Industriekonzern

Der Lautsprecher tritt ab: Siemens-Chef Joe Kaeser hört auf

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Alexander Klay
Ein Siemens-Chef steht nicht mit leeren Taschen da: Joe Kaeser (r.) verdiente im vergangenen Jahr 9,27 Millionen Euro. Sein bisheriger Stellvertreter Roland Busch kam zuletzt auf fünf Millionen Euro.

Ein Siemens-Chef steht nicht mit leeren Taschen da: Joe Kaeser (r.) verdiente im vergangenen Jahr 9,27 Millionen Euro. Sein bisheriger Stellvertreter Roland Busch kam zuletzt auf fünf Millionen Euro.

Foto: Matthias Balk / POOL/AFP via Getty Images

Siemens-Chef Joe Kaeser hört nach 40 Jahren bei dem Industriekonzern auf. An diesem Mittwoch übernimmt Roland Busch. Was erwartet ihn?

Berlin. An seinem Nachfolger lässt Joe Kaeser keinen Zweifel aufkommen. „Roland Busch war immer mein Mann und mein Kandidat für die Nachfolge“, sagt der Chef des Industriekonzerns Siemens in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. An diesem Mittwoch ist es so weit. Nach über sieben Jahren an der Spitze reicht Kaeser den Vorstandsvorsitz an Roland Busch weiter. Damit endet eine Ära – der seit den 1990er-Jahren betriebene Konzernumbau mit zahlreichen Abspaltungen ist vollzogen.

Zuletzt sagte Kaeser gerne, es sei sein Ziel gewesen, Siemens in einem besseren Zustand zu übergeben, als er es übernommen habe. Diese Mission hat er erfüllt. Mit einem Börsenwert von 102 Milliarden Euro steht der Konzern an der Spitze der wertvollsten deutschen Unternehmen – nur die Softwareschmiede SAP und der Gase-Spezialist Linde sind mehr wert.

Die Geschäftszahlen sind solide. Bei einem Umsatz von 57,1 Milliarden Euro verbuchte Siemens im Geschäftsjahr 2019/20, das im September endete, 4,2 Milliarden Euro Gewinn.

„Kaeser hat das Unternehmen geeint“

Der studierte Betriebswirt aus Niederbayern blickt auf vier Jahrzehnte bei dem Industriekonzern zurück. Im Sommer wird Josef Käser, der sich erst seit seiner Zeit im Silicon Valley Joe Kaeser nennt, 64. Er hinterlässt einen Konzern, der sein Gesicht unter seiner Führung radikal verändert hat und heute in ruhigem Fahrwasser unterwegs ist.

Sein Vorgänger Peter Löscher musste 2013 nach einer Reihe von Gewinnwarnungen abtreten. „Kaeser hat das Unternehmen damals nicht nur geeint – auch mithilfe seiner guten Vernetzung im Haus –, sondern er hatte auch eine Vision für Siemens“, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Er hat sie umgesetzt und Siemens damit auch vor Angriffen von außen bewahrt.“

Kaeser brachte den Konzernumbau zu Ende, den seine Vorgänger Heinrich von Pierer und Peter Löscher seit den 1990er-Jahren verfolgten. Den Gemischtwarenladen Siemens, der neben Telefonen, Glühbirnen und Kühlschränken auch Medizingeräte und Kraftwerke baute, gibt es nicht mehr. Siemens-Kühlschränke kommen schon lange nicht mehr von dem Konzern.

Kaeser will Klima schützen - und kritisiert Klima-Aktivisten
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Ein weiterer Umbau des Konzerns ist kaum möglich

Heute steht Siemens auf drei Säulen: digitale Industrie, intelligente Infrastruktur rund um Energiesysteme und Gebäudetechnik sowie Mobilität mit Zügen und Bahntechnik. Kaeser spaltete die Medizintechnik (Siemens Healthineers) und das Kraftwerksgeschäft (Siemens Energy) ab und brachte sie an die Börse.

Das Unternehmen noch weiter umzubauen – das sei ohne Eingriffe in die Substanz kaum möglich, heißt es im Konzern. Mit dem Plan, die Zugsparte mit dem französischen Konkurrenten Als­tom zusammenzulegen, blitzt er 2019 bei den Wettbewerbshütern der EU ab.

Auch nach außen hat Kaeser Strahlkraft. Er ist ein Lautsprecher, bezieht gerne öffentlich Stellung – zu seinem Unternehmen und zu politischen Ansichten. Manchmal tippt er Statements schneller ins Netz, als die eigene Kommunikationsabteilung hinterherkommt. Und manchmal hat das heftige Konsequenzen: Für sein Engagement gegen Rechtsextremismus erhält er eine Morddrohung.

Roland Busch will sich seltener äußern

Als der Konzern vor einem Jahr in die Schlagzeilen gerät, weil er an einem umstrittenen Projekt zur technischen Ausrüstung einer Bahnstrecke zu einem australischen Kohlebergwerk festhält, versucht Kaeser, seine Kritiker einzubinden.

Er bietet Luisa Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung bei der Energiesparte einen Sitz in einem Aufsichtsgremium für Umweltfragen an – und gibt in einem Gespräch zu, dass die Unterschrift unter dem mit 18 Millionen Euro verhältnismäßig unbedeutenden Vertrag ein Fehler gewesen sei. Seine Kritiker konnte er mit dem späten Geständnis aber kaum besänftigen. Bei einem Auftritt Kaesers vor 3000 Unternehmern stürmte eine Aktivistin auf die Bühne.

Ob von der Siemens-Spitze künftig leisere Töne zu hören sein werden? „Ich werde mich äußern, wenn es um die geschäftlichen Interessen und Werte von Siemens geht“, sagt Roland Busch. Der promovierte Physiker ist seit 1994 bei Siemens, seit 2011 Mitglied des Vorstands. Nach dem Zahlenmenschen Kaeser steht jetzt wieder ein Techniker an der Spitze. Er handele lösungsorientiert und pragmatisch, heißt es über den 56-Jährigen aus dem fränkischen Erlangen.

Das freut viele im Unternehmen. Auch Arbeitnehmervertreter sind mit der Personalie durchaus zufrieden. Sie dürften auch wenig Reibungspunkte haben mit dem neuen Chef. Die Ära des tiefgreifenden Konzernumbaus hat Kaeser vollendet – und Busch war daran als Vorstandsmitglied maßgeblich beteiligt. Weitere radikale Maßnahmen wird er vorerst wohl nicht ergreifen müssen.

Energiesparte muss 7800 Stellen streichen

Für Joe Kaeser endet die Amtszeit jedoch mit einem Wer­muts­trop­fen. Einen Tag vor seinem Abtritt verkündet Siemens Energy den Abbau von 7800 Stellen in den nächsten vier Jahren. Jeder Zwölfte soll gehen. Vor allem Mitarbeiter an den Standorten Berlin, Duisburg und Mülheim/Ruhr müssen wohl um ihre Arbeitsplätze bangen. Zwar ist die Sparte seit September 2020 eigenständig – doch vorher war Kaeser ihr Chef. Und als Aufsichtsratsvorsitzender ist er dem Unternehmen noch immer eng verbunden.

Betroffen seien vor allem Bereiche der konventionellen Energieerzeugung mit Kohle, Gas und Öl. Hier hinterlässt die Energiewende ihre Spuren. Kaeser muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht zu lange an den fossilen Energien festgehalten hat. Nach einer kürzlich ­abgeschlossenen Zukunftsvereinbarung mit der Gewerkschaft IG Metall soll der Stellenabbau bei Siemens Energy möglichst ohne Kündigungen ablaufen.