorgt für ehrgeizige Ziele. Ab 2024 will Lilium Passagiere mit seinem Jet transportieren. Ab 2025 soll in mehr als einer Region geflogen werden. Und sollten es die Gesetze bis dahin zulassen, könnte ab den 2030er Jahren der Jet autonom, ohne Pilot unterwegs sein.

Während viele Flugtaxi-Anbieter auf den innerstädtischen Flugverkehr setzen, will Lilium Städte und Orte miteinander verbinden, deren Verbindung oft staugeprägt ist oder wo es keine ICE-Anbindung gibt. „Wir werden nur Strecken anbieten, bei denen wir die Reisezeit gegenüber anderen Verkehrsmitteln signifikant reduzieren können“, sagt Patrick Nathen, einer der vier Lilium-Gründer, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Ticketpreis von 1,16 Euro pro Kilometer

Drei Startplätze sind bereits bekannt – neben einem Startplatz in Florida befinden sich zwei davon in Deutschland. Zwischen den Flughäfen sowie von den Flughäfen Köln/Bonn und Düsseldorf sowie Nürnberg und München wird Lilium hierzulande beginnen.

Lilium könnte damit in eine Lücke vorstoßen: Gerade erst hat die Lufthansa ihre Zubringerflüge auf der 150-Kilometer-Kurstrecke zwischen den Flughäfen Nürnberg und München eingestellt. 1,16 Euro soll der zurückgelegte Kilometer mit dem Lilium-Jet kosten und damit günstiger als eine Taxifahrt werden. „Unser Service ist nicht nur für das oberste ein Prozent der Bevölkerung gedacht, er soll langfristig für jedermann erschwinglich werden“, sagt Patrick Nathen.

Von Hamburg nach Berlin würde fast 300 Euro kosten

Wobei erschwinglich wohl dehnbar ist. Zwischen den Flughäfen Düsseldorf und Köln/Bonn liegen nur etwas mehr als 40 Kilometer Luftlinie, ein einfacher Flug im Lilium-Jet würde also knapp unter 50 Euro kosten. Bis zu 250 Kilometer soll der 3.175 Kilogramm schwere siebensitzige Lilium-Jet mit Platz für sechs Passagiere und den Piloten an Bord fliegen können. Das entspricht ungefähr der Strecke von Berlin nach Hamburg.

Zwar würde man rund die Hälfte der Zeit sparen, dafür würde die Reise zwischen der Haupt- und der Hansestadt aber auch fast 300 Euro kosten – nur für den Hinflug. „Je schneller unser Netzwerk wächst, desto schneller werden wir die Kosten senken können“, sagt Nathen. Ziel sei, dass der Flugtaxiflug perspektivisch nicht teurer als ein 1. Klasse-Bahn-Ticket ist.

Start vom Parkhaus

Ein Vorteil von Flugtaxis ist, dass sie wenig Infrastruktur benötigen. Der 8,5 Meter lange Lilium-Jet ist ein Senkrechtstarter, er braucht mit seiner Flügelspannweite von 13,9 Metern lediglich einen Hubschrauberlandeplatz.

Lilium-Startplätze können also auf Flughäfen, aber auch auf Parkhäusern oder Flachdächern mitten in der Innenstadt entstehen, sie ermöglichen ein schnelles Ein- und Aussteigen. Die Flügel des Jets sind umklappbar. Startet der Jet, sind die 36 Rotoren in Richtung Boden geneigt, befindet er sich im Gleitflug, befinden sie sich in einer waagerechten Position.

Bereits 2025 will Lilium schwarze Zahlen schreiben

Dabei soll das Flugtaxi beim Starten nicht lauter als ein vorbeifahrender Lkw, im Flug nicht lauter als ein Staubsauger sein – ein großer Vorteil gegenüber herkömmlichen Hubschraubern. Lilium plant mit Produktionskosten von 2,5 Millionen Dollar pro Flieger – schon ab 2025 will das Unternehmen schwarze Zahlen schreiben.

Sollte das klappen, hätten in gerade einmal zehn Jahren die vier Gründer Daniel Wiegand, Patrick Nathen, Sebastian Born und Matthias Meiner ein Stück Luftfahrtgeschichte geschrieben. Alle vier waren Studenten und Doktoranden an der Technischen Universität München (TUM), als sie 2015 Lilium gründeten. Die Wohngemeinschaft wurde zum Lebensraum und Büro, jeder nahm einen Kredit von rund 25.000 Euro auf. Sechs Jahre später macht Lilium noch keinen Cent Umsatz – und wird trotzdem mit rund 2,8 Milliarden Euro bewertet.

Börsengang soll in den kommenden Wochen erfolgen

In den kommenden Wochen will sich Lilium durch einen Börsengang an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq frisches Geld beschaffen. Lilium rechnet mit Einnahmen von rund 830 Millionen Dollar (rund 700 Millionen Euro).

