Einzelhandel

Smarter Edeka: Wie das Einkaufen ohne Kasse funktioniert

| Lesedauer: 5 Minuten
Finn Mayer-Kuckuk
So funktioniert der smarte Einkaufswagen von Edeka

So funktioniert der smarte Einkaufswagen von Edeka

Keine langen Schlangen an der Kasse, kein Waren aufs Band legen: Edeka testet den smarten Einkaufswagen Easy Shopper. Der rechnet schon während dem Gang durch den Laden aus, wie viel der Einkauf kostet.

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In Süddeutschland testet die Bahn zusammen mit Edeka einen Minimarkt ganz ohne Personal. Wird das Konzept bundesweit Fuß fassen können?

Berlin. In Corona-Zeiten ist der „Selbst-Check-out“ in Supermärkten und Drogerien besonders gefragt. Doch selbst hier wacht Kassenpersonal über das Geschehen am Ausgang – und betreut die Kunden, die mit dem Scanner nicht zurechtkommen.

Die Deutsche Bahn und Edeka heben den Grundgedanken nun auf eine neue Stufe: Am Bahnhof Renningen bei Sindelfingen testet sie einen Mini-Markt, der fast vollständig ohne Personal auskommt.

Einkaufen ohne Personal: So funktioniert das neue Edeka-Konzept

Die Kunden wählen hier ihre Waren am Bildschirm aus und erhalten sie in einem Ausgabeschacht hingeschoben – der Laden verhält sich also noch wie ein überdimensionaler Automat. Ein logisches Konzept für eine Einrichtung, die an einem Bahnhof rund um die Uhr geöffnet sein soll.

Doch „Edeka 24/7“ markiert nur den Anfang dessen, was noch möglich ist. Die Bahn klinkt sich mit ihrem Konzept in einen weltweiten Trend zur radikalen Personaleinsparung im Einzelhandel ein. Was die Bahn am „Zukunftsbahnhof Renningen“ als Neuheit präsentiert, ist in China oder den USA bereits im Praxiseinsatz.

In den USA und China sind Läden ohne Mitarbeiter Praxis

Bei der Entwicklung von Supermärkten, die fast ohne Mitarbeiter auskommen, mischen Großkonzerne wie Amazon und Alibaba ebenso mit wie Start-ups, beispielsweise Aifi aus den USA oder Bingobox aus China.

Am Flughafen Schiphol in Amsterdam steht beispielsweise schon seit 2019 ein Minimarkt-Container ohne Personal und Kassierer, der von der Handelskette Albert Heijn bestückt wird. In Japan testet die Nachbarschaftsladenkette Lawson zusammen mit dem Technikkonzern Fujitsu derzeit ebenfalls Einkaufen ohne Berührungspunkte. Die Identifikation der Kunden erfolgt hier wahlweise per Gesichtserkennung oder per Auslesung des Musters der Blutgefäße in der Handfläche.

In China werden Waren per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung bezahlt

Eines der reifsten Konzepte setzt die Supermarktkette Hema in China um, die zum Handelskonzern Alibaba gehört. Die Kunden scannen die Artikel mit ihrem eigenen Handy, wenn sie sie in den Einkaufskorb legen. Vor dem Hinausgehen bezahlen sie die Waren per Bestätigung in der Bezahl-App Alipay per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung.

Sie können die Sachen auch am Ausgang scannen und dann mit Gesichtserkennung bezahlen. Voraussetzung ist aber auf jeden Fall ein Benutzerkonto bei der Alibaba-Handelsgruppe. Der Konzern kann so Daten über die Käufer sammeln.

Vier Mitarbeiter betreuen 40 Läden

In China gehen noch weit futuristischere Konzepte in die Praxis. In den Selbstbedienungsminimärkten Bingobox müssen die Kunden ihre Waren am Ausgang nur einem Computerterminal vorzeigen. In der ersten Generation wurden dazu auf einer Kontaktfläche kleine Transponder-Chips in der Verpackung gescannt.

Inzwischen läuft der Vorgang mit optischer Objekterkennung. Schon während sich die Kunden im Laden bewegen, registriert der Computer, welche Produkte sie mitnehmen. Die Personalersparnis der Bingobox ist gewaltig. Vier Mitarbeiter betreuen 40 Läden.

Die künstliche Intelligenz wird zum Kassierer

Bisher müssen sich die Kunden noch am Eingang der Bingobox mit einem Barcode anmelden, es ist aber eine vollständige Umstellung auf Gesichtserkennung geplant. Der Alibaba-Konzern hat die Idee in seinem Taocafé bereits umgesetzt.

Die Kunden können hineingehen, werden erkannt, können sich an Snacks und kleinen Waren wie T-Shirts nehmen, was sie wollen, und wieder herausspazieren. Es ist also künftig gar keine weitere Handlung des Käufers nötig: kein Scannen und keine Bestätigung des Warenkorbs oder Bezahlvorgangs. Die künstliche Intelligenz sieht alles und handelt entsprechend.

Es gibt wohl noch Probleme, wenn zwei Kunden über Kreuz nach Artikeln greifen oder sich um eine Ware streiten, die dann bei einem im Rucksack landet, aber in den meisten Fällen liegt das Erkennungssystem auch in solchen schwierigen Fällen richtig.

Amazon dringt auf den europäischen Markt vor

In den USA hat die Bingobox ihre genaue Entsprechung im Nanostore von Aifi. In der Praxis ist in Nordamerika aber bisher Amazon mit eigenen, voll digitalen Läden der Vorreiter. Das Konzept heißt „Amazon Go“ und entwickelt sich ständig weiter. Seit dem vergangenen Jahr eröffnet der Einzelhandelsweltmarktführer auch richtiggehende Supermärkte mit Frischwaren – ganz ohne Kassen oder Scanstationen.

Am vergangenen Donnerstag hat Amazon seinen ersten Supermarkt ohne Kasse in Europa eröffnet. In London eröffnete ein Laden unter dem Markennamen Amazon Fresh, das dem Konzept der Amazon-Go-Läden in den USA gleicht.

Die neue Innovation könnte zahlreiche Jobs kosten

Wie in China ist keine Geldbörse mehr nötig, nur das Handy und der Amazon-Account. Auch hier registrieren Sensoren, was der Kunde mitnimmt, die Abrechnung erfolgt automatisch. Auf Gesichtserkennung verzichtet Amazon aus Gründen des Datenschutzes. Ladendiebstahl ist daher schwierig und kommt tatsächlich auch um 90 Prozent seltener vor als in konventionellen Märkten.

Eine ganze Salve neuer Fachbegriffe verbreitet sich angesichts dieser Trends im Einzelhandel: autonomes Retail, friktionsloser Check-out, smarte Regale – gemeint ist aber auch immer: . In Deutschland arbeiten rund drei Millionen Beschäftigte im Einzelhandel. Wie viele davon vor allem an der Kasse sitzen, ist nicht bekannt – fest steht aber, dass zahlreiche Jobs wegfallen könnten.