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Bezos' Nachfolger: Der Aufstieg des neuen Amazon-Chefs Jassy

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Dirk Hautkapp
Milliardär Jeff Bezos: Das ist der Amazon Gründer

Milliardär Jeff Bezos: Das ist der Amazon Gründer

Der Amazon-Grüner Jeff Bezos gründete 1994 den Online-Buchhandel. Heute wird sein Vermögen auf 188 Milliarden Dollar geschätzt. Im Feburar 2020 tritt er als Chef von Amazon zurück: Bezos will mehr Zeit in andere Projekte investieren.

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Nach Jeff Bezos' bevorstehendem Wechsel in den Verwaltungsrat hat Andy Jassy bei Amazon des Sagen. Auf ihn warten Chancen und Probleme.

Washington/Seattle. 
  • Amazon-Chef und Gründer Jeff Bezos tritt als Firmenchef zurück
  • Er will aber nicht in den Ruhestand gehen, sondern sich anderen Projekten widmen, darunter der Raumfahrt
  • Sein Nachfolger, Andy Jassy, steht bereits fest

Es ist eine der beeindruckendsten Karrieren der vergangenen Jahrzehnte: Vor rund 27 Jahren gründete Jeff Bezos in einer Garage bei Seattle einen Online-Buchladen. Aus seiner Faszination für das Internet entstand einer der wertvollsten Konzerne der Welt: Amazon. Nach über einem Vierteljahrhundert leitet der weltgrößte Onlinehändler nun den Wechsel an seiner Vorstandsspitze ein - Bezos wird den Vorsitz im dritten Quartal 2021 an Andy Jassy abgeben, den Leiter des boomenden Cloud-Geschäfts.

Andy Jassy: So ist der neue Amazon-Chef aufgestiegen

Der Aufstieg Andy Jassys zum neuen Chef des weltgrößten Online-Allesverkäufers verdankt sich einer Geschichte, die typisch ist für Amazon. Anfang der 2000er Jahre habe Bezos ihn gebeten, den Wildwuchs im Betriebssystem des Unternehmen zu beschneiden, erzählte der 53-Jährige einmal vor Journalisten. Das digitale Großreinemachen endete damit, das riesige Rechner-Kapazitäten frei wurden. „Warum vermieten wir das nicht?”, fragte Jassy. Gesagt, getan. Die Weichen für eine besondere Erfolgsgeschichte im Amazon-Konzern waren gestellt.

Zwar ist Amazon binnen eines Vierteljahrhunderts der global unumschränkte Onlineversand-Händler geworden. Im vergangenen Jahr lag der Gesamtumsatz bei rund 390 Milliarden Dollar. Doch üppig sind die Gewinn-Margen nicht durchweg. Das sieht in der 2006 von dem Rockmusik- und Eishockey-Fan aus dem Großraum New York aufgebauten Konzern-Sparte AWS (Amazon Web Services) ganz anders aus. 2020 warfen Jassys Computer-Server-Farmen bei 45 Milliarden Dollar Umsatz 13,5 Milliarden Gewinn ab - und damit mehr als die Hälfte des gesamten Konzern-Profits von 21 Milliarden.

AirBnB und die Hotelkette Kempinski listen hier freie Betten, Netflix streamt darüber Filme und Serien. Zwei Drittel aller DAX-Unternehmen sind hier vertreten. Selbst der Geheimdienst CIA und das US-Heimatschutzministerium nutzen die zwischen Mumbai, Peking, Sidney und Frankfurt installierten Mega-Speicherplätze zur Daten-Aufbewahrung.

AWS ist weit vor Microsoft oder Google mit einem Marktanteil von über 30 Prozent der weltweit größte und wichtigste Vermieter von IT-Dienstleistungen über das Internet, sprich in der Cloud. Seit der Gründung vor 14 Jahren wurden über 60 Mal die Preise gesenkt - und so der Konkurrenz das Wasser abgegraben. Ohne die stetig wachsenden Profite der Abteilung „Wolke”, sagen Analysten in Washington, wäre die Expansion des an der Börse auf 1,6 Billionen Dollar taxierten Konzerns ebenso unwahrscheinlich gewesen wie der Aufstieg Bezos zum zweitreichsten Mann der Welt (hinter Teslas Elon Musk).