Schon heute zählen Investoren wie Chinas Internetgigant Tencent, Skype-Gründer Niklas Zennström, der Tesla-Unterstützter Baillie Gifford und auch der deutsche Unternehmer Frank Thelen zu den Geldgebern.

Im Aufsichtsrat sitzt unter anderem der langjährige Airbus-Chef Tom Enders, der nach dem Börsengang als Aufsichtsratschef vorgesehen ist. Das lässt den Bekanntheitsgrad steigen, rund 100.000 Bewerbungen gingen im Vorjahr bei Lilium ein, 250 Bewerber wurden genommen. Ein regelrechter Hype ist entstanden.

Ex-Mitarbeiter kritisierten Lilium

Doch die Bilderbuch-Geschichte hat zuletzt Risse bekommen. Erst brannte einer der beiden Test-Jets ab. Dann meldete sich im Branchenmagazin „Aerokurier“ ein Ingenieur zu Wort, der vorrechnete, dass es für Lilium unmöglich sein wird, mit bis zu 300 Stundenkilometer rund 250 Kilometer weit zu fliegen – zu gering sei die Energiedichte der derzeitigen Batterien.

Schließlich deuteten ehemalige Lilium-Beschäftigte gegenüber dem US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ an, dass Investoren in die Irre geführt würden und es Probleme bei den Flugtests gebe. Batterieforscher der Pittsburgher Carnegie Mellon Universität rechneten vor, dass die Batterien bereits nach wenigen Start- und Landevorgängen durchschmoren würden.

Lilium weist Vorwürfe zurück

Patrick Nathen weist die Vorwürfe zurück. „Unsere Berechnungen fußen auf dem, was bereits heute möglich ist“, sagt er. Die Praxis spreche für sich: Mehr als 100 Stunden Testflüge habe der Jet bereits absolviert. Und doch: Lilium steht in der Defensive – erst recht, nachdem jüngst nach einer „Welt am Sonntag“-Recherche bekannt wurde, dass der Lufttaxi-Bauer seine Bilanz nachträglich ändern musste und der Fortbestand des jungen Unternehmens mit einem Risikohinweis versehen wurde.

Der Anlaufverlust im Jahr 2019 fiel mit 75,4 Millionen Euro demnach fast doppelt so hoch aus wie zunächst angenommen. Der Risikohinweis sei hinfällig, sollte der Börsengang klappen, sagte Lilium-Finanzchef Michael Andersen der „Welt am Sonntag“.

Neben der Finanzierung wächst auch der Druck, konkrete Nachweise über die technische Machbarkeit zu präsentieren. Rivale Volocopter etwa ließ öffentlich sein autonomes Flugtaxi vier Minuten lang über Stuttgart schweben und hat zudem ein Pilot-Projekt mit Dubai abgeschlossen. Der börsennotierte chinesische Flugtaxi-Hersteller EHang hat bereits Tausende Testflüge absolviert. Lilium aber ist zurückhaltend, verschwiegen.

Lilium ist verschwiegen

Ein wackeliges Video zeigt den kleineren Lilium-Jet mit fünf Sitzen, wie er rund 40 Sekunden in der Luft schwebt. Vom Siebensitzer gibt es derzeit das Präsentationsmodell in Oberpfaffenhofen, ein flugfähiger Jet soll erst im kommenden Jahr gebaut werden – aber bereits 2023 die Zulassung erhalten.

Wenig dringt aus den Hallen Liliums, wo 650 Beschäftigte arbeiten, nach außen. Auch bei der seltenen Möglichkeit des Produktionsbesuchs vor Ort ist Lilium vorsichtig. Ein externer Fotograf darf die Hallen nicht betreten, bei zwei Hallen darf man nur bis zur Eingangsschwelle, nicht aber in die Halle selbst. Groß ist die Angst vor Spionage. „Schnelligkeit in der Entwicklung und der technologische Fortschritt werden am Ende darüber entscheiden, wer das Rennen macht“, sagt Nathen.

Lilium kündigt mehr Transparenz an

Mit der Geheimniskrämerei kann es so nicht weitergehen. Zum einen verlangt die US-Börsenaufsicht SEC im Zuge des Börsengangs transparente Daten und Fakten.

Zum anderen droht Lilium mit zunehmender Kritik der Vertrauensverlust. Das junge Unternehmen steuert gegen. Nathen schrieb eine Machbarkeitsanalyse anhand vorhandener Daten, lies sie von Experten der Universitäten Cambridge, Berlin und Stuttgart begutachten. Auch solle es bald einen Testflug vor Publikum geben. Einen Termin gäbe es zwar nicht. „In jedem Fall können und wollen uns jetzt mehr öffnen und zugänglicher werden“, verspricht Nathen.

Spätestens beim Testflug soll sichtbar werden, ob Lilium tatsächlich den Reiseverkehr der Zukunft verändern kann – oder an Luftschlössern baut.