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Corona-Krise: Bis zu 120.000 Läden stehen vor dem Aus

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Beate Kranz
Bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz vierten Tag in Folge unter hundert

Bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz vierten Tag in Folge unter hundert

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Infektionen liegt den vierten Tag in Folge unter hundert. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) unter Berufung auf Angaben der Gesundheitsämter mitteilte, wurden in den vergangenen sieben Tagen landesweit 83,1 Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner nachgewiesen.

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Der Lockdown bringt viele Läden in Existenznot. Die Mehrheit der Deutschen möchte auch in Zukunft mehr online einkaufen - auch Ältere.

Berlin. „Schluss, aus. Alles muss raus. Sale.“ Mit handgeschriebenen Zetteln im Schaufenster verabschiedet sich eine Ladenbesitzerin von ihren Kundinnen und Kunden. Jahrelang hat sie ihr kleiner Eckladen mit Geschenkartikeln ernährt, doch die Corona-Pandemie hat alle finanziellen Reserven aufgebraucht. Nun zieht die Berlinerin die Notbremse. Sie macht ihr Geschäft dicht, die Kasse ist leer. Und sie ist kein Einzelfall.

Wie viele Händler während der Krise aufgegeben haben, kann niemand sagen. Selbst der Einzelhandelsverband kennt ihre Zahl nicht. Nur Insolvenzen werden regis­triert – und deren Entwicklung ist wegen der vorübergehenden Aussetzung der Insolvenzpflicht wenig aussagekräftig. Doch jeder kann es beobachten: In vielen Städten sind Läden verrammelt, keiner weiß, ob sie wieder öffnen. In einigen residieren schon neue Betreiber.

Online-Handel wächst in der Corona-Krise stark

Im Gegenzug erlebt der Online-Handel während der Pandemie sein bislang größtes Wachstumsplus. Der Umsatz ist 2020 um rund ein Viertel auf 73 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Für 2021 erwartet der Handelsverband Deutschland (HDE) einen weiteren Zuwachs auf geschätzt 85 Milliarden Euro – das wäre gut viermal so viel wie noch vor elf Jahren.

Unterm Strich entfallen im Jahr 2020 somit 12,6 Prozent aller Handelsumsätze in Höhe von 557 Milliarden Euro auf Einkäufe übers Internet – ohne Lebensmittel und Getränke (Food) sind es bereits 18 Prozent, wie aus dem „Online-Monitor 2021“ des HDE hervorgeht.

„Die Corona-Pandemie befeuert den Trend zum Online-Einkauf“, sagt Eva Stüber, Mitglied der Geschäftsleitung des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln. In der Krise haben viele Konsumenten das Internet für sich neu entdeckt. Manche haben erstmals Waren online bestellt, andere haben dort mehr geordert, weil der Versandhandel oftmals die einzige Möglichkeit bot, gewünschte Waren zu erhalten.

Amazon gewinnt im Online-Handel immer mehr Marktmacht

Aber auch Händler, die bislang nur mit einem Laden vertreten waren, haben während der Krise einen Sprung ins Digitale vollzogen. Gut 45 Prozent der stationären Händler haben sich mittlerweile mit einem eigenen Online-Shop aufgestellt oder verkaufen ihre Artikel über Online-Plattformen, berichtet HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Die strenge Trennung zwischen online und stationär macht deshalb keinen Sinn, die meisten Unternehmen bedienen längst beide Kanäle.“

Die neue Nachfrage verschafft vor allem der Online-Verkaufsplattform Amazon eine immer größere Bedeutung: In Deutschland werden über Amazon laut HDE nun 53 Prozent des gesamten Online-Handelsumsatzes erzielt. Die Vermarktung über eigene Händler-Webseiten erfolgt nur in 37 Prozent der Fälle.

