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Versicherungen gegen Corona: Das Geschäft mit der Angst

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Beate Kranz
Merkel: Können bis Ende des Sommers Jedem Impfangebot machen

Merkel- Können bis Ende des Sommers Jedem Impfangebot machen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat zugesichert, dass jeder Bürgerin und jedem Bürger bis zum Ende des Sommers ein Angebot zu einer Corona-Impfung gemacht werden könne. Das sagte Merkel nach dem Impfgipfel in Berlin.

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Makler versuchen, Kunden eine Unfallversicherung gegen Schäden bei einer Corona-Impfung anzudrehen. Verbraucherschützer raten jedoch ab.

Berlin. Seit Beginn der Corona-Impfungen haben einige Versicherungsmakler ein neues Geschäftsfeld entdeckt. In persönlichen Briefen ermuntern sie ihre Kunden, ihren Versicherungsschutz zu optimieren. „Handeln Sie, bevor Sie sich impfen lassen“, heißt es in einem Schreiben eines Münsteraner Versicherungsvertreters der Axa Versicherung. Nicht jede Unfallversicherung komme bei Corona-Impfschäden auf, sondern nur solche in „einem bestimmten Tarif!!“

Dieses Schreiben sorgt nicht nur bei den angeschriebenen Kundinnen und Kunden für größte Verunsicherung, ob sie die Impfung nun überhaupt wagen sollen. Auch der Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese (SPD), der in seinem Bürgerbüro davon erfuhr, reagierte stark verärgert auf das Schreiben – und wandte sich gleich höchstpersönlich an den Konzernvorstand von Axa.

Corona-Versicherung sorgt für Verunsicherung bei den Bürgern

„Aus meiner Sicht tragen solche Zuschriften zu einer zusätzlichen Verunsicherung im Hinblick auf die wichtigen Impfungen gegen das Corona-Virus bei“, sagt Wiese unserer Redaktion. Grundsätzlich habe der SPD-Politiker nichts gegen einen Versicherungsschutz einzuwenden. Doch das „Wording“ in dem Brief habe ihn empört, da durch Schüren von Angst Geschäftemacherei betrieben werde und Verschwörungstheorien befeuert würden.

Der Axa-Vorstandsvorsitzende hat nach der Beschwerde die „Art und Tonalität“ in dem Kundenbrief bedauert. Der Konzern unterstütze grundsätzlich das Ziel der Bundesregierung einer möglichst schnellen Impfung der Bevölkerung „voll und ganz“, schreibt Axa-Chef Alexander Vollert an den Abgeordneten. „Es war zu keinem Zeitpunkt unsere Absicht, in diesem Zusammenhang für Verunsicherung zu sorgen.“

Der Brief sei nicht von der Axa, sondern von einem selbstständigen Handelsvertreter und Vertriebspartner formuliert worden, der „seinen Fehler bereits eingesehen“ habe und sich nun bei seinen Kunden entschuldige, so Vollert.

Corona-Impfschäden können über eine Unfallversicherung abgesichert werden

Wer sich gegen Impfschäden versichern möchte, kann dies über eine Unfallversicherung machen. Bundesweit bieten gut 300 Versicherer über tausend Tarifkombinationen an. Bei manchen Policen sind lediglich Folgen bei Tollwut, Wundstarrkrampf oder Borreliose abgesichert, bei anderen zusätzlich auch Infektionskrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln, Malaria oder Corona.

Fast jeder Mensch kann eine Unfallversicherung abschließen. Der Beitrag richtet sich nach Alter, Gefährlichkeit des Berufs und der Hobbys. Oft gibt es eine Altersbeschränkung – ab 17 bis etwa 81 Jahre. Je älter, desto höher der Beitrag. Das gleiche gilt vor die Profession: So zahlen Dachdecker aufgrund der höheren Unfallgefahr meistens mehr als Bürokräfte.

Auch Gleitschirmflieger und Motorradrennfahrer werden teurer eingestuft als Jogger oder Radfahrer. Der Jahresbeitrag schwankt zwischen 100 und 150 Euro, berichtet die Versicherungsexpertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Elke Weidenbach.

Verbraucherschützer raten: Keine Extraversicherung wegen Corona nötig

„Wegen der Corona-Pandemie würde ich keinem raten, eine Extra-Versicherung abzuschließen“, meint die Verbraucherschützerin. „Auch keine Unfallversicherung gegen Impfschäden.“ Wer bereits eine Unfallversicherung besitzt, sollte bei seiner Versicherung nachfragen, ob ein Schutz gegen mögliche Corona-Impfungen enthalten sind und ob dies nachträglich ergänzt werden kann.

Ihren Rat begründet die Verbraucherschützerin mit mehreren Argumenten: Grundsätzlich sei es schwierig, mögliche körperliche Probleme konkret als Folgen von Impfungen zu identifizieren. Zudem sind Impfschäden auch über andere Versicherungen abgesichert, sagt Weidenbach. Kann jemand beispielsweise nicht mehr arbeiten, so tritt in diesem Fall möglicherweise die Berufsunfähigkeitsversicherung ein. Im Todesfall zahlt der Lebensversicherer.

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Corona-Impfschäden: Staat und Hersteller treten ein

Hinzu kommt, dass bei möglichen Impfschäden auch der Staat einspringt. „Wer durch eine öffentlich empfohlene Schutzimpfung einen Impfschaden erlitten hat, erhält auf Antrag Versorgung nach dem Bundesversorgungsgesetz“, schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI). Dies sei im Infektionsschutzgesetz (Paragraf 60) ausdrücklich geregelt.

Abgewickelt werden die Schäden über die Versorgungsämter der Bundesländer. Sie umfassen die Kosten für die Heilbehandlung sowie eine mögliche Beschädigtenrente. Darüber hinaus haften in der Regel auch die Hersteller – und damit jene der bislang drei in Deutschland zugelassenen Präparate von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca.

Echte Impfschäden mit schweren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen für die Betroffenen sind in der Realität jedoch sehr selten. Manche Versicherungsexperten vergleichen die Wahrscheinlichkeit von Impfschäden mit einem Sechser im Samstagslotto oder einem Blitzeinschlag im Einfamilienhaus.

Corona-Impfung: Warum eine Rötung kein Impfschaden ist

Denn bei den körperlichen Reaktionen gilt es stark zu unterscheiden. So zählen typische Beschwerden nach einer Impfung – wie Rötung, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle oder auch mal Fieber-, Kopf- oder Gliederschmerzen - zu den üblichen Impfreaktionen. Das Immunsystem des Körpers reagiert damit auf den Impfstoff, so das RKI. Diese Reaktionen klingen in der Regel nach wenigen Tagen komplett ab – und gelten nicht als Impfschäden.

So weist auch die Versicherung Allianz Deutschland darauf hin, dass in einem Schadensfall der Zusammenhang zwischen Impfung und Invalidität oder Tod nachgewiesen werden muss, sagt eine Konzernsprecherin: „Reine Erkrankungen und vorübergehende Einschränkungen (wie Hautrötung und Fieber), ohne eine daraus folgende Invalidität, sind in der Unfallversicherung nicht versichert.“

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