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Mit der Bestellung des 1997 direkt nach Abschluss der Harvard Business School ins Unternehmen eingetretenen Jassy, der meist schüchtern auftritt, bekräftigt Bezos „den Glauben an weiteres Wachstum in der Branche der Rechenfabriken”, sagen Experten in US-Zeitungen. Jassy hatte sich rückblickend schon 2012 als Visionär entpuppt. Damals sagte der wie Bezos in Daten, permanente Innovation, Sparsamkeit und Fokussierung auf die Kunden versessene Manager: „Die Web Services haben das Potenzial, das größte Geschäft von Amazon zu werden, größer noch als der Internethandel.”

Amazon-Gründer Jeff Bezos gibt Konzernführung ab
Amazon-Gründer Jeff Bezos gibt Konzernführung ab

Mit Bezos geht 26 Jahre nach Gründung des als kleiner Online-Buchladen gestarteten Konzerns aus Seattle mit heute 1,3 Millionen Mitarbeitern einer der erfolgreichsten Unternehmer der vergangenen 100 Jahre zu einem ökonomisch günstigen Zeitpunkt ins zweite Glied. Im letzten Quartal 2020 betrug der Umsatz über 125 Milliarden Dollar - plus 44 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Während andere Unternehmen strauchelten, hat Amazon in der Corona-Pandemie in nahezu allen Sparten zugelegt.

Jassy: Auf den Spuren von Bezos, Musk und Gates

Der 57-Jährige verfügt über ein Privatvermögen von rund 190 Milliarden US-Dollar. Neben der künftigen Rolle im Verwaltungsrat, zu der auch das Aufspüren neuer Geschäftsideen gehöre, will sich der seit seiner Scheidung mit der Moderatorin Lauren Sanchez liierte Unternehmer auf Steckenpferde konzentrieren. Dazu gehört das Raumfahrt-Unternehmen „Blue Origin”, das mittelfristig mit Elon Musks „SpaceX” konkurrieren will. Mit zwei großen Fonds setzt sich Bezos, auf den philantrophischen Spuren von Microsoft-Gründer Bill Gates wandelnd, für Kinder in sozial prekären Verhältnissen und gegen den Klimawandel ein. Außerdem liegt ihm das 2013 gekaufte Medien-Unternehmen „Washington Post” weiter am Herzen.

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Jassy übernimmt kein einfaches Erbe. Bewunderung und Verachtung für Amazon liegen nicht nur im Stammland USA nah beieinander. Der omnipräsente Konzern gilt als Vernichter des konventionellen Buch- und Einzelhandels, sorgt immer wieder durch fragwürdige Arbeitsbedingungen für Schlagzeilen und hat es, wie Google, Apple & Co., in punkto Steuervermeidung zu einiger Meisterschaft gebracht.

Politisch weht den Mega-Konzernen parteiübergreifend ein kalter Wind ins Gesicht. Wettbewerbsbehörden zwischen Berlin, Brüssel und Washington werfen etwa Amazon vor, den Handel zu verzerren und kleinere Unternehmen via Datenabschöpfung zu benachteiligen. Jeff Bezos persönlich musste sich im vergangenen Sommer erstmals einer unangenehmen Befragung durch den US-Kongress unterziehen.

Damals beendete der Justiz-Ausschuss eine 16-monatige Untersuchung mit dem Befund, dass Amazon über eine ungesunde Marktmacht verfüge, die dringend zu brechen sei. Der Schlüsselsatz, mit dem sich demnächst Andy Jassy beschäftigen muss, lautete: „Unternehmen, die einst Außenseiter-Start-ups waren, die den Status quo herausgefordert haben, sind Monopole geworden, wie wir sie zuletzt in der Ära der Ölbarone und Eisenbahn-Tycoons gesehen haben.“

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