Bei den größten Plattformen weltweit fehlt ein deutsches Unternehmen

Damit wächst die gigantische Macht der großen Plattformen. Weltweit schätzt die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (Unctad) den Umsatz der 13 größten Online-Anbieter für 2020 auf 2,9 Billionen Dollar (2,4 Billionen Euro) – ein Plus von 20,5 Prozent zum Vorjahr. Der Online-Anteil am Einzelhandelsumsatz beträgt weltweit somit 19 Prozent – nach 16 Prozent im Vorjahr. Weltmarktführer ist die chinesische Firma Alibaba, gefolgt von Amazon. Deutschland spielt in dem Reigen der Giganten nicht mit.

Doch das Online-Geschäft ist auch hierzulande nicht mehr wegzudenken. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie schnell das Wachstum zulegen wird. Den größten Umsatzanteil im Online-Handel in Deutschland erzielen Elektroartikel (24,5 Prozent), Mode und Accessoires (23,1 Prozent) sowie Freizeitartikel (15,2 Prozent). Danach folgen die Waren des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel oder Drogerieartikel, Wohnen und Einrichten (9,2 Prozent) sowie Gesundheitsprodukte (6 Prozent).

Bis zu 120.000 Läden könnten schließen - damit fast jeder Vierte

Nicht alle Einkäufe werden aus dem Internet in die Innenstädte zurückkommen. „Bis 2023 muss bis zu einem Fünftel der stationären Läden seine Türen schließen – also bis zu 80.000 Geschäfte“, ist die Handelsexpertin Stüber überzeugt. Der HDE-Chef erwartet sogar, dass bis zu 120.000 Geschäfte durch die Krise wegfallen könnten. „Es droht vielerorts ein Anstieg der Leerstände“, sagt Genth. Insgesamt betreiben 300.000 Einzelhändler 450.000 Geschäfte.

Gleichzeitig bedeutet die Verlagerung der Einkäufe ins Netz aber auch kein generelles Aus für Geschäfte oder Einkaufsstraßen. Doch sie dürften andere Funktionen übernehmen, meint die IFH-Expertin Stüber: „Inspiration, Ausprobieren, Testen und Lernen sowie Interaktion mit dem Personal und anderen Personen – das sind die Kernpunkte für Läden der Zukunft. Handel ist damit immer weniger Produktverkauf, sondern mehr Freizeitgestaltung.“

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70 Prozent der Deutschen wollen auch in Zukunft viel Online kaufen

Ein Großteil aller Verkäufe wird dennoch künftig weiter im realen Leben in Läden stattfinden – so sie denn wieder geöffnet sind. Gleichzeitig sagen 70 Prozent der Deutschen, dass sie auch im nächsten Jahr den Großteil ihrer Einkäufe online erledigen wollen. Mit diesem Bekenntnis zum Online-Shopping liegen die Bundesbürger derzeit weltweit vorne, wie eine Umfrage des Zahlungsdienstleisters Klarna unter 9000 Befragten ergeben hat, die unserer Redaktion vorliegt.

Auf den weiteren Plätzen folgen die Schweden (65 %), Briten (62 %) und Österreicher (54 %). Interessant: Vor allem 63 Prozent der älteren Deutschen zwischen 56 und 65 Jahren wollen 2022 den Großteil ihrer Einkäufe online erledigen, bei den über 66-Jährigen sagen dies 58 Prozent. Der Wandel im Handel ist damit unübersehbar.

Handelsverband fordert 500 Millionen-Fonds für Städte und Kommunen

Noch leidet der stationäre Handel unter der eingeschränkten Öffnung. Die Umsätze des Non-Food-Bereichs liegen in den ersten fünf Monaten 60 Prozent unter dem Vergleichszeitraum vor der Krise. Die Lage bleibt deshalb für viele existenzbedrohend.

Damit die Innenstädte nach den monatelangen Ladenschließungen nicht veröden, fordert der Handelsverband die Politik dringend zum Handeln auf, so Genth: „Wir brauchen einen Innenstadtfonds in Höhe von jährlich 500 Millionen Euro, der es den Städten und Kommunen ermöglicht, ihre aktuelle Lage zu analysieren und individuelle Konzepte zu erstellen.“ Zudem müssten die Corona-Hilfen endlich schnell dort ankommen, wo sie gebraucht werden. „Das ist leider noch immer nicht ausreichend der Fall.“