Todesfall

„Bis zum letzten Atemzug“: Der Tod des Selfmade-Milliardärs

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Alexander Klay
Knorriger Patriarch, erfolgreicher Unternehmer: Heinz Hermann Thiele, Mehrheitsgesellschafter von Knorr-Bremse und Vossloh sowie Großaktionär der Lufthansa, wurde 79 Jahre alt.

Knorriger Patriarch, erfolgreicher Unternehmer: Heinz Hermann Thiele, Mehrheitsgesellschafter von Knorr-Bremse und Vossloh sowie Großaktionär der Lufthansa, wurde 79 Jahre alt.

Foto: Handout / AFP

Heinz Hermann Thiele hat sich ein Milliardenvermögen erarbeitet. Jetzt ist der Patriarch mit 79 Jahren überraschend gestorben.

Berlin/München. Als es im Sommer 2020 um Insolvenz oder Rettung der am Boden liegenden Lufthansa geht, kommt alles auf einen unberechenbaren Mann an, der einer breiten Öffentlichkeit eher unbekannt ist. Heinz Hermann Thiele hat sich gerade erst für Hunderte Millionen Euro bei der Not leidenden größten Airline Europas eingekauft. Auch nach einem Termin bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) hält er sich bedeckt. Erst in letzter Sekunde stimmt er der Rettung durch den Staat zu, die er zuvor kritisiert hatte.

Der Selfmade-Milliardär hat es innerhalb weniger Jahrzehnte in die Liga der reichsten Deutschen geschafft. Wie sein Lebensende einmal aussehen würde, sagte er vor einigen Jahren dem „Manager Magazin“ voraus: „Ich bin Unternehmer und werde bis zum letzten Atemzug unternehmerisch tätig sein.“ Nun ist Thiele am Dienstag mit 79 Jahren im Kreise seiner Familie in München überraschend verstorben.

Heinz Hermann Thiele: Jugend in „beschränkten finanziellen Verhältnissen“

Vor einigen Jahren hatte der damalige Mittsiebziger angekündigt, ein wenig kürzertreten zu wollen – vielleicht nur noch 40 statt 70 Stunden in der Woche zu arbeiten. Doch auch mit diesem Pensum dürfte er in seinem Imperium alle Fäden in der Hand gehabt haben. Thiele war nicht nur Großaktionär bei der Lufthansa, ihm gehörte auch mehrheitlich der Bremsenhersteller Knorr-Bremse und der Bahntechnikkonzern Vossloh.

„Er ist der klassische Patriarch. Noch nie ist eine Entscheidung ohne ihn gefallen“, heißt es über den öffentlichkeitsscheuen Thiele. Sein Aufstieg gilt in der Wirtschaftswelt als höchst respektabel. Sein autoritärer Stil ist umstritten.

Thiele sagte einmal, „äußerst beschränkte finanzielle Verhältnisse“ und der frühe Tod seines Vaters seien sein Ansporn gewesen, „um aus eigener Kraft etwas zu schaffen“. Zuletzt schätzte die Nachrichtenagentur Bloomberg sein Vermögen auf gut 20 Milliarden Dollar (16,5 Milliarden Euro). In etwa so vermögend sind auch die Erben des Aldi-Nord-Gründers Theo Albrecht, die Henkels oder Familie Brenninkmeijer (Modekette C&A).

Auf Berater hört Thiele nicht

Den Grundstein seiner Karriere legt Thiele 1969. Nach seinem Jurastudium steigt der gebürtige Mainzer in der Patentabteilung des Münchner Mittelständlers Knorr-Bremse ein. Zehn Jahre später ist er Vertriebschef der Firma – und nur sechs Jahre später gehört ihm das komplette Unternehmen. Das Geschäft lief damals nicht gut, der Firmenerbe wollte hinschmeißen, und Thiele sollte einen Käufer finden.

Thiele greift selbst zu. Er leiht sich Geld von Banken und beginnt mit der Sanierung. „Hier stimmte gar nichts“, stellt er später einmal fest. „Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht.“ Auf Berater, die das Bremsengeschäft aufgeben wollen, hört Thiele nicht. Er entscheidet sich für das Gegenteil, setzt auf Internationalisierung. Mit Erfolg. Heute ist Knorr-Bremse mit 30.000 Mitarbeitern Weltmarktführer bei Bremsen für Züge und Lastwagen.

Das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von zuletzt fast sieben Milliarden Euro wirft mit 588 Millionen Euro Gewinn hohe Profite ab. Knorr-Bremse ist eines der wertvollsten Unternehmen im Aktienindex MDax und gilt als Kandidat für einen Aufstieg in den Dax, die oberste deutsche Börsenliga.

Nach seinem Rückzug von der Konzernspitze 2007 stürzt sich Thiele ins nächste Abenteuer. 2011 steigt er beim Bahntechnik-Unternehmen Vossloh im sauerländischen Werdohl ein, ringt der Gründerfamilie die Macht ab. Schließlich gehört ihm auch die Mehrheit der Firma mit 3800 Mitarbeitern.

Entspannung fand Thiele etwa auf einem Landgut in Südamerika. In Uruguay betrieb er eine Rinderzucht mit Tausenden Tieren. Zudem gehörte ihm eine Fruchtplantage in Südafrika.

Gewerkschafter bezeichnet den Unternehmer als „Steinzeitkapitalist“

In der Heimat verlieren Gewerkschaften kein gutes Wort über Thiele. Flächentarifverträge lehnte er ab, verließ mit Knorr-Bremse den Arbeitgeberverband. Thiele sei ein „Steinzeitkapitalist“, der Arbeitsplätze aus bloßer Gier vernichte, ätzte der IG-Metall-Bezirkschef bei einer Werksschließung am Knorr-Bremse-Gründungsort Berlin.

Für die Zehntausenden Mitarbeiter seiner Firmen stellt sich nun die Frage, wie es nach dem Tod des Patriarchen weitergeht. Auch nach seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft hatten es Manager unter Thiele immer wieder schwer. Seine Tochter Julia sitzt im Aufsichtsrat von Knorr-Bremse. Sohn Henrik war zeitweilig für das Asiengeschäft verantwortlich und sollte 2015 die Bahnsparte übernehmen. Aus persönlichen Gründen, wie es hieß, schied er aber komplett aus.

Thieles Familienholding, in deren Hand auch 12,42 Prozent der Lufthansa-Aktien liegen, wird nun von seiner Frau und seiner Tochter kontrolliert.